Der Totensonntag steht nicht nur am Ende des Kirchenjahres, er handelt auch von den letzten Dingen: Jüngstes Gericht und Auferstehung. Traditionell also ein Tag der Einkehr, der Melancholie. Sucht man nach einem musikalischen Äquivalent, kommt einem unweigerlich das Requiem von Mozart in den Sinn.

Wie kaum ein anderes Werk scheint dieses von Franz Xaver Süßmayr vollendete Fragment die Stimmungen des Gedenktages zu bündeln. Und so war es nur passend, dass der Oratorienchor Ulm und das Ensemble musica viva Stuttgart unter der Leitung von Thomas Kammel diese vielleicht berühmteste Totenmesse der Musikgeschichte an den Anfang des fast bis auf den letzten Platz voll besetzten Konzertes setzten in der Pauluskirche.

Gewidmet hatten die Musiker den Abend „allen verstorbenen Mitgliedern und Freunden des Oratorienchores“, unter anderem Jörg-Heinrich Benthien vom Theater Ulm. Vielleicht war dies einer der Gründe, warum  die Aufführung zu einer Offenbarung geriet, ganz sicher aber waren es auch die vier Gesangssolisten: Yuna-Maria Schmidt (Sopran), Julia Stein (Alt), Frederic Jost (Bass) und Benjamin Glaubitz (Tenor), der kurzfristig für den erkrankten Manuel Günther eingesprungen war.

Was dann folgte, war nicht nur eine tief bewegende, sondern vor allem auch bewegte Lesart des Werkes, ohne falsches Pathos und zerdehnte Tempi, stattdessen dynamisch bis ins kleinste Detail gestaffelt und sängerisch und orchestral schlicht überwältigend. Auf ausdrücklichen Wunsch von Kammel gab es keinen Applaus nach dieser ergreifenden Darbietung. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb war nach den letzten Takten des Requiems der kollektive Kloß im Hals der Zuhörer deutlich zu spüren.

Postmoderne trifft auf Klassik

Ohne Pause ging es weiter mit der „Sunrise  Mass“ des jungen Norwegers Ola Gjeilo – ein Werk, das nicht nur aus einem ganz anderen Holz geschnitzt ist als das „Requiem“, sondern auch mit sehr vielen Wassern, gespeist aus Musical, Minimal und Filmmusik, gewaschen ist. Postmoderne trifft auf Wiener Klassik. Das Klangerlebnis dieser gewissermaßen umgekehrten metaphysischen Reise – vom Himmel auf Erde – bezwingt den Zuhörer kaum weniger als Mozarts düstere d-Moll-Messe, zumal Gjeilos 2008 entstandenes Werk viele gefällige und sehr publikumswirksame Passagen bereit hält. Chor und Orchester zeigten sich wieder in Top-Form. Und dann durfte sich zum guten, nein hervorragenden Schluss endlich der starke Applaus seine lang aufgestaute Bahn brechen.