Ulm Ende einer Kneipenära - Die letzten Tage der „Linie1“

Ulm / Tobias Herrmann/Uwe Keuerleber 13.03.2018
Nach 22 Jahren ist Schluss mit der Eckkneipe Linie1 am Ulmer Bahnhofsplatz. Das Gebäude wird Ende März abgerissen.

Neben einer kleinen Volksbank beherbergt das Gebäude vor allem Arztpraxen, die Ende März ausziehen. Im Erdgeschoss brennt auch noch Licht und laute Musik schallt auf die Straße: Die „Linie 1“, ein Urgestein der Ulmer Kneipenszene. In wenigen Wochen wird die Kultkneipe weichen müssen und sich als „PP1“ am Petrusplatz in Neu-Ulm neu erfinden. Grund genug, die Kneipe zu besuchen und nachzufragen, was die Betroffenen selbst über den bevorstehenden Umzug denken.

Beißender Rauch, vergilbte Wände. An der Decke zwei Ventilatoren, von denen man sich angesichts der stickigen Luft wünschen würde, sie wären eingeschaltet. Aus den Boxen dröhnt „Daddy Cool“ von Boney M. und ein Paar tanzt dazu. Auf Barhockern mit abgewetztem Leder sitzen überwiegend ältere Männer vor ihrem Glas. „Die meisten trinken hier ihr Feierabendbier“, erklärt Frank. Der 60-Jährige sitzt an einem Tisch in der Ecke der Kneipe und kommt bereits seit mehr als 15 Jahren in die Eckkneipe am Bahnhofsviertel. Mit ihm am Tisch sitzt Jana. Sie sei erst „zum vierten Mal überhaupt“ in der „Linie 1“, sagt die 62-Jährige und nippt an ihrem Piccolo. Der dritte am Tisch ist Bernhard. Der 65-Jährige gehört schon „seit circa 1980“ zum Inventar, damals, als die Kneipe noch „Red Ox“ hieß, wie er stolz erzählt.

Dem geplanten Abriss der „Linie 1“ sehen die drei mit gemischten Gefühlen entgegen. „Veränderung muss sein“, sagt Frank, das Erscheinungsbild vom Sedelhof ändere sich ja auch. Der gebürtige Hamburger verbindet den bevorstehenden Umzug nach Neu-Ulm mit der Hoffnung auf ein anderes Klientel: „Vielleicht kommen in Zukunft weniger Leute, die von Freitag bis Sonntag in der Linie 1 wohnen“.

„Ein bisschen wie nach Hause kommen“

Einer der dort „wohnt“ ist Tom. Der 42-Jährige kommt seit 14 Jahren jeden Abend. „Ich kenne die Leute hier schon seit Jahren, es ist ein bisschen wie nach Hause kommen“, sagt er und dreht sich eine Zigarette mit den letzten Krümeln Tabak. Die Zigarette ist für Tom ein Grund, warum er täglich in sein „Wohnzimmer“ kommt. „In der Kneipe trink ich meine Bierchen und kann dabei rauchen“, erklärt er und bläst dicke Rauchschwaden in die Luft. „In Bayern allerdings wird das nicht mehr möglich sein“, fügt er hinzu und spielt damit auf die strengeren Nichtrauchergesetze im benachbarten Bundesland an.

„Ohne Rauchen fällt die Gemütlichkeit weg“

Diese Einschätzung teilt auch Frank: „Für viele gehört Rauchen und Feierabendbier zusammen“, erklärt er und Jana stimmt ihm zu. Sie selbst sei Nichtraucherin, habe aber keinerlei Probleme in einer Raucherkneipe zu sitzen. Frank bringt die Bedenken schließlich auf den Punkt: „Ohne Rauchen fällt die Gemütlichkeit weg“.

In ein paar Wochen ist Schluss mit der Gemütlichkeit, dann endet die Ära der bekannten Eckkneipe gegenüber vom Ulmer Hauptbahnhof. Es klingt schon beinahe wie Ironie, dass ausgerechnet Tom sein eigenes „Wohnzimmer“ plattmacht. Der 42-Jährige arbeitet für eine Abbruchfirma, die für die Abrissarbeiten verantwortlich ist.

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