Kein Fenster, stattdessen Glasbausteine. Etwas Frischluft strömte über eine Klappe in die Zelle. Singen war nicht, Lachen auch nicht. Aber: Was gab’s hier schon zu lachen? Und zu singen? „Die Gedanken sind frei“ von Hoffmann von Fallersleben vielleicht – was wohl eine Anklage wegen staatsfeindlicher Hetze zur Folge gehabt hätte. Laufen war nicht. Drei Meter hin und her. Sitzen? Nur auf einem Hocker. Zwischendurch gab’s zu essen. „Ritsch-ratsch“ machte es dann. Ritsch: Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Ratsch: Der Riegel wurde zurückgeschoben, ein Teller aus Plaste und Elaste gereicht. Zum Frühstück zwei Marmelade-Brote und Muckefuck, mittags Eintopf, abends Brot mit Schmierwurst oder Käse. Nachts brannte das Licht, manchmal durchgehend, manchmal ging es aus. Wurde angeschaltet. Und gelöscht. Angeschaltet und ... alle fünf, sechs Minuten. Wer hier saß, fühlte sich klein, rechtlos, machtlos, völlig dem System ausgeliefert. Aus einer Nachbarzelle drangen Schreie, aus einer anderen Weinen. Wer hier saß, war kein Mensch, sondern: eine Nummer.

Horst Savelsberg trug eine solche Nummer, die 5-1. Zelle 5 im Stasi-Gefängnis am Magdeburger Moritzplatz. Einzelhaft, deshalb die 1. Sein Vergehen: Ihm, der heute in Söflingen lebt, wurde „landesverräterische Nachrichtenübermittlung“ und „Staatsverleumdung“ zur Last gelegt. Savelsberg saß von Februar bis Juli 1981 in U-Haft wegen zweier „läppischer Briefe“. Im ersten Fall hatte er im November 1980 mit ironischem Unterton bemängelt, dass seine Familie die ihm März bestellte Kohlelieferung Anfang November noch nicht erhalten habe. Der Hintergrund war ein ernster: Die Tochter war nierenkrank, die Wohnung sollte einigermaßen geheizt sein:

„Alle Jahre wieder kommt im real existierenden Sozialismus natürlich nicht das Christuskind, aber nichtsdestotrotz der Winter und mit dieser normalen Naturerscheinung das leidige Problem mit den festen Brennstoffen . . . Da wir um die Mängel in diesem Staat leider nur zu gut wissen und uns über die Vielfalt kleiner Missstände schon gar nicht mehr erregen . . .“

Mit solcher Art Eingaben machte sich Horst Savelsberg nicht beliebt beim Ministerium für Staatssicherheit, kurz: MfS oder Stasi. „Ich stellte das System in Frage. Das galt als verwerflich.“ Beliebt wollte er sich freilich auch gar nicht machen, er wollte raus aus diesem Staat, der seine Bürger in Unfreiheit hielt. „Friedrich der Große hat die Leibeigenschaft abgeschafft, die DDR hat sie wieder eingeführt.“ Raus aus diesem Staat, der auf Lügen und ideologischem Druck aufbaute. Raus aus diesem Staat, in dem Misstrauen und Gewalt herrschten. Bloß raus aus dem Staat, in dem der Mangel das einzige war, was es im Überfluss gab. Aber: Savelsberg landete nicht im Westen, sondern in U-Haft.

Der damals 35-Jährige hatte nämlich noch einen zweiten Brief geschrieben, in dem er den DDR-Staatsratsvorsitzenden anging. Er frage sich, schrieb Savelsberg an den Rat des Bezirks Magdeburg, „woher Herr Honecker seine Information bezieht“. Dieser hatte öffentlich behauptet, die Grundsätze des Völkerrechts seien in der Verfassung der DDR verankert. Savelsberg verwies auf die Schlussakte der Helsinki-Konferenz von 1975, wonach es jedem frei stehe, jedes Land, auch sein eigenes, zu verlassen,

