Blaubeuren Essen mit verbundenen Augen

Leonie bei der Blind-Verkostung.
Leonie bei der Blind-Verkostung. © Foto: Christina Kirsch
Blaubeuren / CHRISTINA KIRSCH 11.07.2016
An die Erfahrungen der Dunkelrestaurants knüpft eine „Wir lesen“-Aktion des Paten AOK Ulm-Biberach an: Schüler der Schöne-Lau-Schule verkosteten Speisen, die sie nicht sehen.

Ihh, das fühlt sich glibberig an“, meint Avnore und schüttelt sich, als ihr eine Mitschülerin eine Mozzarella-Kugel in die Hand legt. Die Zwölfjährige nimmt sie mit verbundenen Augen in Empfang. „Ich habe gedacht, dass das irgendwie wegläuft“, beschreibt sie ihr Gefühl. Avnore hatte sich im Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum, der Blaubeurer Schöne-Lau-Schule, auf ein kleines Experiment eingelassen.

Jeder sollte mit verbundenen Augen Lebensmittel verkosten, die man zwar schmecken, aber nicht sehen kann. Für die Diätassistentin Gudrun Mack von der AOK Ulm-Biberach war der Vormittag mit den 11- bis 15-Jährigen eine Premiere. „Sonst mache ich Aufklärungsarbeit zu Essstörungen“, meinte die Referentin, „dieses Mal geht es um die Sinne“.

Wie man sich von seinem Seh- und Geruchssinn leiten lässt, erfuhren die Jugendlichen in einem Experiment. Wenn man sich nämlich eine Zimt-Zucker-Mischung in die hohle Hand gibt und daran mit zugehaltener Nase schmeckt, kann man den Zimt kaum wahrnehmen. Zimt-Zucker schmeckt ohne Riechen wie Zucker. „Gewürze werden wesentlich über den Geruchssinn wahrgenommen“, sagt Gudrun Mack.

Beim Essen mit verbundenen Augen herrschte unter den Schülern zunächst helle Aufregung. „Man hat dabei schon ein bisschen ein mulmiges Gefühl“, meinte Vasco. Wer weiß, was man da zum Probieren in den Mund gesteckt bekommt. „Ich vertraue aber schon darauf, dass ich kein Schweinefleisch bekomme“, sagte Ibrahim, der Moslem ist.

Niemand sollte etwas bekommen, was er nicht essen darf oder wogegen er allergisch ist. Auf dem Buffet hatte Gudrun Mack unter anderem Karotten, Schokolade, Essiggurken, Fruchtgummi, Joghurt, Haselnüsse, Tomaten, Erdbeeren, grüne Götterspeise, Würstchen, rote Paprika und gekochte Nudeln angerichtet.

Quark, Vanillepudding und Mousse au chocolat fütterten sich die Schüler mit dem Löffel. „Es freut mich, dass sich die Schüler bewusst darauf eingelassen haben“, meinte Klassenlehrer Jens Bantleon, der sich mit Kollege Marius Hauck auf die „Wir lesen“-Aktion beworben hatte. „Die Wahrnehmung des Essens wird besser“, stellte Marius Hauck fest.

Radieschen seien nicht so scharf, wenn man sie blind esse, meinte Vasco. Er habe den Pudding erst einmal im Mund von rechts nach links herum geworfen, erklärte Sascha, der „das Zeug“ tapfer runterschluckte, obwohl es ihm nicht schmeckte. „Die geben uns ja nichts Giftiges“, erläuterte er seinen Mut. Leonie schmeckten die gekochten Nudeln am besten und Stephan roch nach der Aktion nochmals bewusst und sehend an seinen Wienerle.

Am Ende durften sich die Schüler Teller nach Wunsch anrichten und es entstanden Schatzinseln mit Karottenpalmen, Paprikabooten und Haien aus Essiggurken. Marc-Andree bastelte einen Turm aus Käsesticks im Kräuterquarkbett und Katja hatte ein Gesicht mit Mauseohren aus Hackfleischbällchen auf dem Teller. Gegessen wurde alles. Pudding mit Radieschen und Nudeln mit Schokolade mundeten hervorragend. Sehend verputzten die Schüler den Imbiss im Nu, mit verbundenen Augen nahmen sie sich Zeit, kauten bewusst und spürten den Speisen nach.

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