Ulm Kunst-Aktion: Einstein für alle

Ulm / Lena Grundhuber 06.05.2018
Einheimische und Touristen beteiligen sich am Wochenende tatkräftig am Auf- und Umstellen der 500 kleinen Figuren von Ottmar Hörl auf dem Münsterplatz

„Schreiben Sie, dass wir Sensoren eingebaut haben, wir finden die Einsteins überall wieder!“, sagt OB Gunter Czisch und freut sich diebisch über seinen Scherz. Die 500 Figuren in Gestalt Albert Einsteins, die seit dem Wochenende den Münsterplatz bevölkern, werden in Wahrheit ganz konventionell von einer Security überwacht. Das aber muss sein, denn die knapp meterhohen Einsteinchens laden geradezu dazu ein, sie unter den Arm zu klemmen und im eigenen Vorgarten aufzustellen. Wer ein paar hundert Euro dafür zahlt, kann das künftig tun. Alle anderen machen sich die Figuren anders zu eigen: Ulmer und Touristen sind an diesem sonnigen Sonntag fleißig dabei, die Kunststoff-Männchen umzugruppieren. Einsteins im Gänsemarsch, Einsteins in Zweierreihen oder mit Sonnenbrille – jedem fällt was anderes dazu ein.

„Sowas hab’ ich noch nie erlebt“

Was das angeht, scheint Ulm besonders umtriebig: „Sowas hab’ ich noch nie erlebt!“, sagt Konzeptkünstler Ottmar Hörl mit (gespielter?) Verzweiflung. Beim Aufstellen am Tag zuvor – Augenzeugen berichten von lebhafter Teilnahme der Bevölkerung – seien ständig Menschen mit Figuren in den Seitengassen verschwunden, und als schließlich eine Gruppe Kinder seine Arbeit permanent „neu formulierte“, habe er aufgegeben. Nicht einmal seine Marx-Skulpturen in Trier hätten das ausgelöst: „Vielleicht hatten die vor Marx größeren Respekt.“

Man kann den Einstein-Spaß auch als Indiz nehmen für das inzwischen entspannte Verhältnis der Geburtsstadt Einsteins zu dem Jahrhundertphysiker (1879-1955). Das war nicht immer so, wie beim „relativen Talk“ mit Kulturbürgermeisterin Iris Mann, Ottmar Hörl und Archivleiter Michael Wettengel deutlich wurde. Einsteins Familie sei einst fest in die israelitische Gemeinde und die Stadtgesellschaft integriert gewesen, sagte Wettengel. Der kleine Albert verließ Ulm zwar eineinhalbjährig, doch viele Verwandte wohnten noch immer hier. Während der Nazi-Zeit tat der Nobelpreisträger, was er konnte, um sie zu retten, mehrere Angehörige aber wurden im Holocaust ermordet. Albert Einstein betrat Ulm nie wieder.

Kontakt gab es indes: So habe die Stadt Einstein am Ende seines Lebens einen Bildband über das Ulmer Münster geschickt, der ihn sehr gefreut habe, sagte Wettengel: „Er hatte eine Verbindung, nicht nur zu seiner Familie, sondern auch zum Ort.“ Daneben aber passierten eine Reihe peinlicher Pannen.

Etwa als die Stadt 1922 eine Straße nach Einstein benannte, was man ihm aber erst sieben Jahre später mitteilte. Er nahm es mit Humor: „Mein tröstlicher Gedanke war, dass ich ja nicht für das verantwortlich sei, was darin geschieht.“ Nach dem Krieg wollte man ihm offenbar eine Ehrenbürgerwürde wiedergeben, die er nie bekommen hatte, und auch die Benennung der Universität nach ihm scheiterte an Widerständen, wie Iris Mann erzählte.

Ein „ambivalentes Verhältnis“, diagnostizierte sie, doch nun sei man an einem Punkt, das zu ändern. So habe die Stadt die Broschüre „Einstein und Ulm“ mit den wichtigsten Gedenkorten herausgegeben, die bald auch auf der städtischen Homepage abrufbar sein sollen. 2019 komme eine Wanderausstellung zu seiner physikalischen Arbeit, außerdem sei eine Dauerausstellung zur Familiengeschichte geplant, ebenso werde der „relative Talk“ fortgesetzt. An der Stelle des Geburtshauses wolle man „Elemente verankern“, die an Einstein erinnern.

„Unsere Haltung ist: Es ist nicht angemessen, ihn als Marketing-Instrument zu nutzen, wir müssen erstmal schauen, was wir eigentlich für eine Geschichte mit dem Menschen haben“, sagte Iris Mann. Wohl auch deshalb hat Ottmar Hörl seine Einstein-Figur nicht mit herausgestreckter Zunge oder in knalligen Farben gestaltet, sondern in Nachtblau, Bronze und Grüngrau. „Auffallen wäre ihm zuwider gewesen“, sagt der Künstler. Er verweist auf den hochreflektierten Intellektuellen, für den er eine Ausstellung im Museum mit eigenen Arbeiten und Auszügen aus Albert Einsteins Briefen gestaltet hat.

Skulpturen zu kaufen

Mensch Albert Die Kunstaktion von Ottmar Hörl auf dem Münsterplatz und im Museum Ulm läuft unter dem Titel „Mensch Albert“ noch bis zum 3. Juni. Neben den 500 Figuren zeigt das Museum eine Ausstellung mit Malerei, Textelementen und Fotokonzepten Hörls zu Einsteins Forschungsinteressen. Bei der ganzen Aktion handelt es sich um eine Kooperation der Stadt Ulm und des Museums.

Die Skulpturen Die Einstein-Figuren sind aus Kunststoff gefertigt und nach Aussage von Museumschefin Stefanie Dathe wetterfest. Erhältlich sind sie in den Farben Bronze, Nachtblau und Graugrün bei der Tourist-Information Ulm/Neu-Ulm am Münsterplatz 50 oder im Museum Ulm bis 31. August zum Subskriptionspreis von 300 Euro, signiert: 600 Euro (regulär 350/700 Euro). 

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