Ulm Ein närrischer Fasnachter

Ulm / CAROLIN STÜWE 09.02.2013

S öflingen. Gemeindeplatz. Es ist schon dunkel. Im Licht der Straßenlaternen sieht der Schneeregen noch nasser aus. In etwa 20 Minuten wird Dr Sevelinger Bauza, eine Maskengruppe der Narrenzunft Ulm, den Narrenbaum in der Ortsmitte aufstellen und bis zum Aschermittwoch in der Weststadt die Regentschaft übernehmen. Langsam füllt sich der Platz mit verschiedenen Hästrägern. Es duftet nach Glühwein, und es riecht häsweise nach Mottenkugeln. Befreundete Zünfte wie die Ulmer Bettlhexa und die Schelklinger Waldhutzle bummeln über den Platz, holen sich am Stand etwas zu trinken, begrüßen die Holl-Hexa und die blauen GaugaMa-Gestalten. Das sind zwei weitere Maskengruppen der Ulmer Narrenzunft.

Mitten unter ihnen agiert in aller Seelenruhe der GaugaMa mit der Laufnummer 11, Bernd Haas. Noch trägt er die große Holzmaske mit dem weiten Nackentuch unter dem Arm. Er bespricht mit Zunftmeister "Gegge" etwas Organisatorisches und informiert Tommy, den Abteilungsleiter der Bauza, dass er die 30 Kilo Bonbons für den nächsten Umzug im Allgäu bereits "eingetütet" hat. Genauso souverän behält Haas als früherer GaugaMa-Zunftgruppenleiter und nun amtierender Zunftrat für die Öffentlichkeitsarbeit das Geschehen um sich herum im Auge - und erst recht seine beiden Kinder. "Das ist wie Flöhe hüten."

Tobi, 8 Jahre, steckt ebenfalls in einem GaugaMa-Häs und freut sich jetzt schon, dass er nächstes Jahr etwas größere Schellen an den breiten Brustriemen tragen darf. Seine siebenjährige Schwester Anja trägt lieber ein rotes Kopftuch, denn sie gehört wie die Frau von Bernd Haas, Steffi, zu den Dornstadter Doraweibla. Das Paar hat sich bei der Fasnet kennen- und lieben gelernt.

"Unsere Kinder wurden ins Häs hineingeboren", sagt der 41-Jährige und beißt genüsslich in ein typisches Söflinger Fasnetshefegebäck, in dem ein Würstchen steckt. Das Gebäck heißt Bauz - genauso wie Dr Sevelinger Narr - und soll an ein damaliges Arme-Leute-Essen erinnern, das nur aus Mehl und Wasser bestand.

Der gebürtige Söflinger und gelernte Bankkaufmann Haas, der seit 26 Jahren bei der Sparkasse Ulm arbeitet und heute in Dornstadt wohnt, erlebte die Narretei erstmals als Neunjähriger, als Nachwuchsmitglied im Spielmannszug der Großen Karnevalsgesellschaft Ulm/Neu-Ulm. Er sei sofort begeistert gewesen von dem Trubel und von der Freiheit der Hexen, die hemmungslos ihr Unwesen trieben. Als der junge Musiker dann auch noch kurz durch eine Maske schauen durfte, war es um ihn geschehen.

19 Uhr. Jetzt gehts los. Haas setzt seine GaugaMa-Maske auf, die er nun aufbehalten muss, bis der Narrenbaum gestellt ist. Um 16 Uhr habe seine Zunft noch einen "Supergau" erlebt: Der elf Meter lange Narrenbaum, der auf dem nahen Klosterhof deponiert worden war, war verschwunden, und ist vermutlich inzwischen schon irgendwo in einem Ulmer Hinterhof zu Brennholz gestapelt. Also musste schnell Ersatz aus dem Wald geholt werden.

Umso freudiger fällt jetzt der Maskentanz der Sevelinger Bauza aus. Haas schaut zu, wie sie sich an den Hände fassen oder zu Pyramiden aufeinanderklettern. "Ich stand auch schon ganz zuunterst", kommt seine Stimme dumpf unter der Maske hervor. Haas trat als junger Mann zunächst den frisch gegründeten Bauza bei und wurde "sehr herzlich aufgenommen".

Seine erste Fasnet im Jahr 1991 war jedoch eine Enttäuschung: Sie wurde abgeblasen wegen des Golfkriegs. Aber die nächsten 20 Jahre "sprang" Haas dann bei den Sevelinger Bauza, den Söflinger Rettichbauern. Springen im Sinne von mitlaufen. Obwohl er seit 23 Jahren Mitglied der Narrenzunft ist, sieht er sich nicht als Narr, sondern "eher als Fasnachter". Auf den auswärtigen Umzügen lernte er viele Hästräger kennen, aber genauso Bewohner entlang der kilometerlangen Umzugswege. Die Kontakte bestehen heute noch. Gleichaltrige haben inzwischen ebenfalls kleine Narrensamen. "Ja, die Fasnet ist ein richtiges Familienhobby."

So nähte er auch mit seiner Mutter an zwei Nähmaschinen um die Wette grüne, blaue und hellblaue Stoff-"Fleckle", als er 1993 die Maskengruppe GaugaMa mit aus der Taufe hob. 100 Arbeitsstunden stecken in einem Häs. Aber wenn man die 1000 Fleckle eigenhändig annäht, gebe man besser acht auf sein etwa 18 Kilo schweres Häs, sagt Haas und rüttelt plötzlich lautstark wie alle blauen Geister im Spalier an seinen großen Schellen. Denn nun tragen die Bauza den Narrenbaum auf den Gemeindeplatz.

Das Fanfarenkorps Ulm/Neu-Ulm schmettert das Lied "Tausend mal berührt, tausend mal ist nichts passiert". Haas tänzelt im Takt der Musik von einem Fuß auf den anderen. Bevor der Baum mittels "Schwalben" - drei Paar Holzstangen, die jeweils mit einem Lederriemen miteinander verbunden sind - mit vereinter Bauza-Kraft aufgerichtet wird, bittet Haas die Zuschauer hinter die Absperrlinie.

Dann jedoch müssen die Fanfaren schweigen, damit die Männer die Hopp-Hopp-Aufricht-Kommandos hören können. Der Narrenbaum rutscht in sein Bodenloch. Applaus! Zur Gaudi aller lassen zwei "Brauchtumer" die aus Hanf kunstvoll geflochtenen langen Fuhrmannspeitschen knallen. "Das hab ich einmal probiert, das ging in die Hose", sagt die Laufnummer 11. Man sieht nicht, ob Haas dabei grinst, oder ob er sein damals getroffenes Gesicht in Erinnerung an den Schmerz erneut verzieht.

Jetzt erst setzt er die schwere Maske ab und lacht spontan über das Bild, das sich ihm bietet: Seine beiden Kinder tanzen mit anderen Ringelreihen auf dem Gemeindeplatz. Närrisch von Kindesbeinen an!

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