Feierabendzeit an einem Dienstag in Ulm. Die Leute hasten durch die Fußgängerzone, die meisten mit Blick auf den Boden. Mitten im Gewühl, nahe einer Bushaltestelle, steht ein Mann mit drei Plastikkörben voller Backwaren. "Wollen Sie ein Brot? Alles von heute, vom Bäcker. Sonst wird's weggeschmissen." So spricht er die Vorüberhastenden an.

Manche ignorieren ihn, haben bestenfalls diesen Kommentar für ihn übrig: "Ich hab' noch so viel Brot vom Wochenende übrig. Das muss ich erstmal aufessen." Manche greifen zu, lassen sich Backwaren einpacken. Eine Brezel, eine Mohnseele, ein Roggenbrot. Einer, der sich etwas einpacken lässt, meint: "Cool, ich hab' schon von euch gehört." Dass sie an einem Dienstagabend auf der Straße Brot geschenkt bekommen und nichts dafür bezahlen müssen, überrascht alle.

Der Mann, der so freizügig verteilt, heißt David Jans (31) und gehört zur Internet-Plattform "Foodsharing". Lebensmittel vor der Mülltonne retten, das ist das Hauptanliegen des gleichnamigen Internetportals. Privatleute können dort Lebensmittel weitergeben, ebenso Firmen. Schließlich würde jeder Deutsche pro Jahr 82 Kilogramm Lebensmittel wegschmeißen.

Dagegen will Jans etwas tun. Deswegen hat er am Dienstagabend von der Bäckerei Honold aus Neu-Ulm Backwaren geholt, "das, was die übrig haben", und verteilt es in Ulm. Dienstags und donnerstags macht er das nach Bäckereischluss, manchmal er allein, manchmal machen es Helfer, die zur Ulmer Gruppe gehören.

Jans ist Idealist: "Ich will mich nur noch Sachen widmen, die mir wichtig sind." Lebensmittelretten ist so eine Sache. Er ist gelernter Schauspieler, stammt aus Illertissen. Momentan investiert er die meiste Zeit in sein Amt als Foodsharing-Botschafter Baden-Württemberg. Das heißt, er koordiniert Lebensmittelretter unter anderem in der Ulmer Region. 20 aktive "Foodsaver" gibt es hier. Sie koordinieren Betriebe, die etwas abzugeben haben, das sind aktuell in Ulm Bäckerei Honold und der Sushiladen "Sooshi Fresh". Die Lebensmittelretter bringen die Betriebe mit Hilfsorganisationen zusammen, die Lebensmittel suchen. Bis Mittwoch war das die Ulmer Vesperkirche. "Das kann übernächste Woche ein Flüchtlingsheim sein", beschreibt Jans.

Er bekommt für seine Arbeit kein Geld. Die Jobs bei Foodsharing sind ehrenamtlich. Jans braucht kaum Geld. Für Essen schon gar nicht. "Lebensmittel kaufe ich nicht mehr. Es werden so viele weggeschmissen."

Er will am liebsten alle Lebensmittel vor dem Müll retten, konkret sind es die Brote der Bäckerei Honold. Deren Geschäftsführerin Jutta Wihlenda ist zufrieden mit den Foodsavern. "Das klappt, sie sind zuverlässig." Seit November arbeiten Lebensmittelretter und Bäckerei zusammen. Die Inhaberin der Bäckerei ist übers Internet auf sie aufmerksam geworden. "Bei uns bleibt jeden Tag etwas übrig. Der Kunde will auch abends um fünf ein gutes Sortiment." Natürlich werde dann nicht alles verkauft. Ihr gefällt der Gedanke, dass die Backwaren Leuten zugute kommen, "die schauen müssen, wie sie Essen bezahlen können".

Laut Wihlenda nehmen die Lebensmittelretter Bedürftigen nichts weg. "An drei Tagen geben wir das, was übrigbleibt, an die Ulmer Tafel." An zwei Tagen, an denen die Tafel von einer anderen Bäckerei beliefert wird, gibt es die Bäckerei Honold eben den Lebensmittelrettern.

Daniel Schallmo ist einer der Gründer von "Sooshi Fresh", dem Sushiladen in der Wengengasse. Gute Lebensmittel gehören nicht in die Tonne, das ist auch seine Überzeugung. "Lieber geben wir sie an Foodsharing, die sie an Menschen verteilen, die sich darüber freuen", sagt er. Das sind in dem Fall der Sushirollen jedoch in erster Linie die ehrenamtlichen "Foodsaver" selbst, erzählt Jans. "So riesige Mengen sind das nicht. Die meisten Foodsaver, die dort etwas abholen, essen das selber und verteilen es in ihrer WG."

Am Dienstagabend auf der Straße wollen manche Leute das Brot bezahlen. Jans will jedoch kein Bares. "Ich kann es nachvollziehen, dass jemand Geld geben will, aber wir wollen auf einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln aufmerksam machen." Einen Denkanstoß will er geben gegen Überflussproduktion, gegen das Verhalten der Konsumenten. "Warum müssen wir um 17 Uhr das volle Sortiment in der Bäckerei haben? Klar, dass dann ein Teil weggeschmissen wird."

An welchem Ort er das Brot in Ulm verteilt, das will Jans nicht in der Zeitung lesen. Schließlich sei es eine "Art Kamikazeaktion", nicht angemeldet. Wobei weder Polizei noch die Stadt damit ein Problem haben, ergab eine Nachfrage. Rainer Türke von den Ordnungsdiensten der Stadt Ulm formuliert es so: "Das ist nicht gewerblich, das stört niemanden, also ist es erlaubt."

Nach knapp einer Stunde bei Minusgraden und Schneefall, nach freundlichem Ansprechen der Leute und Erklären seines Anliegens hat Jans die Backwaren verschenkt. Den Rest von drei Weißbroten bringt er zu einer WG - "die freuen sich immer". Und doch sei er frustriert, wenn er anschließend durch die Fußgängerzone läuft und die vollen Regale der Bäckereien sieht. Dann denke er, das wird heute alles weggeschmissen und er selbst habe so wenig retten können.

Die Kunst bestehe für ihn darin, sich nicht frustrieren zu lassen.

Info www.foodsharing.de

Wie die Lebensmittel zu den Leuten kommen

Verein Foodsharing ist ein Verein mit Sitz in Köln. Die Plattform ist 2012 online gegangen. Nutzer sind in mehr als 200 Städten registriert. Initiator ist Valentin Thurn, der mit dem Film "Taste the Waste" auf Lebensmittelverschwendung aufmerksam gemacht hat.

Essenskörbe Auf der Internetseite können Privatleute über die Funktion "Essenskörbe" Lebensmittel ins Netz stellen, die sie übrig haben und die jedermann sich abholen kann. Der Umgang mit verderblichen Speisen liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen.

Zukunftspläne Die Foodsharer suchen in Ulm einen öffentlichen Platz, möglichst mit Steckdose, um dort einen Kühlschrank aufstellen zu können. Dort sollen Menschen Essen, das sie übrig haben, hineintun. Jeder, der mag, kann sich am Kühlschrank bedienen.