Warum ausgerechnet Wolfgang Petry? Ein Leben lang versucht man, die Werke des Sängers auszublenden oder gar nicht erst an sich ran zu lassen. Und dann hämmert einem die Verballhornung eines seiner Hits unablässig ins Hirn: „Das ist Wahnsinn, warum schickt ihr mich in die Höhle? Höhle! Höhle! Höhle!“ Der Stadtmensch neigt im Dickicht des Waldes offenbar zur Panikattacke.

Indiana Jones wäre die weitaus treffendere Assoziation gewesen, denn der Weg zum Weltkulturerbe, in diesem Fall zum Sirgenstein im Achtal, ist durchaus abenteuerlich. Schon den Anfang des schmalen Waldpfads zu finden, erfordert regen Forscherdrang und Orientierungssinn. Schon die Suche nach dem richtigen Parkplatz als Basislager der Kurz-Expedition ist schwierig genug, denn die Bucht neben der B 492 zwischen Blaubeuren-Weiler und Schelklingen erfüllt keinesfalls das Anforderungsprofil eines Wanderparkplatzes.

Eine kleine Hütte am Waldrand mag als Orientierungspunkt dienen. Links davon steht ein Schild, auf dem Vogelschützer für den sensiblen Umgang mit ihren gefiederten Freunden werben. Außerdem weisen sie auf den Brut­erfolg eines Uhu-Paares hin, dessen Nachwuchs am 30. Juni ausgeflogen sei. Hinter der Tafel erspäht man den Pfad hoch zur Sirgensteinhöhle, der bei Regen recht glitschig werden kann.

Wer es unfallfrei bis zum Eingang geschafft hat, wird entschädigt mit einer Reise in die Menschheitsgeschichte. Dem Höhlenportal folgt ein kurzer Gang, der zu einer Kuppelhöhle führt, in die durch zwei Öffnungen Tageslicht dringt. Sowohl Neandertalern als auch modernen Menschen soll die Sirgensteinhöhle als Behausung gedient haben. Nach Erkenntnissen der Archäologen haben die Bewohner zumeist im vorderen Teil gelebt, wo die Feuer- und Schlafstellen waren, aber man auch arbeitete.

Dort wurde alles gefertigt, was die steinzeitliche Werkzeugpalette aufweisen musste. Wie der Fund von „doppeldurchlochten Elfenbein-Perlen“ zeigt, spielte auch Schmuck eine Rolle. Darüber hinaus sind oberhalb der Höhle Spuren von Eiszeitjägern entdeckt worden, die dort ihre Jagdbeute zerlegten.

Allein die räumliche Nähe zum Geißenklösterle und dem Hohle Fels, den beiden anderen Welterbe-Höhlen im Achtal, lässt vermuten, dass dieses Gebiet bei Neandertaler & Co. als bevorzugte Wohngegend galt. „Es sieht so aus, als wenn unsere Ecke beliebt gewesen ist zu dieser Zeit“, bestätigt der Archäologe Johannes Wiedmann vom Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren. Davon kann sich jeder bei einem Besuch in der Sirgensteinhöhle überzeugen, zumal der Besuch keinen Eintritt kostet und auch an keine Führung gebunden ist. Es gilt lediglich die Brutzeiten des Wanderfalken zu beachten.

Aktionsstationen geplant

Nach der Aufnahme der Höhlen im Ach und im Lonetal ins Unesco-Welterbe rechnet man auch mit mehr Sirgenstein-Wanderern. Was sich vor allem günstig auf die Infrastruktur auswirken wird. Zwar soll es rund um die Höhle auch künftig weder Versorgungsstationen noch Toiletten geben, aber zumindest soll der Weg dorthin besser begehbar werden. „Es ist vorgesehen, dass der Parkplatz Tiefental der Start zum Sirgenstein sein wird“, erläutert Wiedmann an. Anstelle des ausgetretenen Waldpfades ist ein von Informationstafeln gesäumter Schotterweg geplant, „der nicht mehr so schmal und steil“ ist, wie der bisherige. Für Rollstuhlfahrer bleibt der Sirgenstein allerdings nahezu unerreichbar, zumal der letzte Wegabschnitt topographiebedingt ein Steilstück ist.

Um die Menschheitsgeschichte noch greifbarer zu machen, wollen die Planer entlang des Wegs „Aktionsstationen“ einrichten, an denen Besucher „selbstständig etwas machen können“. An den Einzelheiten werde noch getüftelt, sagt Wiedmann. Nur so viel: Das Ganze soll ohne Personaleinsatz funktionieren.

Als erster Indikator für das allgemeine Höhleninteresse gilt der „Tag der offenen Höhle“ am 10. September im Geißenklösterle: „Wir sind gespannt auf nächsten Sonntag, ich rechne schon damit, dass es einen Zulauf gibt.“

Höhlen-Check


Funde Schmuck aus dem Aurignacien der Schwäbischen Alb (etwa 40.000 Jahre alt), Werkzeuge, drei Zähne von zwei Steinzeitmenschen.
Begehbarkeit Ohne Einschränkung, außer zur Brutzeit des Wanderfalken.
Größe Der Eingang ist 3,50 Meter hoch und 5,40 Meter breit, die Höhle erstreckt sich über 40 Meter.
Eintritt Frei.
Anfahrt Auf der B 492 von Blaubeuren nach Schelklingen: Etwa fünf Kilometer nach Blau­beuren befindet sich auf der rechten Seite, kurz vor der Abzweigung nach Sotzenhausen, ein kleiner Parkplatz.
Erreichbarkeit Hinter der Hütte am Parkplatz an der B 492 führt ein Waldpfad nach oben. Die Höhle liegt etwa 35 Meter über dem Tal. Die Gehzeit beträgt ungefähr zehn Minuten.
Sanitäranlagen Nein.
Nächste Gastronomie In Schelklingen und Blaubeuren, dort gibt es auch Übernachtungsmöglichkeiten.
Barrierefreiheit Nein, der Weg durch den Wald ist zu schmal und zu steil.
Information Anlaufstelle ist das Urgeschichtliche Museum, Kirchplatz 10, in 89143 Blaubeuren, Tel. (07344) 96 69 90, E-Mail info@urmu.de. Im Museum sowie in der Touristinformation Blaubeuren sind auch Orientierungspläne für den Sirgenstein und das Geißenklösterle erhältlich.