„. . . folglich auch wir die DDR. Dieses Bürgerrecht, ein politisches Grundrecht, wird uns seitens der staatlichen Organe der DDR bis zum heutigen Tag verweigert . . . Wir bekräftigen unseren Rechtsanspruch, die DDR verlassen und in die Bundesrepublik übersiedeln zu wollen und appellieren an Sie: Zollen Sie unserem Begehren endlich den gebührenden Respekt!“

Der „gebührende Respekt“ habe in einem neuen Haftbefehl bestanden. Sagt Savelsberg. Am 23. Februar 1981 wurde er nach Schichtende – er war im VEB Textilpflege Staßfurt beschäftigt – verhaftet. „Zur Klärung eines Sachverhalts“, wie die Stasi-Männer sagten. Wie sie immer sagten, wenn sie jemanden abholten. Er kannte die Prozedur, es war bereits seine dritte Verhaftung. Alles ausziehen! Körperöffnungen wurden untersucht, Schnürsenkel und Gürtel entfernt. Fotos von vorne, von links, von rechts. Erste Verhöre. Er saß stundenlang auf einem Hocker, die Hände unter die Oberschenkel geklemmt. Sein Wunsch nach juristischem Beistand wurde abgeschmettert: „Sie sehen wohl zu viel Westfernsehen!“ Irgendwann ging die Tür auf, und ein Staatsanwalt verlas den Haftbefehl.

Freilich, mit diesem Stück Papier verband Savelsberg, so kurios das auch klingen mag, die Hoffnung auf Freiheit – im Rahmen des Häftlingsfreikaufs durch die Bundesrepublik. Er, der am 18. Juni 1945 in Jeetze/Altmark geboren wurde, einem Dorf, 60 Kilometer nordöstlich von Wolfsburg gelegen. Hier verbrachte er seine frühe Kindheit; Anfang der 50er Jahre zog die Familie – die Eltern stammten aus Aachen, die Mutter war nach zweimaligem Ausbomben in die Altmark geflüchtet – nach Wernigerode im Harz. Hier hatte der Onkel eine Konditorei aufgebaut, „das Geschäft brummte“. Was für Savelsbergs Vater auch der Grund war, nicht in den Westen zurückzukehren. Sehr zum Leidwesen der Familie, auch des kleinen Horst, der bis 1960 jedes Jahr seine Sommerferien im Rheinland verbrachte und sah, dass es den Leuten dort viel besser ging. Daneben die triste DDR mit ihrer Mängelwirtschaft, ihren primitiven Wohnverhältnissen. „Wir wohnten völlig beengt, zu fünft in zwei heruntergekommenen Räumen, das Klo auf dem Flur.“

Er war katholisch erzogen worden, die Großmutter hatte entscheidenden Einfluss auf den Enkel, aber es war dieser rheinische Katholizismus, der im Haus Savelsberg praktiziert wurde: „Leben und leben lassen, lautete das Motto.“ Bis zum Alter von 16 war er nicht in der Freien Deutschen Jugend (FDJ), erst auf Drängen der Eltern („wenn du Abitur machen willst . . .“) trat er bei. Viel wohler fühlte er sich in der katholischen Jugendgruppe, in der offen diskutiert wurde: über Freiheit – und die Mauer. Und in der Schule musste er im Sportunterricht Übungshandgranaten werfen. „Wir lebten zwei Leben: das offizielle und das geheime.“ Aber was blieb schon geheim in der DDR? Die Stasi war überall. Trotz Zulassung zum Medizinstudium wurde ihm immer bewusster, „dass ich hier nicht leben kann. Die marxistisch-leninistischen Theorie und die erlebte Wirklichkeit waren zwei Paar Stiefel.“

Also Flucht? Zu dritt wollten sie weg, einer kannte die Wege durchs Moor rund um den Brocken. 24. April 1966: Sie lösten Fahrkarten für die Brockenbahn, an der Haltestelle Station „Drei Annen Hohne“ war aber bereits Endstation. Sicherheitskräfte nahmen die jungen Männer in Empfang; ihre Beteuerung, lediglich wandern zu wollen, nahmen ihnen die Kriminalpolizisten partout nicht ab. Nicht nur, „weil man auf eine Wanderung normalerweise kein Abi-Zeugnis mitnimmt“, sagt Savelsberg. Als weit verhängnisvoller stellte sich der dritte Mann heraus, der mit den Ortskenntnissen; er hatte das Vorhaben seinem Vater, einem Kriminalpolizisten verraten. Das Ende vom Lied: Wegen versuchter Republikflucht und Entziehung von der Wehrpflicht wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt.

