Ulm Eine Ära geht zu Ende

Abschied vom Kuhberg, den sie zum gemeinsamen Campus entwickelt haben. Die Schulleiter Gerhard Braunstetter, Wolfgang Stallasch und Marius Weinkauf (von links).
Abschied vom Kuhberg, den sie zum gemeinsamen Campus entwickelt haben. Die Schulleiter Gerhard Braunstetter, Wolfgang Stallasch und Marius Weinkauf (von links). © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Von Ute Gallbronner 17.07.2018

Am 18. Juli wird Wolfgang Stallasch in den Ruhestand verabschiedet, einen Tag später sagt Gerhard Braunsteffer „tschüss“. Bei Marius Weinkauf sieht es anders aus. „Ich komme wieder, keine Frage“, verspricht der 50-Jährige mit einem Augenzwinkern. Vorerst ist aber auch für ihn am Kuhberg Schluss: Er wird Schulleiter der deutschen Schule in Bilbao. Das Wetter hat ihn nicht gelockt, schließlich ziehe er „ins Schottland Spaniens“. Vielmehr will er die Chance beim Schopfe packen, eine deutsche Schule im Ausland zu leiten. Sechs Jahre läuft sein Vertrag am Colegio Alemán.

27 Jahre Leiter an ein und derselben Schule zu sein, diese Aussicht habe er weder für sich selbst noch für das Anna-Essinger-Gymnasium – oder sonst eine Schule – als gute Lösung erachtet. Der konkrete Abschied von „seiner“ Schule falle ihm jetzt aber doch verdammt schwer, bekennt Weinkauf. Schließlich habe man in den vergangenen zehn Jahren viel gemeinsam bewegt und erlebt. Zurück bleibt vom Quartett am Kuhberg nun Lorenz Schulte, der Chef der Steinbeis-Schule.

Schnell sind die drei Lehrer mittendrin in einer Diskussion über Bildungspolitik. Ähnlich wie Weinkauf, der seit 2008 Schulleiter ist, hat Gerhard Braunsteffer den Chefposten in vergleichsweise jugendlichem Alter angetreten. 39 Jahre alt war er damals. „23 Jahre als Schulleiter in Bad Überkingen und dann auf dem Kuhberg sind genug“, sagt er heute, verlässt mit 62 Jahren frühzeitig die Schulbank.

Ein Rücktritt als Schulleiter zurück als gewöhnliches Mitglied des Kollegiums sei in der deutschen Bildungskultur nicht vorgesehen. Leider. Wer kürzer treten will, der verzichtet auf einen Teil seiner Pension – und wer tut das schon freiwillig. „Selbst wenn es bei uns den Wechsel eines Schulleiters an eine andere Schule gibt, dann ist das in der Regel nicht durchdachte Personalpolitik, sondern aus der Not geboren“, sagt Braunsteffer. Etwa wenn für eine Schule kein Leiter mehr gefunden werde.

Der Campus Kuhberg 17 Jahre war Braunsteffer Chef, Weinkauf 10 Jahre „Die gute Kooperation hier ist ein Grund, warum ich nicht mit 64 aufgehört habe“, sagt Wolfgang Stallasch, der 2014 die Leitung der Realschule übernommen hat, aber bereits seit 1997 als Konrektor „hier oben“ war. Der Begriff „Campus Kuhberg“, den einst in einem lockeren Gespräch Weinkauf geprägt hatte, ist inzwischen Wirklichkeit geworden – in Stein gemeißelt durch die Mensa, die nun mittendrin steht. Genau dort, wo früher ein öder Parkplatz die allgemeinbildenden von den beiden beruflichen Schulen getrennt hat.

Was 2005 noch völlig unrealistisch gewesen sei, wurde 2010 plötzlich beschlossen, erinnert sich Braunsteffer. Nicht ohne Geburtswehen, denn die Parkplätze für Lehrer mussten weichen und wenig erregt Menschen so wie die Angst, sein Auto nicht mehr direkt vor der Tür abstellen zu können. „Anfangs hatten wir auch Sorgen, dass es nicht klappt“, erinnert sich Weinkauf an die Zeit der Eröffnung vor vier Jahren. Diese Zweifel sind längst verflogen: Inzwischen sind die Mensa und der Platz drumherum das Herz des Campus’ Kuhberg. Das Verständnis füreinander sei gewachsen, da sind sich alle einig. Auch die Schulleiter haben sich hier, egal ob spontan oder geplant, getroffen und manches Thema auf dem kurzen Dienstweg abgehakt.

