Der erste der neuen Straßenbahnwagen ist auf dem Gleis. In einer nächtlichen Aktion lieferte ein Schwertransport den 31 Meter langen und knapp 38 Tonnen schweren Avenio auf dem Betriebshof der Stadtwerke (SWU) in der Weststadt an. Dann dauerte es nur eine Stunde, bis „Lina Einstein“, wie der Gemeinderat den ersten Wagen nannte, abgeladen war. „Alles hat gut geklappt“, sagt Jürgen Späth, der Leiter des Bereichs Schienenfahrzeuge. Der Avenio ist sogar schon ein paar Meter gefahren.

Zwölf Wagen haben die SWU bei Siemens bestellt, einer kostet rund 2,6 Millionen Euro. Von diesem Hersteller stammen auch die Combinos, die bisher auf der Linie 1 unterwegs sind. Das Modell Avenio unterscheidet sich von ihnen in einigen optischen, technischen und funktionalen Details.

Der Avenio ist ebenfalls blau, hellgrau und weiß. Front und Heck sehen aber etwas anders aus, was vor allem dem erweiterten Aufprallschutz geschuldet ist. Der Avenio ist einen halben Meter länger und auch schwerer – da machen sich die so genannten Crash-Elemente bemerkbar.

Die wesentlichsten Veränderungen werden Fahrgäste aber im Inneren erkennen. Der Avenio hat ein paar Sitzplätze weniger, weil dafür der Durchgang breiter ist, erläutert Späth, der auch für die Fahrzeugbeschaffung verantwortlich ist. Über jeder Tür verläuft ein Lichtband. Es leuchtet rot, wenn ein Fahrgast den Halteknopf gedrückt hat, und grün, wenn die Türen geöffnet sind.

Piepen für mehr Sicherheit

Zudem hört der Fahrgast ein Piepen, wenn sich die Tür wieder schließt. „Die optische und akustische Rückmeldung ist jetzt Vorschrift“, sagt Späth. Mindestens zwei Sinne müssten angesprochen werden, um seh- oder hörbehinderten Menschen das Ein- und Aussteigen zu erleichtern.

Die Türen sind zusätzlich mit Lichtschranken und weiteren Sicherheitssystemen ausgestattet. „In der Sicherheitstechnik hat sich enorm viel getan in den vergangenen Jahren“, sagt Ralf Gummersbach, der SWU-Projektleiter für die Linie 2.

Die SWU wollen den Straßenbahn-Fahrgästen auch Komfort bieten. Die Avenios verfügen über W-Lan und USB-Ladesteckdosen. Und über ein ausgeklügeltes Lichtsystem: die „Ambiente-Beleuchtung“, wie Späth sie nennt. Sie ist an den Biorhythmus des Menschen angepasst und verändert sich je nach Tageszeit. Morgens, quasi zum Munterwerden, leuchtet das Licht in den Straßenbahnwagen bläulich, abends, zum Runterkommen, gelblich.

Jeder der zwölf Avenios muss nun bei den SWU einige Tests durchlaufen. Die in der Nähe von Wien produzierten Wagen haben bereits eine Reise nach Wildenrath in Nordrhein-Westfalen hinter sich, wo sie im Siemens-Testzentrum auf Herz und Nieren überprüft wurden. In Ulm stehen vor allem Praxistests auf dem Programm. Zum Beispiel: Kommt der Wagen überall auf der Strecke durch? „Davon gehen wir natürlich aus“, sagt Späth lachend. Vor allem aber geht es um Brems­tests. Die haben es angesichts der Topographie durchaus in sich. Die Straßenbahn muss auch bergabwärts bei voller Besatzung absolut sicher bremsen.­

Die Avenios werden nicht nur auf der Linie 2 eingesetzt. Ob Avenio oder Combino: Jeder Wagen fährt auf jeder Linie, „sonst hätten wir für jede Linie einen eigenen Reservepool gebraucht“.

Die Arbeiten an der Linie 2 gehen derweil gut voran, sagt Projektleiter Gummersbach. Das Wetter spiele mit, „bis minus fünf Grad kann man die meisten Arbeiten machen“. Im April sollen die letzten Schienen verlegt sein, im Mai beginnt der Fahrleitungsbau, dann folgen Verkabelung und Haltestellenbau. Zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember soll die Linie.2 in Betrieb gehen.

Tram Ulmer Straßenbahn: Erster Wagen für die Linie 2

Der Zeitplan für die Linie 2


Ablauf Nach und nach werden die zwölf Avenios in Ulm eintreffen, der nächste Mitte März. Bis die Öffentlichkeit einen ersten Blick auf sie werfen kann, wird es noch etwas dauern. Die ersten Testfahrten auf der Linie 1 sind im März geplant, allerdings nachts, wenn keine Straßenbahnen unterwegs sind. Beim Tag der offenen Tür am Samstag, 21. April, im SWU-Betriebshof in der Weststadt kann dann jeder den Avenio unter die Lupe nehmen. Die Linie 2 wird am 9. Dezember in Betrieb gehen.

Name Die Avenios sind wie die Combinos nach Ulmer Persönlichkeiten benannt. Lina Einstein war eine von den Nazis ermordete Cousine Albert Einsteins.