18 Monate saß Savelsberg, dann kam er frei und in einem Bau- und Montagekombinat unter. Er heiratete, die Tochter kam zur Welt, und es schien ruhig um ihn zu werden. Hatte er sich mit dem System arrangiert? Der Vorwurf, den man ihm später machte, lautete denn auch: Savelsberg habe sich jahrelang getarnt. Ein Studium war ihm wegen „politisch-ideologischer Unreife“ verweigert worden, aber er machte den Facharbeiterbrief im VEB Textilreinigungskombinat, absolvierte ein Fernstudium, war Leiter des Betriebsteils Chemische Reinigung – und trug seinen Teil zum Aufbau des Sozialismus bei: als „Aktivist für besonders gute Arbeit“. Sein Kollektiv wurde mehrmals als „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet. Aber: Er wollte immer noch weg, jetzt mit seiner Familie. „Wir haben permanent überlegt, wie wir’s schaffen.“

Im Oktober 1976 stellte Savelsberg einen Antrag auf „Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR und Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland“. Zunächst passierte nichts. Zwei Monate später wurde ihm mitgeteilt: „Sie kommen nicht raus.“ Mehr noch, die Stasi ergriff jetzt Gegenmaßnahmen:

„Im Prozess der politisch-operativen Arbeit gilt es folgende Maßnahmen durchzusetzen: Überprüfung der Person, Ermittlungen im Freizeit- und Wohnbereich, Ermittlungen im Arbeitsbereich, Einleitung Postkontrolle, IM-Einsatz . . .“

Savelsberg wurde entlassen, mit dem Gehalt seiner Frau kamen sie aber über die Runden. Und die Stasi? Sie hatte ihn weiterhin unter Kontrolle. Über IM „Arno“, der über das „Auswanderungsproblem Savelsberg“ (Zitat Stasi) Bescheid wusste wie nur Savelsberg selber. Kein Wunder: Arno gehörte zur Familie. Arno war Savelsbergs bester Freund. Arno war sein Trauzeuge. Arno war der Patenonkel seiner Tochter. Und Arno war: der Denunziant. Savelsberg konnte es nicht glauben, als er 1993 die Gauck-Behörde um die Klarnamen der Informellen Mitarbeiter bat, die ihn bespitzelt hatten. „Ich hatte es schwarz auf weiß. Es war zum Kotzen.“ 400 Seiten hat er eingesehen – von 1800, die die Stasi über ihn angelegt hat. Auch über seine Frau hatte das MfS Berichte gesammelt; ein Kollege, „ein Drecksack vor dem Herrn“, hatte der Stasi zugeliefert.

Savelsberg machte weiterhin „Eingaben“: an die Kreisleitung der SED, den Staatsratsvorsitzenden, das Ministerium des Innern ... Die Stasi fasste all das zusammen:

„In diesen Anträgen brachte er seine feindliche Einstellung zur sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung zum Ausdruck und begründete damit auch seine Übersiedlungsabsichten . . . Um sein Ziel, die Genehmigung zur Übersiedlung zu erreichen, entwickelte er weitere vielfältige Aktivitäten . . .“

Gemeint waren die Schreiben, die Savelsberg 1977 gemeinsam mit einem Freund in 20 Botschaften westlicher Länder abgegeben hatte. Darin forderten sie die Staaten auf, die Regierung der DDR zu verurteilen, weil sie nicht nur die Menschenrechte und die Grundfreiheiten ignoriere, sondern ihre Bürger diskriminiere und strafrechtlich verfolge. „Das hat die Stasi maßlos geärgert.“ Beide wurden verhaftet, zuerst der Freund, dann Savelsberg am 5. Januar 1978. Morgens um 7, „natürlich nur zur Klärung eines Sachverhalts“. Fünf Monate saß er im Stasi-Gefängnis am Moritzplatz; in den Verhören stritt er nichts ab, er wollte ja in die Bundesrepublik, „ein zweites Leben führen“. Mit seinem Anwalt durfte er erstmals 14 Tage vor dem Prozess reden – und dann nur über private Dinge, nicht über seinen Fall. Wegen mehrfacher staatsfeindlicher Hetze verurteilte ihn der Richter zunächst zu einer Haftstrafe von sechs Jahren, die in der Berufungsverhandlung um ein halbes Jahr reduziert wurde.

