Ulm Ein neuer Kirchenmusiker am Ulmer Münster: Hanzo Kim aus Seoul

Hanzo Kim an seinem neuen Arbeitsplatz, dem Spieltisch der Hauptorgel im Münster. Foto: Volkmar Könneke
Hanzo Kim an seinem neuen Arbeitsplatz, dem Spieltisch der Hauptorgel im Münster. Foto: Volkmar Könneke
Ulm / ADRIENNE BILITZA 30.10.2012
Von der Uni in Seoul ins Ulmer Münster: Der Organist Hanzo Kim (37) ist seit einem Monat Praktikant in der Kantorei. Am liebsten mag er Bach, die deutsche Romantik und Fernsehserien aus den 70er Jahren.

Am Anfang kam Hanzo Kim noch manchmal außer Atem und hatte mit einem Schwindelgefühl zu kämpfen, wenn er seinen neuen Arbeitsplatz betrat. Mittlerweile hat er sich an die steile Wendeltreppe mit den vielen Stufen gewöhnt. Oben angekommen, thront er versteckt an einem Ort, an dem er zwar nicht zu sehen, doch sehr gut zu hören ist. Hanzo Kim ist Kirchenmusiker im Praktikum, sein Arbeitsplatz sind die Orgeln im Ulmer Münster.

Schön nebeneinander aufgereiht stehen einige Paar Schuhe auf der Empore der Hauptorgel, ziemlich abgenutzt an Absatz und Spitze. "Meine Orgelschuhe habe ich schon seit zehn Jahren", erzählt Kim. "Jeder Organist schaut, welche Schuhe für ihn am besten sind. In Deutschland trägt man oft Tanzschuhe zum Orgelspielen." Die lassen sich gut zweckentfremden, weil sie eine dünne, rutschfeste Sohle und einen kleinen Absatz haben, was das Spiel auf den Pedalen vereinfacht. "Der Absatz von Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland ist zum Beispiel niedriger. Meiner ist extra hoch, weil ich kleiner bin. Das ist alles ganz individuell", erklärt der Koreaner.

Doch wie kommt ein koreanischer Organist überhaupt als Kirchenmusiker ans Ulmer Münster? "Ich spiele seit fast 20 Jahren Orgel", erzählt er. "Eigentlich wollte ich Pianist werden, aber damit hat man viel weniger Möglichkeiten zu arbeiten. Also habe ich mich auf die Orgel konzentriert." Nach seinem Studium an der Universität in Seoul beschloss Kim, nach Europa zu gehen. "Ich wollte an die Quelle der Musik", sagt er. "Musik ist sehr an Sprache und Mentalität gebunden. Wenn man Musiker werden will, sollte man nach Europa gehen und die Kultur dort kennenlernen. Das machen ganz viele Asiaten."

Weil sein koreanisches Studium in Deutschland nicht vollständig anerkannt wurde, studierte Kim noch einmal in Heidelberg. Danach überlegte er, nach Korea zurückzukehren, entschied sich jedoch dagegen. "Mir wurde geraten, hier in Deutschland zu bleiben und in der Kirchenmusik zu arbeiten." Also hängte Kim kurzerhand noch ein weiteres Studium an: Kirchenmusik in Tübingen. "Zum Glück wurde mein Orgelstudium aus Heidelberg anerkannt, alles andere - Gesang, Klavier, Dirigieren, Komponieren - konnte ich in einem Kompaktstudium machen. Das war zwar viel auf einmal, aber dafür war ich schnell damit fertig." Das ist gerade mal ein paar Wochen her.

Und jetzt, mit drei Studienabschlüssen als Praktikant arbeiten? Was nach der typischen Geisteswissenschaftler-Karriere klingt, ist für Kirchenmusiker zumindest in Baden-Württemberg und Bayern völlig normal - dort ist ein einjähriges Praktikum nach dem Studium nämlich vorgeschrieben. Erst danach kann man sich auf eine freie Stelle bewerben. "Für mich ist das von Vorteil. Als Praktikant habe ich die Möglichkeit, alles in Ruhe kennenzulernen und auch das Kirchensystem in Deutschland noch besser zu verstehen", betont Kim. Für viele seiner Kollegen, die nach dem Studium gleich eine feste Anstellung suchen, sei die Regelung jedoch nicht so günstig. "Die müssen sich dann eben außerhalb Baden-Württembergs bewerben", bedauert er.

Die Praktikumsstelle in der Ulmer Kantorei wurde ihm vom Stuttgarter Amt für Kirchenmusik vermittelt. Mehrere Städte standen zur Auswahl, Kims Wahl war schnell getroffen. "Hier gibt es so viele Möglichkeiten, Orgel zu spielen: die Orgelkonzerte am Mittag, am Sonntag. Außerdem ist mein Arbeitsplatz das Münster mit dem höchsten Kirchturm der Welt! Und die Leute hier sind einfach wahnsinnig nett", schwärmt er. Als Praktikant lernt er ein Jahr lang die Aufgaben eines Kantors kennen. Dazu gehört neben dem Orgelspiel auch die Leitung der Chorproben und gelegentliche Büroarbeit.

Üben muss Kim selbstverständlich auch, jeden Tag hat er dafür zwei bis drei Stunden zur Verfügung, da er sich das Instrument mit den anderen Organisten teilen muss. Was er am liebsten spielt? "Bach. Und die deutschen Romantiker, Mendelssohn, Reger! Das habe ich hier in Deutschland richtig gut gelernt", sagt er stolz. Und wenn er mal eine Auszeit von der Musik braucht? "Am Feierabend mache ich am liebsten gar nichts, weil ich tagsüber mit so vielen verschiedenen Dingen beschäftigt bin. Ich lege mich hin und schaue einen Film - oder eine Fernsehserie aus den 70ern!"

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