Ein Stella für die gute Stube

. . . mit dem Acyrylfries, den Frank Stella aufstellen wollte.
. . . mit dem Acyrylfries, den Frank Stella aufstellen wollte.
HELMUT PUSCH 06.03.2012
Neu-Ulms gute Stube? Das ist der Petrusplatz. Und der könnte reizvoller aussehen. Dafür gibt es Pläne, die von einem ganz Großen der Kunstszene stammen: dem US-Künstler Frank Stella.

Günter Steinle ist nicht nur ein überzeugter Ulmer, er ist auch ein Musik- und Kunstliebhaber, der in den 50ern den ersten Jazzclub in Ulm gründete und schon Ende der 70er Jahre eine Stiftung gründete, die Kultur und Soziales unterstützt.

Gespeist wird sie aus den Skonto-Abschlägen, die der Bauträger Günter Steinle mit seinen Handwerkern vereinbart. Und diese Summen sind alles andere als klein, schließlich ist Steinle einer der Rührigsten und Erfolgreichsten seines Fachs, hat in der Vergangenheit nicht nur den Magirushof an der Ulmer Schillerstraße, sondern auch das Römerhof-Areal und die Hieber-Passage in Neu-Ulm gebaut und gestaltet.

Was das alles mit Kunst zu tun hat? Ganz einfach: "Wir wollen anspruchsvoll bauen." Und dazu gehört für Steinle auch die Gestaltung des Umfelds. Analog zur "Kunst am Bau" der öffentlichen Hand beauftragt Steinles Bauträgerfirma Künstler, zu den einzelnen Vorhaben Kunstwerke beizusteuern.

Im Magirushof steht etwa die Pyramide "Open Two-Way Mirror For Günter Steinle". Gestaltet hat sie der Documenta-Künstler Dan Graham, der sich damals in einer schwierigen persönlichen Phase befand. "Das Projekt holte ihn aus seiner Depression, war für ihn so etwas wie ein Neuanfang", erzählt Günter Steinle. Diese Hilfe des Ulmers war es auch, die sich später auszahlen sollte. Denn ein Freund Dan Grahams ist der mindestens ebenso populäre US-Künstler Frank Stella.

Doch zurück nach Neu-Ulm - nicht gerade eine kulturüberfrachtete Stadt. Wenn es nach Steinle gegangen wäre, könnte der Petrusplatz heute mit internationaler Kunst im öffentlichen Raum wuchern. Als Steinle Ende der 90er Jahre die Neugestaltung der so genannten Hieber-Passage plante, suchte er auch einen Künstler, der den Petrusplatz gestalten sollte - und nahm Verhandlungen mit der ersten Garde auf: Sol Lewitt, Marc di Suvero, Richard Serra und eben Frank Stella. Stella kam 1999 auch nach Neu-Ulm und stellte gleich eine Bedingung: "Diese Fledermaus muss weg." Was er meinte: Der gläserne Aufgang aus der Tiefgarage am nordöstlichen Platzende missfiel dem Künstler. Die zweite Bedingung: Wenn das Haus von Betten Renftle einmal neu gestaltet werde, müsse die Ecke abgeflacht werden, damit eine Sichtachse von der Petruskirche zum Münster entstehe. Stella machte sich an die Arbeit und legte mehrere Entwürfe vor. Einmal einen 14 mal 4 Meter großen Acrylfries, der an der Nordseite der Petruskirche, also zum Petrusplatz hin, seinen Platz finden sollte. Und die Skulptur "The Cage", die auf dem Platz aufgestellt werden sollte.

Entwürfe, die heute das Arbeitszimmer Steinles schmücken - ausgeführt worden sind sie nicht. Warum nicht? "Weil ich meine Bebauung am Petrusplatz nicht so ausführen konnte, wie sie eigentlich geplant war. Ich war ein Jahr lang im Gespräch mit dem Neu-Ulmer Bauamt. Es kannte meine Planungen also, aber als ich das Grundstück erworben hatte, kamen plötzlich Einwände. Die Planung sei zu hoch, ich müsse abspecken. Statt 5000 Quadratmeter Nutzfläche blieben so nur 3000 Quadratmeter", erzählt Steinle. Unterm Strich blieb damit auch ein guter Teil des Erlöses auf der Strecke und damit die Realisierung der Stella-Werke.

1999 brachte Steinle ein anderes Stella-Projekt aufs Gleis - für Inge Frieds Aktion "Ulm ist anders" zugunsten des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg. Steinles Idee: Stella solle eine limitierte Grafik-Kleinserie gestalten, die dann den Grundstock für die Neugestaltung der Gedenkstätte liefern sollte. Der war nötig, damit das Land den Löwenanteil der Kosten übernahm. Zuerst winkte Stella ab. "Ich hasse solche Benefizaktionen", meinte er zu Steinle. Auch deshalb, weil er ständig darum gebeten werde. Und warum machte er für Ulm dann doch ein Ausnahme? "Weil ihm sein Freund Dan Graham erzählte, wie ich ihm in seiner Krise geholfen hatte", erzählt Steinle. Stella fertigte eine Grafik an, die er ursprünglich "Stranz" taufte und gab sein Einverständnis, davon 30 Exemplare für je 5000 Euro zu verkaufen. "Stranz"? "Ja, später taufte er sie um", erzählt Steinle - in "Nemerik". "Das ist Jiddisch und bedeutet so viel wie Macher" - Stellas Reverenz an Steinle.

Und diese Grafikserie war auch der Grund, dass Stella nach seiner Schau "Moby Dick Series" zur Eröffnung des Stadthauses im Jahr 2000 auch eine Ausstellung im Ulmer Museum gestaltete - aus steuerlichen Gründen. Wären die Grafiken ohne Ausstellung verkauft worden, wären Steuern fällig geworden. Werden die Werke aus einer Ausstellung heraus verkauft, entfallen sie.