Um 18.31 Uhr war die Welt für die Union noch in Ordnung. Als erstes Wahllokal lieferte Eggingen-Mehrzweckhalle die Ergebnisse, das die CDU bei 46,5 Prozent und die Grünen bei 19,5 Prozent nannte. In der nächsten halben Stunde entwickelte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem die Grünen nach der Auszählung von 44 Wahllokalen von 136 erstmals um 19.02 Uhr die Nase mit 27,4 gegenüber 27,3 Prozent vorn hatten. Nach Wahllokal 68 kletterten sie dann über 30 Prozent und gaben die Führung nicht mehr ab.

Jubel bei den Grünen

Großer Jubel im Foyer des Ulmer Rathauses, wo sich alte Kämpen in den Armen lagen, Jung und Alt gemeinsam feierten wie sonst nur beim ersten Einzug in den Bundestag oder als Winfried Kretschmann Ministerpräsident wurde. „Das ist ein tolles Gefühl“, frohlockte Michael Joukov-Schwelling von den Grünen, zumal erstmals bei einer bundesweiten Wahl ein so gutes Ergebnis erzielt wurde.

„Die Umweltthemen haben den Ausschlag gegeben“, analysierte er den Wahlerfolg: „Die Menschen wollen keine Versprechen mehr, sie wollen echten Klimaschutz.“ Im schlechten Abschneiden der AfD, die unter zehn Prozent und deutlich unter ihren Erwartungen blieb, zeige sich die klare europafreundliche Stimmung. Ein Vertreter der AfD war nicht zur offiziellen Wahlparty ins Rathaus gekommen. Auch die FDP hatte keinen gewählten Vertreter zur Verkündung der Ergebnisse ins Rathaus geschickt.

SPD und CDU enttäuscht

Ganz bitter hingegen die Stimmung bei den Sozialdemokraten, die in der Zill im Fischerviertel ihre Wunden leckten. Der Kreisvorsitzende Martin Ansbacher hielt kurz nach 20 Uhr mit seinen Gefühlen nicht hinter dem Berg: „Das tut fast schon körperlich weh, mir reicht’s“, mahnte er seine Partei im Bund an, die große Koalition in Berlin sofort zu beenden: „So können wir nicht weitermachen.“

„Das Ergebnis macht einen nicht glücklich“, bemühte sich der CDU-Fraktionsvorsitzende im Ulmer Gemeinderat um Fassung. Hinter den Grünen zu landen, sei bitter, sagte Thomas Kienle. Er versprach aber und verwies damit auf die heute erwarteten Ergebnisse zur Kommunalwahl, die Grünen am Ratstisch mit guter Klimapolitik stellen zu wollen. Den Erfolg der Grünen wertete er auch als Trend: „Es ist traurig, dass die großen Volksparteien keine Vertrauensbasis mehr bekommen.“

DIE PARTEI holt in Ulm teilweise mehr als fünf Prozent

Wie auf Bundesebene überraschte auch in Ulm eine Kleinpartei – die Satirepartei DIE PARTEI des ehemaligen Titanic-Chefredakteurs Martin Sonneborn. Auf die Stadt gerechnet holte die Partei rund 3 Prozent der Stimmen, auf Bundesebene dürften es 2,3 Prozent sein. In einigen Ulmer Wahlbezirken in der Stadtmitte erzielte die Partei mehr als fünf Prozent.

Grüne auch in Neu-Ulm vorne

Auch in Neu-Ulm sind die Grünen die großen Gewinner: Sie steigerten ihren Anteil an den Wählerstimmen beinahe auf das Doppelte, von 13,0 Prozent vor fünf Jahren auf 24,8 Prozent. „Das ist für uns ein sensationelles Ergebnis, ich denke auch verdient“, jubelte Mechthild Destruelle. Die Fraktionsvorsitzende im Stadtrat glaubt, dass sich das konsequente Engagement der Grünen für das Klima und gegen den Rechtsruck ausgezahlt hat. Und: „Die EU hat in der Wahrnehmung an Wichtigkeit gewonnen.“ Die Wahlbeteiligung in der Stadt Neu-Ulm lag deutlich höher als zuletzt: 56,4 Prozent der Wahlberechtigten gingen zur Urne oder hatten schon zuvor per Briefwahl abgestimmt. Das sind 18,6 Prozent mehr als vor fünf Jahren.

Krachend hat die SPD auch in Neu-Ulm verloren: Mit 11,6 Prozent der Stimmen erreichte sie noch nicht einmal mehr die Hälfte ihres Ergebnisses von 2014 (24,2 Prozent) und liegt damit sogar noch unter dem Bundestrend der Genossen. „An uns in Neu-Ulm liegt das nicht“, versicherte der Fraktionsvorsitzende Rudolf Erne. „Das war sicher keine lokalpolitische Wahl. Die SPD hat vielleicht ein Problem an der Bundesspitze“, kritisierte er.

Die CSU verlor 2,1 Prozent und kam nur noch auf 32,9 Prozent. „Ein leicht blaues Auge“ nennt das ihr Fraktionschef Johannes Stingl. „Da kann man sicher nicht zufrieden sein. Da muss man reagieren und vernünftige Kandidaten und Themen aufbauen.“

Die AfD verlor ein Prozent und erreichte nur noch 8,8 Prozent. Die FDP konnte einen kleinen Gewinn in gleicher Höhe verbuchen: Sie steigerte sich auf 5,1 Prozent. Auch die Freien Wähler kamen auf mehr Stimmen und holten 3,4 Prozent (plus 1,2 Prozent). Die Linke verlor leicht und kam nur noch auf 2,9 Prozent.

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