Das Schulleiter-Dasein Natürlich gehört es zum Aufgabengebiet des Schulleiters, Probleme zu lösen. Allerdings nehme dies viel zu viel Raum ein, da ist sich das Trio einig. „Wenn man den ganzen Tag auf die Einzelfälle schaut, verliert man den Blick für die Normalität und vergisst vielleicht manchmal, wie gut es eigentlich läuft“, sagt Weinkauf. So habe er kürzlich zum allerersten Mal in seiner Karriere Post von einem Anwalt bekommen mit einem Einspruch gegen eine Note. Und ein Hort von Gewalt, wie es manchmal dargestellt werde, seien die Schulen auch nicht. Nur der zunehmende Vandalismus an und in den Gebäuden treibt die Schulleiter um.

Was alle drei stört, ist die Tatsache, dass für die Kernthemen ihrer Arbeit viel zu wenig Zeit bleibt – für pädagogische Arbeit und Personalentwicklung. Stattdessen dominiert die Verwaltung. Von der defekten Klobrille über die Homepage bis zur EDV muss sich der Schulleiter um alles kümmern. „Ich fühle mich als Schulleiter nicht immer gut unterstützt“, stellt Braunsteffer klar.

Bestes Beispiel: Die neuen Medien, die ja wahrlich längst nicht mehr wirklich neu seien. Noch immer müssten die Lehrer zweigleisig planen, falls irgendwas mit der Technik mal wieder nicht funktioniert. Schulen haben inzwischen Netzwerke wie kleine Betriebe, doch für die System-Betreuung gibt’s zu wenig Geld. Das müssen Lehrer nebenberuflich erledigen. „Da hofft jeder, dass sein Systembetreuer nicht krank wird oder, noch schlimmer, die Schule wechselt“, sagt Stallasch. Einen Techniker-Pool für alle Ulmer Schulen hätten sie gerne, mit richtigem Fachpersonal oder eben die Aufgabe an eine Spezial­firma vergeben, wie es viele kleinere Betriebe tun. Doch bei Förderprogrammen von Land oder Bund sei eben nur für die Anschaffung der Geräte Geld da, nicht für deren Wartung.

Die Politik Von der Stadt Ulm fühlen sich die drei Schulleiter bestens unterstützt. „Was wir nicht im Griff haben, ist die Bildungspolitik. Die ist schnelllebiger geworden und einfach nicht mehr kalkulierbar“, sagt Braunsteffer. Statt bei einem klaren Zwei-Säulen-Modell sei man inzwischen bei mindestens vier angelangt, G8 und G9 ist in der Dauerdiskussionsschleife, die Gemeinschaftsschule mutiert vom Lieblings- zum Stiefkind, an der Realschule kann man verschiedene Abschlüsse machen... Die Folge: Das Rad wird an verschiedenen Stellen immer wieder neu erfunden, statt voneinander zu profitieren.

Für Wolfgang Stallasch ist das Grundproblem schnell benannt: „Bildungspolitik ist immer Parteipolitik, und jede neue Regierung muss zeigen, was sie anders macht.“ Dazu kommt die Tatsache, dass jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht. Der Föderalismus stoße hier an seine Grenzen. „Die Kultusministerkonferenz bringt zu wenig auf den Weg“, bemängelt Braunsteffer. In diesem Punkt sei die Wirtschaft deutlich weiter, denn die Ausbildungsordnungen bei den dualen Ausbildungsberufen gelten bundesweit.

Die Schüler Haben sie sich verändert über die Jahre hinweg? „Ich glaube, die Kindheit an sich hat sich verändert“, sagt Marius Weinkauf. Sie müssten viel früher Verantwortung übernehmen, was nicht zuletzt mit der Flut an Informationen zu tun habe, die über sie hereinbreche. Viele Eltern nähmen diese Herausforderung an, unterstützen ihre Kinder im Umgang mit den Medien – wobei klare Regeln zu dieser Unterstützung gehören. „Wenn aber Kinder von ihren Eltern damit allein gelassen werden, müssen wir reagieren“, sagt Stallasch.

Überhaupt sind die Lehrer außerhalb des Unterrichts weit mehr gefragt, weil beide Eltern berufstätig sind. „Früher war die Ganztagsschule ein Makel, heute rennen sie uns die Bude ein“, fasst Weinkauf zusammen.

