Literatur Eindrucksvolle Lesung im Suttner-Gymnasium

Gerd Berghofer.
Gerd Berghofer. © Foto: BvS
Petra Knobling 06.12.2016

Gerd Berghofer absolviert 150 Auftritte im Jahr, die Hälfte davon an Schulen. Am Bertha-von-Suttner Gymnasium trug der Vortragskünstler dieses Mal für die Schüler der zehnten Jahrgangsstufe Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert vor.

Borchert lebte von 1921 bis 1947 und gilt als Vertreter der  Trümmerliteratur. Für die Schüler heute erscheine Borchert zunächst „weit weg“, seine Erfahrungen jedoch seien überall aktuell, wo Krieg herrscht. Eindrucksvoll beschreibt Berghofer das kurze Leben des Autors, die psychischen und physischen Qualen, die dieser als Soldat im Zweiten Weltkrieg erlitt. Borchert überlebt, flieht aus der Gefangenschaft und kehrt verwundet 1946 zu Fuß in seine zerstörte Heimatstadt Hamburg zurück. Aus diesen Erlebnissen entstand das Hörspiel „Draußen vor der Tür“, welches einen Tag nach seinem Tod im November 1947 als Theaterstück uraufgeführt wird.

Das Gesamtwerk des Schriftstellers passt – wegen seines frühen Todes – in ein Buch, aus dem Gerd Berghofer vier Kurzgeschichten vorliest. Die ersten drei sind allesamt im Krieg verortet und schwere Kost. In „Mein bleicher Bruder“  übt ein Leutnant Rache an einem seiner Soldaten, wodurch dieser zu Tode kommt. Die einigen Schülern bekannte Geschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“ erzählt von einem Jungen, der in den Trümmern seines Wohnhauses seinen verschütteten kleinen Bruder vor Ratten beschützt. „Die drei dunklen Könige“ schließlich ist eine in die Nachkriegszeit übertragene Weihnachtsgeschichte, in der drei Kriegsheimkehrer am Weihnachtsabend einem Neugeborenen und seinen Eltern alles schenken, was sie besitzen: Tabak, einen selbst geschnitzten Esel aus Holz und zwei Bonbons.

Die vierte Geschichte mit dem Titel „Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels“ ist aus Borcherts Frühwerk und trotz des tragischen Hintergrunds so humorvoll geschrieben, dass die düstere Stimmung sofort verflogen ist. Mit dem Text hat der Autor seinem Onkel ein Denkmal gesetzt, der wegen einer Kriegsverletzung einen Sprachfehler hat und „s“ nur als „sch“ aussprechen kann. Er trifft in einem Café auf einen Kellner mit dem gleichen Sprachfehler, was zunächst zu Missverständnissen und Streit führt, jedoch in eine mit vielen Schnäpsen besiegelten Versöhnung mündet.

Beim Rezitieren dieser Geschichte wird die Vortragskunst Berghofers besonders deutlich: Er lispelt, zischt, ereifert sich und gestikuliert so überzeugend, dass die Heiterkeit auf die Schüler übergreift. Deren Kommentare nach der Lesung: „Düster“, „witzig“, „interessant“ und „sehr beeindruckend“! Petra Knobling