Digitalisierung Ein Rundgang durch das Verschwörhaus

Ulm / Sandra Kolb 07.03.2018
Was passiert eigentlich im digitalen Experimentier-Labor der Stadt? Ein Rundgang zwischen Tüftlern, Club Mate und 3D-Drucker.

Es ist Montagabend, 20 Uhr, im Keller des Verschwörhauses. Vor, zurück, vor zurück, immer tiefer sinkt die Handsäge in den dicken Holzbalken. Dann ist er endlich durch. Geschafft! Henning Schütz, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni, grinst: „Leute, der ist nicht mal so scheiße geworden.“ Er blickt stolz auf den Balken – wieder ein Teil mehr für seine Werkbank, wieder ein Stück näher an einer fertigen Werkstatt. Patrick Weggler, Informatikstudent, und Markus Schiefer, Elektrotechniker, nicken anerkennend. Dann widmen sie sich wieder den schwarzen Metallteilen vor ihnen. Sie stammen von einer manuellen Fräse, die sie zu einer automatischen umbauen wollen.

Beim Maker Monday im Verschwörhaus kann jeder kommen und nach Lust und Laune basteln und tüfteln. Das Ziel dieses „Mitmach-Montags“: die Räume im ehemaligen Sparkassen-Gebäude im Weinhof in ein Digital-Experimentier-Labor umzuwandeln. Dazu brauchen die jungen Tüftler auch eine Werkstatt.

Digitaler Bolzplatz

Vor eineinhalb Jahren gegründet, ist das Verschwörhaus noch immer im Aufbau. Doch was passiert hier eigentlich? Der Leiter Stefan Kaufmann sitzt in Kapuzenpullover und Jeans im Aquarium, wie der Eingangsbereich genannt wird. Der 32-jährige Medieninformatiker trinkt einen Schluck Club-Mate. „Das Verschwörhaus ist der Ort für das digitale Ehrenamt“, sagt er. Oberbürgermeister Gunter Czisch bezeichnete das Verschwörhaus einst als digitalen Bolzplatz. Auch Kaufmann bedient sich des Bildes: „Man könnte sagen, wir sind ein bisschen wie ein Sportverein, in dem sich Mitstreiter treffen.“ Das Verschwörhaus bietet Bürgern, die sich für Digitales interessieren, den Platz und die Ressourcen, sich auszuprobieren.

Dafür stehen ihnen 500 Qua­dratmeter zur Verfügung. In einem großen Raum sitzt Sabine Wieluch, Doktorandin der Informatik. Vor ihr steht ein Laptop auf dem Tisch, daneben ein Pizzakarton. Sitzsäcke mit dem Wikipedia-Logo liegen unter einer Leinwand, ein gelbes Sofa steht an der Wand. „Es herrscht eine ganz offene Atmosphäre“, sagt Sabine Wieluch. Sie ist Ansprechpartnerin für Interessierte, die zum Maker Monday kommen, und erklärt ihnen die Geräte. „Viele kommen mit eigenen Projekten, einer hat ein Elektro-Skateboard gebaut. Wir haben den Anspruch, der Gesellschaft etwas Gutes zu tun“, sagt sie.

Wie sie das machen? Das Verschwörhaus bietet allen Ulmern die Möglichkeit, Geräte wie 3D-Drucker und CNC-Fräsen zu nutzen – teure Geräte, die sich ein Einzelner kaum leisten kann. Außerdem treffen sie dort auf andere Tüftler aus verschiedenen Fachbereichen: Informatiker, Mediziner, Ingenieure, Elektrotechniker. Gemeinsam können die Besucher an Projekten arbeiten, sei es für die Uni oder einfach nur aus Interesse.

Außerdem werden Kurse für den richtigen Umgang mit Wikipedia angeboten, die Open­-­Data-Gruppe Ulm-API und die Hochschulgruppe für Nachhaltigkeit treffen sich hier, es gibt ein Bewerbercafé für Geflüchtete, Kompaktkurse für das Linux-Betriebssystem Ubuntu und Abende, an denen Sensorplatinen für das freie Lorawan-Netz gebastelt werden (siehe Infokasten).

Im Gang schaut ein Kopf hinter einer der Glastüren mit Sparkassenlogo hervor. „Stefan, komm mal her“, sagt der junge Mann. In der Hand hält er Material für den Lötofen. „Ist das der Gestank, der uns fast umgebracht hätte?“, fragt er und lacht. Stefan Kaufmann schüttelt den Kopf: „Nein, das hat anders gerochen.“ Der junge Mann geht wieder zurück, die Suche geht weiter. „Die Leute hier sind wertvoll, weil sie etwas voranbringen wollen. Wir bieten ihnen den Raum und die Mittel – und die koffeinhaltigen Getränke“, sagt Kaufmann und grinst. Club-Mate gibt es kistenweise.

Ein Besucher druckt einen weißen Seifenhalter im 3D-Drucker. Gegenüber steht ein Lasercutter, mit dem ein anderer Besucher Motive auf Holzbrettchen eingraviert hat. Auch ein altes, hölzernes Spinnrad hat in dem Raum einen Platz bekommen. Ein junger Mann schwebt mit dem Hoverboard durch den Gang. „Wir wollen Dinge auch mal aus einem anderen Blickwinkeln betrachten“, sagt Stefan Kaufmann.

Er hebt einen Schal aus Alpaka-Wolle hoch. Das Muster ist das Logo des Verschwörhauses – dafür hatte ein Besucher die Strickmaschine programmierbar gemacht. „Hacker hacken, was gehackt werden kann“, sagt Kaufmann und grinst.

Und dabei wird auch der Programmiernachwuchs gefördert: Im September vergangenen Jahres war die Veranstaltung „Jugend hackt“ zu Gast im Verschwörhaus. Für dieses Jahr wünscht sich Kaufmann einen Coder-Dojo. „Dabei bringen Freiwillige einmal im Monat jungen Leuten das Programmieren bei.“ Er will noch mehr Programme anbieten, die von „lokalen Champions“, wie er es nennt, geleitet werden. Langfristig will der Leiter mehr Menschen ins Verschwörhaus locken. Der feste Stamm bestehe aus rund 40 Leuten, ein Großteil von ihnen sei Mitte 20, studierte Informatiker und Ingenieure.

Im Keller ist Markus Schiefer noch immer mit der Metallfräse beschäftigt. „Wenn man niemanden zum Basteln hat, dann ist die Hürde hoch, anzufangen. Hier findet man Gleichgesinnte“, sagt er. Henning Schütz misst derweil seinen Balken mit einem Flachwinkel aus und nickt zufrieden.

Ein Stadtlabor – offen für alle Interessierten

Entstehung Das Verschwörhaus wurde im Rahmen der Digitalisierungsoffensive 2.0 gegründet. Ziel der Stadtverwaltung: Ein Labor in der Stadt für kreative Köpfe aus der digitalen Welt zu errichten.

Lorawan Es ist ein Netz für das Internet der Dinge, das von der Initiative Ulm Digital aufgebaut wurde und von Freiwilligen weiterentwickelt wird. Die Funktechnologie ist für alle Bürger in Ulm frei verfügbar. Im Verschwörhaus können Interessierte eine Münster-förmige Sensorplatine bestücken, verlöten und damit funken.

Programm Einen Überblick gibt es online unter verschwoerhaus.de

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