Ulm Erste Hilfe für die Psyche

Ulm / BEATE STORZ 08.08.2012
Im Bahnhofsgewühl mit all den großen und kleinen Sorgen und Nöten der Reisenden ist die Bahnhofsmission ein Hort der Ruhe und Geborgenheit. Peter-Franz Dinkelmeier gehört zu den zehn Ehrenamtlichen.

Es gibt wohl kaum einen unwirtlicheren Ort in der Stadt als den anonymen Bahnhof. Nirgends ist die Chance größer zu stranden. Und nirgends ist man fremder in einer Stadt als auf dem Bahnhof. Der Fels in dieser Brandung ist die Bahnhofsmission. Sie ist da für Reisende, die Hilfe brauchen, für Menschen, die nicht mehr weiter wissen oder einfach nur eine Tasse Kaffee brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen. Die Bahnhofsmission, direkt am Gleis 1, ist für alle da. Ohne Ehrenamtliche geht nichts. Peter-Franz Dinkelmeier ist einer davon. Der 59-jährige Mittelschullehrer für Englisch und Geschichte liebt seine soziale Tätigkeit. Am Wochenende und in den Ferien ist die Bahnhofsmission sein zweites Zuhause. Er hilft älteren Menschen beim Umsteigen, trägt Koffer und hievt diese in den Zug. Eine blinde Frau muss jeden Morgen vom Zug zur Straßenbahn geführt werden.

Dinkelmeier ist ein guter Zuhörer. Und er ist ein wandelndes Adressbuch. Wo gibt es Obdach, welche Apotheke hat offen? Dinkelmeier kennt die Antworten. Er berichtet, wie er dazustieß: "Meine Oma hat mir immer von der Bahnhofsmission erzählt und dass sie armen Menschen hilft. Als ich die Ehrenamtsmesse besuchte, kam ich mit der Bahnhofsmission in Berührung. Ich wusste sofort: Das ist es!"

Dinkelmeier ist vor drei Jahren vom bayerischen Gundelfingen nach Ulm gezogen. Dort war er jahrelang als Jugendtrainer der Fußballer tätig. Auch in Ulm wollte er ein Ehrenamt ausüben. Für ihn bedeutet es Abwechselung vom Schulalltag und neue zwischenmenschliche Erfahrungen. "Ich komme mit Menschen zusammen, mit denen ich sonst nichts zu tun hätte. Sie brauchen elementare Hilfe, die kann ich leisten." Spannend ist, dass er morgens nie weiß, wie sein Tag verlaufen wird. Alles ist unberechenbar.

Natürlich gehen ihm manche Vorfälle an die Nieren. So ist erst neulich eine 40-Jährige gestorben, die häufiger Gast im Missionsbüro war. Ein Großteil der Besucher kommt regelmäßig, und die meisten haben sich eine feste Bezugsperson ausgesucht, mit der sie gerne reden. "Unsere Stammgäste kennen wir gut. So können wir auf sie ganz individuell eingehen." Dinkelmeier weiß, dass er den Leuten nur kurzfristig helfen kann, ihre großen Probleme kann er nicht lösen. "Wir sind hier eine Art Erste Hilfe für die Psyche. Bei uns können sie über ihre Probleme reden. Natürlich ist es frustrierend, mit anzusehen, wie es mit manchen Leuten immer mehr bergab geht. Aber wenn sie uns verlassen, geht es ihnen meist ein bisschen besser."

In bester Erinnerung hat Dinkelmeier eine 90-jährige Reisende, die seine Hilfe beim Umsteigen benötigte. Man kam ins Plaudern. Sie erzählte ihm die Lebensgeschichte ihres Vaters, des berühmten Dirigenten Eugen Jochem. Außerdem sang sie Dinkelmeier sein Lieblingsstück von Franz Schuberts Winterreise vor. "Das war das Schönste, was ich je erlebt habe."

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