Ulm Hans im Glück: Anwohner gehen auf die Barrikaden

Blick über die Terrasse der Kohlgasse 20 Richtung Münster. In das gelbe Haus rechts soll „Hans im Glück“, bisher diente der Abluftkamin für die Buchhandlung Herwig und war unproblematisch. Links der ebenfalls von der neuen Abluftanlage betroffene frühere Gaissmaierstadel, nun mit Adresse Münsterplatz 20.
Blick über die Terrasse der Kohlgasse 20 Richtung Münster. In das gelbe Haus rechts soll „Hans im Glück“, bisher diente der Abluftkamin für die Buchhandlung Herwig und war unproblematisch. Links der ebenfalls von der neuen Abluftanlage betroffene frühere Gaissmaierstadel, nun mit Adresse Münsterplatz 20. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Frank König 31.08.2018
Die Ansiedlung der Burgerkette „Hans im Glück“ treibt die Anlieger auf die Barrikaden. Sie befürchten Fettgestank rund um die Uhr.

Im Quartier nördlich des Münsters offenbart die geplante Ansiedlung der Burgerkette „Hans im Glück“ einen tiefen Konflikt zwischen zunehmenden  Freizeitwünschen in der Eventgesellschaft und den Schutzbedürfnissen der Anwohner. So haben nun Anlieger im Umfeld der ehemaligen Buchhandlung Herwig, in die das Burger-Restaurant einziehen soll, einen Fachanwalt hinzugezogen, der das Umbauvorhaben kritisch unter die Lupe nimmt.

Rechtsanwalt Marcus Scharpf vertritt dabei auch die Interessen einer Familie, die das Gebäude des früheren Nachtlokals „Aquarium“ in der Kohlgasse 20 erworben und aufwendig saniert hat. Das Haus mit Baujahr 1418/19 hat als Baudenkmal einen hohen Rang, berichtet die Familie. Der original erhaltene Dachstuhl – eine Seltenheit – durfte beispielsweise nicht angetastet werden. Es sind noch alte Zwischenwände der mittelalterlichen Bebauung als „Ulmer Sparbögen“ sichtbar. Man hatte das Haus 1997 von der Sanierungstreuhand erworben und in der Folge sukzessive zu einem Schmuckstück ausgebaut. Drei Generationen wohnen dort.

Die Familie ist nun erschüttert, dass in einem Innenhof auf der Südseite, also zum Münster hin, die Abluftkanäle für „Hans im Glück“ hochgezogen werden sollen: darunter für einen Fett­abscheider, der auch Anwohner am Münsterplatz 20 – dem früheren Gaissmaier-Stadel – auf die Barrikaden treibt. So befürchtet Marianne Henle, dass die Abluft von anscheinend drei Küchen,  Spülküche und Müll-Lager rund um die Uhr in die Wohnungen befördert wird: wegen der vorherrschenden Westwind-Lage.

Abluftkamine entsprechen nicht der Norm

Nach Informationen der Anwohner sind die Abluftkamine auch niedriger als vorgeschrieben, um städtebaulich nicht in Konflikt zum Münster zu treten. Bei einem Termin im Stadtplanungsamt haben sie den Eindruck gewonnen, dass der frühere Stadtplanungschef Volker Jescheck und sein Team die Dimension des Burger-Restaurants mit mehreren hundert Sitzplätzen nicht im Detail kannten. Bei dieser Anhörung wurde den Anwohnern wenig Hoffnung gemacht. Gleichwohl teilte die Stadtverwaltung zuletzt mit, man prüfe vor allem das Thema der Lüftungsanlagen sehr genau und ohne Zeitdruck (wir berichteten). Vermieter Peter Werdich will einen Baubeginn für das Restaurant Anfang 2019.

