Kein Mensch ist wie der andere. Der eine verfügt über musikalisches Talent und kann, wenn er entsprechend hart arbeitet, erfolgreicher Musiker werden. Der andere Leistungssportler. Über all das entscheidet, wie über blaue Augen oder dunkle Hautfarbe, die genetische Veranlagung. Doch diese natürliche Varianz im Erbgut kann auch weniger erfreuliche Folgen mit sich bringen. Die Huntington-Krankheit ist eine davon.

„Das ist wie beim Hausbau“, sagt der Ulmer Wissenschaftler Michael Orth. Der Neurologe vom Huntington-Zentrum der Uniklinik Ulm ist Teil eines Forschungskonsortiums, das sich mit der Huntington-Krankheit befasst. Er erklärt: „Wenn etwas beim Bauen vergessen wird, steht das Haus trotzdem irgendwann und sieht gut aus. Funktioniert aber etwa die Dachabdichtung nicht richtig, hat man über kurz oder lang einen Wasserschaden.“ Bei Krankheit entspricht das Huntingtin-Gen der defekten Abdichtung.

Jedes Gen besteht aus gewissen Bausteinen, die mit Buchstaben beschrieben werden. Innerhalb des Huntingtin-Gens lautet eine Buchstabenfolge C-A-G. Bei Huntington-Patienten ist diese Abfolge länger als gewöhnlich. Je länger die Abfolge, desto früher bricht die Krankheit aus. Im Durchschnitt passiert das zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr.

Allerdings bricht bei vielen Betroffenen die Krankheit früher oder auch später aus, als die C-A-G-Abfolgen vermuten lassen. „Auch Kinder oder 70-Jährige können erkranken“, sagt Orth. Der Ursache dafür wollte der 50-Jährige zusammen mit Forscherkollegen aus Harvard und Cambridge auf den Grund gehen. Nach fünf Jahren Arbeit gelang ihnen nun ein Durchbruch: Die Wissenschaftler sind in ihrer Studie auf zwei Chromosomen gestoßen. Eines kann den Krankheitsausbruch um eineinhalb Jahre verzögern, ein anderes sogar um sechs. Man weiß jetzt also: Der Ausbruch der Huntington-Krankheit kann verschoben werden.

In der bisher größten Gen-Studie zur Huntington-Krankheit analysierten die Forscher DNA-Proben von 4000 Patienten aus Europa und Nordamerika mittels moderner statistischer Verfahren. Ihr Ziel war, Zusammenhänge zwischen dem Alter bei Krankheitsausbruch und der Beschaffenheit der Gene zu finden. „Unsere Studie war die erste, die eine Untersuchung von Millionen von Varianten des Genoms auf einmal vorgenommen hat“, sagt Orth. Es wurde quasi ein riesiger Heuhaufen durchsucht, ohne überhaupt zu wissen, wonach. Bisher erfolgte Forschung zur Huntington-Krankheit vor allem mittels Zellkulturen oder in Tierversuchen. Die Ergebnisse daraus lassen sich jedoch nicht immer auf den Menschen übertragen.

Um die Methode des Forschungskonsortiums zu verstehen, muss man sich das Huntingtin-Gen wie das oben beschriebene fehlerhafte Haus vorstellen. „Jedes Haus hat eine Umwelt“, erklärt Orth. „Wenn es in einer Klimazone steht, wo es ständig regnet, macht sich die fehlerhafte Abdichtung schneller bemerkbar als in einem trockenen Klima.“ Die Wissenschaftler nahmen sich deswegen vor, die genetische Umgebung – also die Umwelt – des Huntingtin-Gens genauer zu untersuchen. Mit den beiden Chromosomen sind sie auf zwei Regenschirme gestoßen, die das fehlerhafte Haus ein wenig vor dem Regen schützen.

Nun hilft das identifizierte Chromosom allein noch keinem Huntington-Patienten weiter. „Mit einem genetischen Ergebnis ist therapeutisch nichts anzufangen“, sagt Professor Orth. Um Medikamente herzustellen, muss man nun herausfinden, für welche biologischen Prozesse die Chromosomen verantwortlich sind. Sind diese ausfindig gemacht, können möglicherweise Medikamente entwickelt werden, die den Krankheitsbeginn weiter nach hinten verschieben.

 

Fakten zu Huntington

Krankheit und Verlauf
Betroffene der Huntington-Krankheit leiden oft unter unkontrollierten Bewegungen, Verhaltensauffälligkeiten und Demenz. Im Gegensatz zur Alzheimer-Demenz bleibt das Gedächtnis relativ intakt, stattdessen leidet die Planungsfähigkeit. Damit einher geht auch eine Abnahme der emotionalen Intelligenz. Erkrankte können die Emotionen ihrer Gegenüber nicht mehr einschätzen. Im Kontext familiärer Pflege belastet dies oft auch Familienangehörige, deren Engagement nicht mehr erkannt und gewürdigt wird. Insgesamt leiden außer den Betroffenen auch deren Familien unter der Persönlichkeitsveränderung der Erkrankten. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent geben Patienten die Krankheit, bei der Nervenzellen in wichtigen Hirnregionen absterben, an ihre Kinder weiter. Durchschnittlich 18 Jahre nach Ausbruch führt die Krankheit zum Tod.

Namensgebung
Erstmals beschrieben wurde die Krankheit 1872 vom New Yorker Arzt George Huntington. In Deutschland sind die Symptome seit dem 16. Jahrhundert als „Erblicher Veitstanz“ überliefert. In Medizinerkreisen wird die Krankheit als Chorea Huntington bezeichnet. Chorea ist ein Sammelbegriff für vom Hirn ausgehende Nervenleiden. Und warum heißt das Gen Huntingtin? Ganz einfach: Wissenschaftler mögen in-Endungen (Insulin, Hämoglobin,...).

Zur Person
Prof. Michael Orth kam nach Stationen in Berlin und London 2008 vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf nach Ulm. Am Ulmer Huntington-Zentrum forscht und betreut der Vater zweier Kinder etwa 400 Huntington-Patienten aus einem Einzugsgebiet von bis zu 400 Kilometern.