Ulm / Bernd Rindle  Uhr
Mancher Anwohner am Eselsberg fühlt sich von der Stadtverwaltung vernachlässigt, und hofft auf den Neubau einer Verbindungsbrücke zur Blaubeurer Straße.

Brücken haben die Aufgabe zu verbinden. Manchmal scheinen sie aber auch zu entzweien, wie im Fall der maroden und dem Abriss geweihten Beringerbrücke. Baubürgermeister Tim von Winning erging es beim Informationsabend im Eselsberger Bürgerzentrum wie den klassischen Überbringern schlechter Nachrichten: Er kann zwar nichts für die Faktenlage, musste dafür aber die Prügel einstecken.

Im nächsten Jahr wird die Beringerbrücke am Ulmer Eselsberg abgerissen. Die Sicherheit ist nicht mehr gewährleistet, Sanierung und Instandsetzung sind nicht mehr möglich.

Uneinigkeit zwischen Eselsberg und Stadtverwaltung

Kaum hatte er seinen ersten Satz beendet, wurde er schon durch einen Zwischenruf unterbrochen: „Man hat die Brücke 60 Jahre lang verrotten lassen.“ Ein Indiz dafür, wie hoch die Emotionen kochen und der Riss zwischen Stadtteil und Verwaltung mittlerweile tiefer geht, als mancher in der Stahlbrücke. Immer wieder klang in den Wortmeldungen an, dass sich die Eselsberger von der Stadtspitze im Vergleich zu den Bewohnern anderer Stadtteile wie Bürger zweiter Klasse behandelt fühlen.

„Ich wohne seit 40 Jahren hier und finde, dass der Eselsberg schon ein bisschen das Stiefkind ist“, sagte eine Frau und kritisierte, dass „Otto Normalverbraucher“ in der Brückenfrage „keine richtige Stimme“ besitze. „Wir möchten ernst genommen werden.“ Ein anderer Teilnehmer monierte, dass man für alles andere, etwa den „Orange Campus“ Millionen bereitstelle und für eine Brückensanierung nichts. Selbst von Winnings Einwand, dass der Eselsberg immerhin einen Straßenbahnanschluss bekommen habe, ließ man nicht gelten. „Die Straßenbahn haben Sie nur für die Universität gebaut“, hieß es.

Eine Ampelanlage soll den Verkehr auf der maroden Donaubrücke künftig regeln. Und bei Überlastung wird sie automatisch gesperrt. Ein Notfallplan beschäftigt sich zudem mit der Frage einer Ersatzbrücke.

Brücke ist für Bewohner wichtig

Gerade für die Bewohner des unteren Eselsbergbereichs ist die Stahlbrücke aus dem Jahr 1908 von Bedeutung, weil sie Wohnquartiere über die Gleise des Rangierbahnhofs und der Deutschen Bahn hinweg mit der Blaubeurer Straße und den dort ansässigen Händlern verbindet. Wegen der fortschreitenden gravierenden Mängel ist die Fahrbahn aber kürzlich sicherheitshalber komplett gesperrt worden. Selbst Fußgänger und Radfahrer dürfen sich nur noch auf dem Betonplattenweg fortbewegen. Anhand von Fotos und Schadensberichten versuchten der Baubürgermeister und die Sachgebietsleiterin in der Abteilung Brückenbau, Roswitha Schömig, plausibel zu machen, wie schlecht es um das Bauwerk steht, das an allen Ecken und Enden abbröckelt. Nicht weniger als 138 Schadstellen haben die Prüfer entdeckt, mit gravierenden Durchrostungen und Blechen, die nurmehr 65 Prozent ihrer ursprünglichen Stärke besitzen. „Man muss mit dem Ausfall ganzer Tragwerksteile rechnen“, zitierte von Winning den Prüfbericht. „Es wäre fatal, wenn die auf die Gleise oder einen Zug fallen würden.“

Lange habe man sich Gedanken darüber gemacht, ob und wie die Brücke erhalten werden könne, beteuerte der Baubürgermeister. Zu diesem Behufe hat die Stadt eigens „ein Sanierungsgutachten machen lassen“, mit dem Ergebnis „einer Nutzungsdauer von maximal 20 bis 30 Jahren“. Allerdings würden damit Kosten anfallen, die fast an die eines Neubaus heranreichten, dem sich Winning nicht verschließen wollte. In Sachen Denkmalschutz gibt es auch unterschiedliche Auffassungen. Während das Landesamt für Denkmalpflege das Bauwerk als schutzwürdig erachtet, sieht das Regierungspräsidium die Sache anders. Unter Abwägung aller Aspekte hat Tim von Winning angekündigt, dem Gemeinderat den Abriss der Beringerbrücke zu empfehlen.

Längere Wege befürchtet

Was die Anwesenden mit großer Sorge zur Kenntnis nahmen, denn worum es ihnen bei aller Liebe zur alten Brücke vor allem geht, ist, dass die Überfahrt zur Blaubeurer Straße erhalten bleibt, im Zweifelsfall auch gerne durch einen Brückenneubau. Denn sie fürchten nicht nur längere Wege zum Einkaufen, was vor allem ältere Menschen treffen würde, sondern auch einen Verkehrskollaps auf der zu Stoßzeiten ohnehin verstopften Blaubeurer Straße. Vor allem hätten Rettungs- und andere Hilfsdienste einen längeren Anfahrtsweg zum möglichen Einsatzort. „Ein Argument für einen Neubau“, sagte Tim von Winning. Wie es weitergeht, entscheidet der Ulmer Gemeinderat im Herbst.

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Überdurchschnittlich viele Brücken in Ulm

Geschichte Die 1908 aus Stahl gebaute Beringerbrücke reicht mit einer Stützweite von 300 Metern über die Gleise des Rangierbahnhofs. Abgesehen von ihr ist Ulm an Brücken reich gesegnet. Während im Landesdurchschnitt auf 1000 Einwohner 0,8 Brücken kommen, sind es in Ulm 1,8.