Der betroffenen Familie in der Kohlgasse fehlt nicht zuletzt das Verständnis, dass für sie Gastronomie und störendes Gewerbe im Grundbuch ausgeschlossen wurden, während im Falle von „Hans im Glück“ keine Restriktionen gelten sollen. Beim Kauf des Objekts von der San sei ihnen versichert worden, die Stadt plane Wohnen ohne viel Lärm parallel zum Handel: „Wir haben das in gutem Glauben gekauft.“

Bei neuen gastronomischen Nutzungen geht es aus ihrer Sicht vorrangig um die Profitinteressen der Vermieter. So hatte auch Herwig wegen zu hoher Mietforderungen aufgegeben. Über „Hans im Glück“ solle außerdem ein Boarding House entstehen – dies obwohl man zuletzt die Polizei wegen zu lauter Studentenpartys holen musste. Auch die hochbetagten Eltern der Familie leben in dem Komplex. So bezeichnet auch Anwalt Scharpf in seinem Einwendungsschreiben an die Stadt die neue Nutzung als „rücksichtslos“. Die Immissionen der geplanten Großgastronomie würden in die Innenhöfe des Quartiers hineingetragen. Es sei zudem zu erwarten, dass die Passage zwischen Münsterplatz und Kohlgasse teilweise den Besucherstrom zum neuen Restaurant aufnimmt. Der Westwind werde vor allem die Abluft des Fett­abscheiders auf die Balkone wehen. Die Familie befürchtet: „Das Ding läuft Tag und Nacht.“ Bei Marianne Henle liegt der Fett­abscheider-Kamin auf der Nordseite mit dem Schlafzimmer. Angesichts ihres hohen Alters komme ein Umzug nicht in Frage.

Wertminderung der Immobilien

Der Rechtsanwalt weist nicht zuletzt auf eine Wertminderung für die umliegenden Immobilien von „Hans im Glück“ hin. Dabei hätten seine Mandanten auf das Versprechen der Stadt vertraut und sich daher auf das Abenteuer einer Sanierung eingelassen. Wie aus dem Schriftwechsel hervorgeht, sind Öffnungszeiten für die Gastronomie von 10 bis 1 Uhr geplant. Als Schutzmaßnahmen gegen den erwarteten Lärm werde lediglich das Schließen der Türen zu Nachtzeiten erwähnt. Dies sei „nicht ausreichend“. Es ist davon auszugehen, dass auch die Außengastronomie erhebliche Dimensionen annimmt.

Im Zuge des Vordringens der Systemgastronomie in der Ulmer City eröffnet am Münstetplatz 16 nächste Woche auch Starbucks. Vapiano kommt am südlichen Münsterplatz im April.

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Haus mit reicher Vergangenheit

Geschichte Bei dem Haus in der Kohlgasse 20 handelt es sich nach Informationen der Investoren um ein altes Loderer-Haus. Daher resultieren die fürs Mittelalter ungewöhnlich hohen Räume mit Deckenhöhen bis drei Metern: weil wie in einem Kontor die Stoffballen gestapelt wurden. Es gab bis heute anscheinend sieben verschiedene Bauphasen, die das Haus durchlaufen hat.

Sparbögen Das Haus mit Fertigstellung 1419 ist auch in einer Datenbank des Landesdenkmalamts dokumentiert. Die massiven Seitenwände wurden durch Bögen verjüngt, daher der Name „Sparbögen“. Es handelte sich ursprünglich um ein Fachwerkhaus. Die Dokumentation beschreibt jede Etage des Hauses. Die Wohnfläche über alle Stockwerke hinweg: 450 Quadratmeter.

Stadtbild Mit dem Thema Sparbögen kennt sich auch der neue Stadtbildarchitekt Stefan Uhl aus. Sie waren demnach auch in der Renaissance und später beliebt, nicht zuletzt als ästhetisches Element. Uhl kennt den Sacherhalt in der Kohlgasse. Er versichert, die Stadt werde genau drauf schauen, dass die baurechtlichen Vorschriften  an dieser Stelle eingehalten werden.

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