Weltpremiere auf der Berlinale. Ovationen im Zoo-Palast. 800 Menschen feiern André Hörmanns Boxer-Doku „Ringside“. Für den in Ulm aufgewachsenen Filmemacher ist es der End- und Höhepunkt der „Reise unserer Leben in den vergangenen neun Jahren“. Seit 2010 hat er an dem Film gearbeitet – was so überhaupt nie vorgesehen war. „Das ist Dokumentarfilm“, sagt ein sichtlich glücklicher André Hörmann, „man hat eine Idee, hat einen Plan – und dann passieren Dinge.“

Hörmann hatte ein Buch über die Boxszene im Schwarzen-Ghetto Fuller Park in Chicago gelesen: ein Stadtteil, den die Einwohner „Murdertown“ nennen. Der Filmemacher lernte den jungen Boxer Kenny Sims Jr. und dessen Vater und Coach Kenny Sr. kennen und wollte sie mit der Kamera auf dem Weg aus dem Ghetto zu den Olympischen Spielen 2012 in London begleiten. Mit Destyne Butler Jr. kam später ein zweites Boxtalent hinzu, auch der von seinem Vater gecoacht. Wie sich zwei große Talente aus dem Drogen- und Gewalt-Milieu herausboxen: eine starke Geschichte. Aber dann wurde die Geschichte eine andere – im Lauf der Zeit eine noch stärkere.

Die Kämpfe des Lebens

Kenny schaffte den Sprung in den Olympia-Kader nicht. Und Destyne geriert auf die schiefe Bahn, kam ins Gefängnis. André Hörmann begleitete die beiden weiter auf ihrem Weg, bei ihren so unterschiedlichen Kämpfen. Kenny biss sich im Boxgeschäft durch und ist heute Profi. Destyne musste vier Jahre hinter Gittern absitzen – steht heute aber auch wieder im Ring, triumphierte überraschend bei den Golden Gloves in Chicago, dem größten Amateurboxturnier der Welt. Wie auch die beiden Schwarzen jetzt auf der Bühne des Zoo-Palasts vom Berlinale-Publikum beklatscht wurden – das hatte auch für sie ganz offensichtlich etwas Unwirkliches.

André Hörmann war also mit seinem Filmteam immer wieder dabei gewesen, er drehte zuhause bei den Familien, in Kirchen und Sporthallen, er drehte bei Boxturnieren und sogar im Gefängnis. Und so ist „Ringside“ ein kraftvoller, reichhaltiger und auch bewegender Film geworden: über den langen Weg zweier junger Männer und ihre strengen, mitleidenden Väter, über ein heftiges soziales Milieu, über Gewalt, Not und doch auch Glück.

Glücklich ist Hörmann dieser Tage auch: Endlich ist „Ringside“ fertig. Eigentlich hatte er nach dem Abitur am Schubart-Gymnasium und Zivi in Berlin ja etwas ganz anderes machen wollen als sein Vater – Günther Hörmann, der an der HfG studiert und gelehrt hat, ist als Film-Professor bekannt. André Hörmann probierte manches aus (Archäologie, Sozialwissenschaften), um dann doch an der Filmhochschule Babelsberg zu landen.

Als Filmemacher lebt Hörmann seine Faszination fürs Reisen und für fremde Kulturen aus. „Ich glaube, ich habe in meinem Leben nur zwei Filme in Deutschland gedreht“, sagt er lachend. Aber er drehte eben Filme in Indien („Calcutta Calling“, „Bollywood Boy“) und Vietnam („Drei Leben – Hanoi“), seine Filme zeigen ihn als Meister genauer Beobachtungen und einer erzählerisch-emotional wirkungsvollen Montage.

Kürzlich lief auf Arte sein Dokumentarfilm „Töchter des Karakorum“ über junge pakistanische Frauen, die mit ihrer Arbeit das traditionelle Rollenbild ihres Landes auf den Kopf stellen. Und sein ästhetisch bemerkenswertes Werk „Obon“ feierte letztes Jahr auf dem Internationalen Trickfilmfestival in Stuttgart Weltpremiere, wurde seitdem auf mehreren Festivals gezeigt und ausgezeichnet: Darin hat Hörmann die Erinnerungen von Hiroshima-Überlebenden als Animationsfilm in Szene gesetzt. Auch an „Obon“ hat er sehr lange mit einer Co-Regisseurin gearbeitet, viereinhalb Jahre; Fukushima war ihm dabei in die Quere gekommen. Zudem dreht Hörmann regelmäßig für ZDF, Kika und RBB Kinder-Dokufilme: „Stark!“ und „Schau in meine Welt!“

„Ringside“ aber ist auch für André Hörmann, der seit drei Jahren mit Frau und Sohn in Kalifornien lebt, etwas ganz Besonderes. Denn mehrfach glaubte er das Projekt gescheitert. Als Boxer Kenny bei der Olympia-Quali ausschied, „da saßen wir bedröppelt in Alabama und dachten, das war’s jetzt“. Heute ist das eine seiner liebsten Szenen des Films.

Und als er später glaubte, Destyne, der zweite Boxer, würde nach harten Monaten in einem Umerziehungs-Camp aus der Haft entlassen, kam auch das anders. Destyne musste zurück ins Gefängnis, das Filmprojekt stand einmal mehr auf der Kippe.

Jetzt ist es umso packender

Doch wie das Schicksal so spielte und wie sich die Geschichten der Boxer so unterschiedlich entwickelten, ist nun ein umso packenderer Film geworden. 120 Drehtage waren in neun Jahren zusammengekommen, der Schnitt des Materials war „fürchterlich schwer“, sagt Hörmann. Jetzt hoff der 44-Jährige auf eine schöne US-Premiere des Films; in Deutschland soll er 2020 im WDR-Fernsehen laufen.

Was kommt als nächstes auf dem großen Trip des weltreisenden Filmemachers? Zum einen ein weiterer Animationsfilm: über ein Altersheim für Prostituierte in Mexico-City. Und – das klingt nun wirklich überraschend – ein Kinderspielfilm, der auf der Schwäbischen Alb spielt. SWR und Baden-Württembergische Filmförderung MFG sind mit im Boot, erzählt Hörmann auf der Berlinale – und verabschiedet sich zu einem Kinder-Casting.

Vielleicht zurück nach Deutschland


Irgendwann hatte er keine Lust mehr auf Berlin: Seit drei Jahren lebt André Hörmann mit seiner Frau, einer Drehbuchautorin, und seinem jetzt achtjährigen Sohn in Kalifornien, in einer 8000-Einwohner-Stadt eine Autostunde nördlich von Los Angeles. Samstagfrüh um halb sieben läuft dort der Fernsehen: die Bundesliga! Für sein nächstes Projekt, einen auf der Schwäbischen Alb spielenden Kinderspielfilm, überlegt Hörmann aber zurück nach Deutschland zu ziehen, denn sonst wäre er zu lange getrennt von der Familie.