Langenau Entbehrungsreiche Kindheit

Langenau / OTFRIED KÄPPELER 05.12.2015
Die härteste Geschichte erzählt immer noch die Wirklichkeit. Uneingeschränkt gilt das für Liliana Corobcas Roman "Der erste Horizont meines Lebens".

Es ist eine anrührende Geschichte, die die moldawische Schriftstellerin Liliana Corobca in ihrem Roman erzählt. Er handelt von einem zwölfjährigen Mädchen, das zusammen mit seinen zwei jüngeren Brüdern alleine leben muss, weil die Eltern im Ausland arbeiten. Das zwölfjährige Mädchen erzählt von den Härten des Alltags, den materiellen und vor allem den emotionalen Entbehrungen der Kinder.

Folgt man der Schriftstellerin, die im Langenauer Pfleghof zu Gast war, dann ist das in Moldawien vor allem auf dem Land kein Einzelphänomen. Eltern müssen, um Geld zu verdienen, ins Ausland. Oft arbeite der Vater in einem Bergwerk in Russland, die Mutter in Italien oder Spanien in einer Familie, so die Autorin im einleitenden Gespräch mit Thomas Mahr. Es ist die Ironie des Schicksals, dass sie dort auf fremde Kinder aufpassen, während die ihren zuhause alleine leben müssen. Von Andrea Diefenbach gibt es den Bildband "Land ohne Eltern" über die Tragödie derart zerrissener Familien. Einige Aufnahmen wurden im Pfleghof an die Wand projiziert, während die Schauspielerin Sibylle Schleicher aus dem Roman las.

Vordergründig ist Liliana Corobca keine politische Schriftstellerin. Erzählt man aus der Ich-Perspektive eines zwölfjährigen Mädchens, verzichtet man auf politische Phrasen. Doch das Kind hat Erfahrung, erkennt an sich und ihren Brüdern Dinge, die tief in eine Gesellschaft blicken lassen: wenn ihnen zum Beispiel die Nachbarn Obst klauen. Wie viele gute Geschichten, spitzt sich auch der Roman zu einem tragischen Konflikt des Mädchens zu: Normalerweise kommen die Eltern einmal im Jahr nach Hause. Diesmal ist es anders. Die Eltern warten, bis die kranke Oma stirbt, um nicht zweimal heimreisen zu müssen: "Großmutter ist gestern früh gestorben. . . Ich weine, und ich weiß nicht einmal, ob ich vor Leid und wegen Großmutter weine oder vor Freude, dass endlich Mama und Papa nach Hause kommen werden."