Mit ihren Schülern sind die Schulleiter eigentlich ganz zufrieden. „Aber die jungen Leute sind heute weitgehend unpolitisch. Eigentlich müssten sie auf die Barrikaden gehen, so wie wir mit unserer Welt umgehen“, sagt Gerhard Braunsteffer. So ganz will Kollege Weinkauf das nicht stehen lassen. Er erlebe seine älteren Schüler durchaus als politisch, was ihnen aber fehle, sei das große „Wir-Thema, sie sind sehr individualisiert“.

Gerhard Braunsteffer (62), Robert-Bosch-Schule

Karriere Nach dem Abitur am Schubart-Gymnasium 1975 hat Gerhard Braunsteffer Maschinenbau studiert und zwei Jahre als Entwicklungsingenieur bei BASF gearbeitet. 1982 begann er sein Refendariat an der Robert-Bosch-Schule, wo er anschließend auch als Lehrer tätig war. 1988 wechselte er als Referent in der Abteilung „Berufliche Schulen“ zum Kultusministerium. 1995 wurde er Leiter der Hotel- und Gaststättenschule Bad Überkingen, ehe es ihn 2001 wieder an den Kuhberg zog. Dieses Mal als Leiter der Robert-Bosch-Schule und lange Jahre Geschäftsführender Schulleiter der beruflichen Schulen in Ulm.

Was kommt jetzt? „Ich freue mich runterzufahren und Dinge zu machen, die ich will. Ich bin lange Zeit immer der Getriebene gewesen.“ Frau und Tochter hat er versprochen, endlich mal die Weihnachtsdeko zu übernehmen.

Wünsche Seiner Nachfolgerin Anne-Katrin Gräber (50) wünscht Braunsteffer, „dass das Kollegium weiter so engagiert bleibt“. Außerdem hofft er, dass sie möglichst viel Zeit mit der pädagogischen Arbeit verbringen könne.

Marius Weinkauf (50), Anna-Essinger-Gymnasium

Karriere Marius Weinkauf ist Lehrer für Deutsch und Politik. Ehe er 2008 als Schulleiter an das Anna-Essinger-Gymnasium kam, war er acht Jahre am Kepler-Gymnasium als Lehrer tätig, davor in Konstanz und in der Schweiz. Zuletzt war er ein Jahr lang Geschäftsführender Schulleiter der Ulmer Gymnasien.

Was kommt jetzt? Weinkauf übernimmt das Colegio Alemán Bilbao. Die deutsche Schule hat insgesamt 650 Schüler, darunter 300 Gymnasiasten. Vor gut einem Jahr hatte er die Ausschreibung gesehen und sich dann beworben. Nach dem Auswahlverfahren in Berlin gehörte er zu den vier Kandidaten, die sich in Bilbao vorstellen konnten. Letztlich habe sich die Schule für ihn und er für die Schule entschieden.

Wünsche Dieter Greulich, derzeit stellvertretender Schulleiter des Ehinger Vanotti-Gymnasiums, wird Weinkaufs Nachfolger. Ihm wünscht er vor allem Gelassenheit und dass es ihm gelingt, „zum richtigen Zeitpunkt eigene Akzente zu setzen“.

Wolfgang Stallasch (66), Anna-Essinger-Realschule

Karriere Auf das Abitur am humanistischen Parler-Gymnasium in Gmünd – etwa 1200 Jungen und zwei bis drei Mädchen – folgte das Studium an der PH Schwäbisch Gmünd und die erste Stelle an der Karl-Spohn-Realschule Gerhausen. „Eigentlich bin ich, seit ich sieben war, nicht mehr aus der Schule rausgekommen“, sagt Wolfgang Stallasch. Sein Weg führte über die Ulrich-von-Ensingen-Realschule 1997 als Konrektor an die Anna-Essinger-Realschule, wo er seit 2014 Schulleiter war.

Was kommt jetzt? Seine Frau habe ihn schon zur Ehrenamtsmesse geschleppt, bekennt Stallasch. Er will aber vor allem genießen, dass er seine Zeit jetzt frei einteilen kann. Außerdem im Fokus: Er will wieder mehr Sport treiben, „soweit das die orthopädischen Schäden zulassen, die der Leistungssport hinterlassen hat“. Moderner Fünfkampf war sein Sport, der ihm sehr viel vermittelt habe. Als Fachberater Sport war Stallasch deshalb auch zehn Jahre lang tätig.

Wünsche Seinem Nachfolger Markus Brenner wünscht Stallasch, dass die Zusammenarbeit mit den anderen Schulen am Campus weiter so gut läuft. Insbesondere natürlich mit dem Gymnasium, „um diese besondere Anna-Essinger-Schule weiterzuentwickeln“.

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