Ulm Erinnerungen an den Weltstar Yehudi Menuhin

Der große Musiker Lord Yehudi Menuhin 1996, drei Jahre vor seinem Tod, bei seinem letzten Besuch in Ulm.
Der große Musiker Lord Yehudi Menuhin 1996, drei Jahre vor seinem Tod, bei seinem letzten Besuch in Ulm. © Foto: Reiner Wolf
Ulm / JÜRGEN KANOLD 21.04.2016
Er war nach Mozart das vielleicht berühmteste Wunderkind der Musikgeschichte: der vor 100 Jahren geborene Geiger Yehudi Menuhin. 1996, drei Jahre vor seinem Tod, trat er noch in Ulm auf.

"Einstein ist in Ulm geboren? Nein, tatsächlich?" Lord Yehudi Menuhin, als Geiger eine historische Figur des 20. Jahrhunderts wie der Physiker, staunte nicht schlecht über diese Erkenntnis. Das war im Februar 1996, als er an die Donau kam, um auf Einladung der Konzertdirektion Russ im neuen Congress Centrum mit der Sinfonia Varsovia aufzutreten, und zwar als Dirigent. 79 Jahre alt war er damals.

Jener gebürtige Ulmer Albert Einstein, der Nobelpreisträger, hatte im April 1929 im Publikum gesessen, als die Berliner Philharmoniker unter Bruno Walter mit einem zwölfjährigen Jungen auftraten, der Violinkonzerte von Bach, Beethoven und Brahms spielte und die Welt begeisterte. Einstein, der Naturwissenschaftler, soll einen berühmten Satz von sich gegeben haben: "Nun weiß ich, dass es einen Gott im Himmel gibt!" Yehudi Menuhin, der Nachfahre jüdischer Rabbiner aus Weißrussland, war ein Wunderkind, vielleicht das berühmteste seit Mozart. Aber das sei nur ein Etikett, korrigierte Menuhin, als er in der Lounge des Hotels Maritim der SÜDWEST PRESSE am Morgen seines Ulmer Konzerts ein Interview gab. "Alle Kinder sind ein Wunder."

Das meinte er auch pädagogisch: Er hatte etwa die Yehudi Menuhin School in London gegründet und die Initiative Live Music Now, um jungen Musikern mehr Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen.

Menuhin war ein Jahrhundertgeiger - das kann man jetzt wirklich sagen, wenn alle Welt in diesen Tagen sich an den vor 100 Jahren, am 22. April 1916, geborenen Musiker erinnert. Aber er war auch ein Humanist, ein Weltbürger, ein lebender Mythos, ein Botschafter für den Frieden in Dauermission. Die Deutschen liebten ihn besonders, war er doch, der jüdische Stargeiger, nach 1945 früh wieder im Land der Hitler-Barbarei aufgetreten.

Staatsmänner belächelten oft sein Engagement - und überhäuften ihn mit Ehrungen und Auszeichnungen. Königin Elizabeth II. schlug ihn zum Baron Menuhin of Stoke D'Abernon, weshalb sich Menuhin auch im Oberhaus zu Wort melden durfte. Und das tat er: "Die haben sich das selbst zuzuschreiben", sagte der warmherzige Musiker im Gespräch, "wenn sie einen umherstreifenden Fiedler zu ihren erhabenen Versammlungen einladen." In sein Wappen hatte er "die bunte Fahne der Zigeuner" aufnehmen lassen, ein "äußerst modernes Symbol der Freiheit".

Im April 1959 war Menuhin schon einmal in Ulm gewesen, als Weltstar mit der Geige - damals noch auf Einladung von Eberhard von Prittwitz. 1996 aber dirigierte der so zierliche, aber vitale Menuhin mit drahtigen Bewegungen und sehr inspiriert Werke von Mozart und Beethoven. Die "Fünfte", die Schicksalssinfonie - nur dass die eher mittelmäßigen Orchestermusiker aus Warschau hörbar nicht ihren besten Tag hatten. Aber es war ein Erlebnis fürs Publikum, dieser Legende zu begegnen.

Im Interview in der Lounge kam Menuhin auch auf den Titel seiner 1976 erschienenen Autobiografie "Unvollendete Reise" zu sprechen - ja, sein Leben bleibe unvollendet. Und er erklärte: "Nur Meisterwerke sind vollendet." Drei Jahre später starb der unvergessene Menuhin mit 82 Jahren in Berlin.

Info Warner Classics hat zum 100. Geburtstag die historischen Aufnahmen Yehudi Menuhins zu verschiedenen Paketen geschnürt. "The Art of Menuhin" heißt eine Drei-CD-Box.

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