Einstein Einsteins Geburtshaus: Angemessene Dokumentation in den Sedelhöfen

Ulm / HANS-ULI THIERER 16.09.2016
Teile von Einsteins Geburtshaus sind auf den Sedelhöfen jetzt freigelegt. Die Ulmer Lokalpolitik dringt mehr denn je auf eine angemessene Dokumentation und Präsentation.

„Der internationale Bekanntheitsgrad des Münsters hält sich sehr in Grenzen. Das haben wir beim Turmjubiläum im vergangenen Jahr ja zu spüren bekommen. Einstein aber kennt die ganze Welt.“ Sagt der Ulmer Stadtrat Martin  Rivoir (SPD). Seine Fraktionskollegin Dorothee Kühne sieht in Einstein das, „was die Leute wollen“: nämlich „Identifikation über Personen“. Auf dem SPD-Sommerempfang hielt  die Fraktionschefin daher ein eindringliches Plädoyer, „dass wir uns die Chancen, die sich für Ulm mit Einstein durch sein Geburtshaus an den Sedelhöfen jetzt ergeben, nicht entgehen lassen“.

Und schon stehen wir mitten auf der Baustelle Sedelhöfe. Dort hat der Hamburger Investor  DC Developments/DC Values  zur Abrundung seines Vorhabens bekanntlich eine zusätzliche Immobilie an der Bahnhofstraße erworben. Jene, auf der einst Teile des Einstein-Geburtshauses standen. Bei den aktuell laufenden Abrissarbeiten sind weitere Reste des Kellers dieses Gebäudes freigelegt worden. Diese noch vorhandenen Originalteile der Gebäudesubstanz gelte es jetzt zu sichern, zu konservieren, um sie dann künftig „in einer akzeptablen Entfernung zum ursprünglichen Standort erstmals für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen“.

So heißt es in einem taufrischen Antrag, den Kühne und Rivoir auf ihre Aussagen haben folgen lassen und an Oberbürgermeister Gunter Czisch richten. Die Sozialdemokraten  reagieren damit auf den Umstand, dass die Originale nicht am originalen Schauplatz stehen bleiben können, weil sie da den Neubauten im Wege stünden. Also: Sie an anderer Stelle in den Nähe der Nachwelt erhalten. „Ein Vorbild haben wir in der Tiefgarage Neue Mitte mit den Relikten der Bäckerei Martinsklause, die dort zu sehen sind“, erläutert Rivoir.

„Es geht uns nicht um die gesicherte wissenschaftlich-archäologische Präsentation. Aber das, was bei gutem Willen  möglich ist, müssen wir machen“, schreiben die beiden in der Hoffnung, dass der OB diesen Standpunkt teilt und den Investor davon überzeugt.

DC-Chef Lothar Schubert hat bisher stets betont, man wolle an den Physik-Nobelpreisträger und Weltbürger in angemessener Form erinnern. Es solle über den Platz, der auf den Sedelhöfen entsteht und Einsteins Namen tragen wird, hinaus „eine gebührende, keinesfalls verniedlichende Stätte der Erinnerung“ geschaffen werden. Das sagte Schubert kurz nach Schwörmontag, als die Notarverträge zwischen der Stadt und dem Investor unter Dach und Fach waren und die Grundstücke an DC übergingen.  Damals präsentierten die Hamburger auch zwei Computer-Animationen, die ihr Interesse am Thema dokumentieren sollten.

Am Donnerstag erneuerte Schubert auf Anfrage unserer Zeitung diese Zusicherung. Freilich ohne Einzelheiten zu den Überlegungen zu nennen. In sie ist als historische Instanz das Ulmer Stadtarchiv mit seinem Chef Professor Michael Wettengel eingeschaltet.

Schubert: „Wir befinden uns im Planungsprozess und können noch keine Details nennen, wie wir das Geburtshaus von Albert Einstein integrieren werden. Es ist für uns selbstverständlich, das Geburtshaus in die Identität der Sedelhöfe einfließen zu lassen, nicht zuletzt, weil es auch ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal für das Quartier und den Wissenschaftsstandort Ulm ist. Wir wissen um die Bedeutung und sind dankbar für das Vertrauen, dass die Stadt uns entgegenbringt.“

Einstein und Ulm: Seit jetzt bekannt ist, dass der große Sohn der Stadt als Züricher Professor noch einmal in seiner Geburtsstadt war (siehe Info-Kasten) hat dieses ur-alte, ewig junge Thema nun im Blick auf die Sedelhöfe neu an Fahrt  aufgenommen. Speziell das Geburtshaus treibt Stadträte um. Schon 2012, im frühen Stadium der Sedelhöfe-Planung, hatte sich die SPD an den damaligen OB Ivo Gönner gewandt. Mit dem Hinweis, nicht eine schreierische Vermarktung sei gefordert, aber eine Darstellung der konkreten Spuren, die über die üblichen Gedenktafeln hinausgehen müsse.

2014, als im Zuge der Abrissarbeiten erste Fundamente des Geburtshauses zum Vorschein kamen, verlangte CDU-Stadtrat Hans-Walter Roth nicht nur einen eiligen Ortstermin mit Historiker und Vertretern des Denkmalschutzes. Sondern auch einen Abrissstopp zumindest an den Stellen, die dieses Gebäude tangieren. „Zerstört ist schnell, die Reste des Geburtshauses von Einstein  zu beseitigen, hieße in Ulm weiter Kultur zu vernichten.“ Roths Appell verhallte nicht ungehört.

Albert Einstein und Ulm

Ulms Größter Ja, stimmt schon: Albert Einstein, geboren am 14. März 1879 in Ulm, gestorben am 18. April 1955 in Princeton (USA), war fast noch ein Baby, als er nach München  zog  (respektive gezogen wurde). Dort meldete Vater Hermann Einstein die Familie am 21. Juni 1880 polizeilich an. Albert Einstein lebte demnach also ein Jahr, drei Monate und sieben Tage in der Donaustadt. Genauso stimmt aber, dass er in Ulm zur Welt gekommen war. Er ist also ein Sohn der Stadt, international gesehen ihr größter.

Sein Besuch Neue Relevanz hat das Thema Einstein und Ulm gewonnen, seit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist, was zuvor nur wusste, wer  sich intensiver mit Einstein befasst hatte: Er war zwar noch nicht Physik-Nobelpreisträger – diese Ehre wurde ihm für die Entdeckung des „Gesetzes des photoelektrischen Effekts“ zuteil und eben nicht für die Relativitätstheorie –, aber schon Professor in Zürich. Aus einem seit 1993 bekannten Brief an seine „liebe Elsa“, die Einstein später in Berlin heiratete, ging eindeutig hervor, dass eine Reise im Herbst 1913 Einstein auch nach Ulm führte. In die Geburtsstadt also.

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