Kinderbücher Ein Tag auf der Kibum: Basteln und schmökern

Ulm / Claudia Reicherter 04.12.2018

So geht’s: 1.) reißen 2.) kleben 3.) zeichnen. Die Kurzanleitung passt auf eine Papptafel, die auf einem Tisch an einer Staffelei lehnt. Ausführlicher, unterhaltsamer und anschaulicher erklären Silke Janas (43) und Anna Wagner (28) das „Schnipseln“ persönlich zu Beginn und während des einstündigen Workshops zu ihren beiden „Schnipselbüchern“. Am Besten kommt’s an, wenn die selbstgebastelte Pappe-am-Stil-Figur „Schnipsi“ mitmoderiert.

Der Kurs ist Teil des umfassenden Rahmenprogramms der 22. Kinder- und Jugendbuchmesse, kurz Kibum, die noch bis Sonntag im Stadthaus, in der Stadtbibliothek und an anderen Orten in der Stadt zu erleben ist.

DIN-A4-Kopierpapier, unbemalte Postkarten, Klebestifte, schwarze Pelikan-Fineliner liegen am Montagmorgen auf den Tischen im Kabinett des Stadthauses bereit. Dazu grob zerrissene Teile der mit Acrylfarbe von den beiden Kunstpädagoginnen zuvor lasierend bemalten „Schnipsel“-Bögen. Die reißen 27 Erminger Kinder zunächst in kleine Fetzen. „Habt Ihr alle Eure Schnipsel gerissen?“, fragen Schnipsi und Anna Wagner. Klar! Die Erst- und Zweitklässler der Grundschule haben den Hirsch zum Warmschnipseln ruckzuck in Form gebracht, aufgeklebt und mit wenigen Punkten und Strichen für Augen, Nase, Geweih vollendet. „Fertig!“, ruft ein Junge. Ein anderer meint selbstkritisch „meine sehen komisch aus“.

Aber komisch gibt’s nicht. Nur originell. Nach 20 Minuten leitet Silke Janas assistiert von Schnipsi zum nächsten Schritt über: „Jetzt dürft Ihr Euch selber überlegen, was ihr machen wollt.“ Für den sechsjährigen Sinan keine Frage: „eine Giraffe!“. Ein buntgepunkteter Schnipsel ist dafür wie gemacht. Erstklässlerin Annika entscheidet sich für einen Strauß Luftballons, Sophia (7) klebt einen Wal, einen Löwen und eine Landschaft mit Bäumen, Liam (7) einen blauen Schneemann, und Jan (7) verschiedene Zombies: gute (mit lächelndem Mund) und böse (Lippenlinienenden zeigen nach unten).

„Die Farbverläufe des bemalten Papiers wirken inspirierend“, hat Silke Janas festgestellt. „Das macht die Schnipsel so lebendig“, sagt die Betreiberin einer Malschule in Gießen. „Es ist super einfach und macht keinen Dreck.“

Zudem funktioniere die Technik auch bei Erwachsenen, berichtet Anna Wagner, die Bildende Kunst fürs Lehramt an Förderschulen studiert. In der Tat: Sandra Sailer und die anderen Lehrerinnen basteln begeistert mit, Christina Hönmann murmelt beim Elefanten-Reißen, „ich muss mir das Buch besorgen“. Nach einem Vesper auf Matten im Gang geht’s für die Erminger Kinder in die Ausstellung in dem von Schülern des Einstein-Gymnasiums Wiblingen schön dekorierten Saal. Mit Stöbern und Schmökern verbringen dort auch Anna Wagner und Silke Janas ihre Pause.

Von der Box in den Laptop

Das luxuriöse Verhältnis „zwei Schüler, zwei Betreuer“ genießen Jessica (22) und Aya (10) am frühen Nachmittag an der „Trickbox“ der Medienbildung e-tage des Stadtjugendrings. Während Jessica angeleitet von Angela Ender Schritt für Schritt die Gesichtszüge und Accessoires einer Figur in der mit Webcam und Leuchtstoffröhren ausgestatteten Box verändert, fotografiert Aya jeden Schritt per Mausklick ab. Mit Maria Schuler animiert sie die Stop-Motion-Bilder dann daneben am Laptop. Noch bis Donnerstag, 14 bis 17 Uhr, lassen Ender und Schuler im Stadthaus-­Saal kurze Trickfilme entstehen.

Freie Plätze gibt es heute, 14.30 Uhr, im Stadthaus auch noch zu Barbara Roses Lesung „Camillas geheime Zauberküche“.

Rund 50 Jugendliche der Klassen 7 und 9 haben sich gestern Nachmittag mit Stefanie Höflers Lesung ein Thema vorgenommen, das an die Nieren geht: „Der große schwarze Vogel“ handelt vom 14-jährigen Ben, dessen „Ma“ plötzlich stirbt. Die Schwarzwälder Autorin hält die Schüler mit Fragen bei der Stange.

Wie Fritz Fassbinder zu Felix und Rocky kam

Das Schreiben ist Fritz Fassbinder nicht in die Wiege gelegt worden. Sein Werdegang sei wohl eher untypisch, meint der bald 63-jährige Erminger: Die Eltern hatten ein kleines Friseurgeschäft am Roten Berg, seine Interessen galten als Kind dem Kicken vielmehr als dem Lesen. Vorbilder wie Erich Kästner und Agatha Christie hat er erst als Erwachsener entdeckt.

Seit 15 Jahren jedoch veröffentlicht der gelernte Nachrichtentechniker, der als Marine-­Soldat einst um die ganze Welt fuhr, unschuldig schon mal ein paar Tage in einem libyschen Gefängnis zubrachte und als Hobby gern Felswände hochsteigt, Texte und Kurzgeschichten. „Ich gehöre nicht zu den Bauchschreibern, sondern plotte relativ genau“, sagt er. Die strukturierte Vorgehensweise sei wohl dem Ingeni­eurs-­­Beruf geschuldet.

Sein erstes Kinder- und Jugendbuch ist im Januar erschienen: „Rocky, die Gangster und ich“ (Magellan Verlag, 176 Seiten, 13 Euro) – wobei „ich“ neben dem ausgemusterten Spürhund Rocky sein zweiter Ich-Erzähler Felix ist. Diese Art  „Kommissar Rex“ für Neun- und Zehnjährige habe seitdem viel Aufmerksamkeit erregt und gehe nun in die zweite Auflage, erzählt der Vater zweier erwachsener Söhne. „Das Goethe-­Institut begann jüngst einen Bericht über Span­nungs­literatur für Kinder mit Kästner und hörte mit Fritz Fassbinder auf.“ Es bestehe Interesse an einer Verfilmung und den Vertrag für die Fortsetzung hat er schon in der Tasche. Das Buch mit dem Arbeitstitel „Rocky II“ soll Ende 2019 fertig sein. Vor allem aber: Das Vorlesen macht ihm viel Spaß. Bevor er im Frühjahr beim Kinderkrimifestival München auftritt, liest er am Freitag, 14.15 Uhr, im Stadthaus bei der Kibum für Kinder ab 8 Jahre – in Begleitung einer Hundeführerin mit Polizeihund. cli

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