Übrigens: Auch Hannelore Savelsberg war ständiger Repression durch die Stasi ausgesetzt. Sie solle sich von ihrem Mann trennen und den Ausreiseantrag zurückziehen, lautete die Aufforderung, der unverhohlen die Einschüchterung folgte: Frau Savelsberg, wir können auch anders! Dass dies keine leere Drohung war, wussten beide. Denn in vergleichbaren Fällen wurden die Ehefrauen oft ebenfalls inhaftiert – mit der Folge, dass die Kinder zur Zwangsadoption freigegeben wurden. „Da hatten wir noch Glück.“

Am Nikolaustag 1979 passierte das, was Savelsberg befürchtet hatte: eine Amnestie aus Anlass des 30. Jahrestages der DDR. Gegen seinen erklärten Willen wurde er nach 18 Monaten aus der Haftanstalt Brandenburg („nach Bautzen das gefürchtetste Gefängnis“) entlassen – und abgeschoben. Aber nicht in den Westen, sondern nach Hecklingen, 30 Kilometer südlich von Magdeburg. Deportiert und zur Zwangsarbeit im VEB Textilpflege Staßfurt verpflichtet, wie er sagt. Die Wohnung marode, von der Stasi verwanzt. Doch darauf kam’s eigentlich nicht mehr an, denn, nachdem Frau und Kind zu ihm gezogen waren, stellte er erneut einen Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft. Woraufhin nichts geschah. Bis er die beiden anfangs erwähnten Briefe losschickte und ihn die Stasi an jenem 23. Februar 1981 abholte. Das Urteil: Fünf Jahre Haft wegen landesverräterischer Nachrichtenübermittlung und Staatsverleumdung. Warum Nachrichtenübermittlung? Weil Savelsberg alle Schreiben außer Landes hatte bringen lassen, über Kuriere an den Klassenfeind. Sämtliche Durchschläge verbuddelte sein Bruder zusätzlich im Vorgarten – was sich später als großer Vorteil erweisen sollte, weil damit die „Problematik Savelsberg“ bestens dokumentiert ist.

Diese dritte Verurteilung sollte die letzte sein: Nach 14 Monaten wurde er ins Stasi-Gefängnis Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) überstellt. Wer hier saß, saß in der Regel nicht mehr lange. Die Ausnahme: Savelsberg. Während alle anderen freigekauft wurden, musste er warten und warten. Fast zweieinhalb Monate. „Das war die schwerste Zeit. Ich war kurz vor dem Nervenzusammenbruch“, erinnert er sich. Und er flippte tatsächlich aus, schlug den Hocker an der Zellentür entzwei. Ein Offizier beruhigte ihn, alles nur ein Versehen, beim nächsten Transport sei Savelsberg dabei. So kam es: Am 16. September 1982 fuhr der Bus Richtung Westen, der Schlagbaum ging auf ...

Seine Familie kam Ende Dezember nach, Savelsbergs feierten Neujahr 1983 in Freiheit. Für diese Freiheit hatte Horst Savelsberg vieles auf sich genommen: die permanente Verfolgung durch die Stasi, Berufsverbot, fünf Jahre Haft. Aber er hatte immer die Gewissheit, das Richtige zu tun – und seine Frau bestärkte ihn immer in ihren Briefen. „Sie waren mein seelischer Halt.“ Spurlos gingen die 16 Jahre seit der „versuchten Republikflucht“ nicht an ihm vorüber. Manchmal kommt alles wieder hoch, dann schläft er schlecht. Aber alles hat sich gelohnt, sagt Savelsberg im Rückblick. „Ich weiß, was es heißt, in Freiheit zu leben.“