Ulm Eine Stunde Glück: Schwerstkranke Frau darf den Weihnachtsmarkt erleben

Ulm / CHIRIN KOLB 12.12.2013
Andrea Stehle weiß, dass sie bald sterben wird. Einmal noch wollte sie auf den Weihnachtsmarkt. Ihr Mann, das Hospiz, das Rote Kreuz und Freunde machten es möglich. „Es war unbeschreiblich schön“, sagt er.

Weihnachten ist für die Familie Stehle ein besonderes Fest. Philipp und Andrea Stehle und ihre Kinder, vier, neun und zehn Jahre alt, rücken dann noch enger zusammen als sonst. „Wir dekorieren gemeinsam, wir singen. Für uns ist das immer sehr wichtig“, sagt er. Seit drei Jahren ist nichts mehr, wie es war. Im April 2010 wurde bei Andrea Stehle Unterleibskrebs diagnostiziert, das jüngste Kind war noch ein Baby. Es folgten Operationen, Bestrahlungen, Chemotherapie. Letztlich war alles vergebens, der Krebs kam zurück.

Ihre letzte Zeit wollte die 41-Jährige zu Hause verbringen. Ihr Mann ließ das Haus im Schwendier Ortsteil Weihungszell pflegegerecht umbauen. Doch dann verschlechterte sich der Zustand seiner Frau: Sie kann nicht zu Hause gepflegt werden. Am 2. Dezember bezog sie ein Zimmer im Ulmer Hospiz.

Dort ist sie wunderbar untergebracht, sagt ihr Mann. Die Mitarbeiter seien offen für alle Wünsche, vermittelten ein Gefühl der Geborgenheit, der Freude und Zuwendung. „Sie sind genial.“

Das zeigte sich auch am Sonntag, als Andrea Stehle einen Herzenswunsch äußerte. Sie wollte noch einmal auf den Weihnachtsmarkt. Für ihren Mann war sofort klar: Das muss möglich sein. Das Hospiz-Team setzte alles in Bewegung, um eine Krankenschwester loszueisen. Denn Andrea Stehle braucht ständig Betreuung. Sie wird zum Beispiel über eine Schmerzpumpe permanent mit Morphium versorgt. Das Hospiz schaffte es, dass Miriam Egle die 41-Jährige begleiten konnte.

Philipp Stehle kümmerte sich derweil um einen Krankentransport, weil seine Frau liegend chauffiert werden muss und ein Taxi deshalb nicht in Frage kam. Er rief beim Roten Kreuz an und sagte, was er brauchte: einen Krankentransport vom Hospiz zum Weihnachtsmarkt. „Dann war erst einmal Funkstille.“ Das nächste, was er hörte, war: „Herr Stehle, das machen wir. Ich habe schon nachgeschaut.“ Dann fragte der Rot-Kreuz-Mitarbeiter nach der Kostenübernahme. Kostenübernahme? „Das war mir völlig egal“, sagt Philipp Stehle. Er überlegte gar nicht erst: „Das zahle ich.“

Kurz darauf hielt der Krankenwagen vor dem Hospiz. Andrea Stehle wurde bis an die Pforte des Weihnachtsmarkts gefahren. Miriam Egle hatte aus dem Hospiz einen Spezialrollstuhl mitgebracht, in dem Philipp Stehle seine Frau warm eingepackt in Decken durch die vollgestopften Gassen schieben konnte. Die Freunde Martina Euler und Rainer Wolff begleiteten das Ehepaar, und die Krankenschwester sorgte dafür, dass die Gruppe überall gut durchkam.

„Alle Leute haben uns Platz gemacht“, erzählt Philipp Stehle. „Wir haben die lebendige Krippe angeschaut und Glühwein getrunken, meine Frau Kinderpunsch.“ Diese eine Stunde auf dem Weihnachtsmarkt war für die Stehles ein großes Glück. „Es war unbeschreiblich schön. Einfach gigantisch.“

Nach einer Stunde holte sie der Krankenwagen wie vereinbart wieder ab. Das Rote Kreuz machte es sogar möglich, dass das selbe Personal den Rücktransport übernahm, freut sich der Ehemann. Er ist dankbar für die Unterstützung, die die Familie von Angehörigen und Freunden, von Bewohnern aus Weihungszell, Beschäftigten der Weißenhorner Klinik und des Ulmer Hospizes erfährt. Diese Dankbarkeit will er zeigen. Er ließ in ein Feldkreuz auf dem Grundstück der Familie eine Tafel einsetzen. Darauf steht: „Danke für die helfenden Hände“.

Sie sind jederzeit zur Stelle, in vielerlei Hinsicht. Enge Freunde wechseln sich an Andrea Stehles Bett ab. „Sie möchte nicht allein sein“, sagt ihr Mann. „Sie hat gesagt: Ich möchte, dass immer jemand von meinem positiven Umfeld bei mir ist.“ Er antwortete: „Wird gemacht.“ Rund um die Uhr hat sie Gesellschaft, jeden Tag, jede Nacht.

Die Stehles versuchen, möglichst schöne Stunden miteinander zu verbringen. „Wir spielen Kniffel, machen Brettspiele, alles, was meine Frau will und kann. Wir lachen viel.“ Trotzdem gibt es natürlich auch schlimme Stunden. Die schlimmste war, als die Eltern den drei Kindern sagen mussten, dass ihre Mutter sterben wird. „Das war der bitterste Moment meines Lebens“, sagt der Vater.

In der verbleibenden Zeit setzt er alles daran, jeden Wunsch seiner Frau zu erfüllen. Die Hospiz-Mitarbeiter unterstützen ihn. „Sie sagen immer zu mir: Sagen Sie uns, was Sie möchten, und wir schauen, dass wir es möglich machen.“ Philipp Stehle ist dafür sehr dankbar. Denn er will auch beim nächsten Wunsch, den seine Frau äußert, antworten: „Wird gemacht.“