Ulm / Hans-Uli Mayer  Uhr

Als Christian Glass 1995 die Leitung des Aufbaustabs für ein neues Museum über die Geschichte der Donauschwaben bekam, fing der Volkskundler bei Null an. „Wir sind ja kein gewachsenes Museum, sondern quasi ein Beschlussmuseum“, sagt der Direktor 23 Jahre später. Die Politik wollte eine Aufarbeitung der Siedlungsgeschichte der Deutschen in Südosteuropa, und Glass durfte das umsetzen. Während andere Einrichtungen oft schon zu Beginn einen großen Fundus an Sammlerstücken auf Lager haben, existierte in diesem Fall fast nichts. „Heute haben wir etwa 40 000 Exponate. Allein das zeigt schon, wie sich die Zeiten verändert haben und einer modernen Präsentation bedürfen“.

Seit das Museum im Beisein von Ministerpräsident Erwin Teufel und Oberbürgermeister Ivo Gönner am 8. Juli 2000 eröffnet wurde, ist es im Wesentlichen unverändert geblieben. Die große und den eigentlichen Zweck des Museums rechtfertigende Dauerausstellung aber bedarf eines grundlegenden Faceliftings. Schon im Jahr 2015 hat der Stiftungsrat ein Eckpunktepapier beschlossen. Mittlerweile sind die Gelder freigegeben, das Konzept steht und wird derzeit bis in die Feinheiten hinein entwickelt. 2020/21 soll es umgesetzt werden. Kostenpunkt: knapp 1,7 Millionen Euro.

Was sich so stringent anhört, ist im Falle des Donauschwäbischen Zentralmuseums (DZM) alles andere als einfach. Träger des Museums ist die gleichnamige Stiftung, die wiederum von der Stadt Ulm, dem Land Baden­-Württemberg, der Bundesrepublik Deutschland und den vier donauschwäbischen Landsmannschaften getragen wird. „Wir sind ja nicht nur ein Ulmer, sondern ein europäisches Museum mit Sitz in Ulm“, sagt Glass. Zentralmuseum deshalb, weil es das einzige seiner Art in ganz Deutschland ist, dessen Finanzierung obendrein im Bundesvertriebenengesetz geregelt ist.

Wie aber macht man aus einem alten Museum ein neues? Und wie bereitet man es auf die digitale Zukunft vor? „Das klassische Sender-Empfänger-Prinzip ist passé“, sagt Glass. Vorbei die Zeit, in der das kluge Museum zeigte, was es weiß und was es hat. Diese mit dem Frontalunterricht in Schulen vergleichbare Sichtweise soll abgelöst werden durch eine stärker erlebnisorientierte Ausstellung. Besucher sollen etwas entdecken, erleben und somit besser verstehen. Der Einsatz neuer Medien und so genannter Hands-On-Stationen gehören selbstverständlich dazu. Aus „Bitte nicht berühren“ werden frei übersetzt Mitmach-Stationen, an denen der Besucher Dinge anfassen und somit besser er- und begreifen kann.

Inhaltlich wird freilich nicht alles umgekrempelt. Zwar werden alle 13 bestehenden Themenräume modernisiert, Texte neu geschrieben und Grafiken ergänzt. Gänzlich neu konzipiert aber werden nur drei der großen Räume. So entsprechen die Abteilung „Die Stadt – Motor der Veränderung“ (Raum 6) und jene, die sich dem Thema „Deutsche Minderheit – Verschwinden im Sozialismus“ (Raum 12) widmet, nicht mehr dem Stand der Forschung. Auch die Darstellung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs (Raum 13) bedarf der Überarbeitung. Schließlich hat sich seit dem Zerfall des Ostblocks und der teilweisen Öffnung von Archiven einiges getan in der Forschung, wie Glass sagt – beispielsweise sind seither die Unterlagen des rumänischen Geheimdienstes, der Securitate, zugänglich.

Größer werden die Umwälzungen unterdessen bei den zwölf Ergänzungsräumen in den Fluren des Erdgeschosses und des ersten Obergeschosses. Dort wird ein neuer Donaurundgang aufgebaut, nicht zuletzt als sichtbarer Beleg für die Erweiterung des Museumszwecks. Der umfasst von Anfang an nicht die Geschichte des ganzen Donauraums, sondern beschränkt sich auf die Ansiedlungen der Donauschwaben, was räumlich auf das Staatsgebiet des Königreichs Ungarn in den Grenzen vor dem Ersten Weltkrieg begrenzt ist – mit den Siedlungsgebieten in der Batschka, im Banat und etwa in Syrmien. Die liegen heute im Wesentlichen in den Ländern Rumänien, Serbien und Kroatien. Der Donaurundgang soll die Dauerausstellung ergänzen und den ganzen Donauraum annehmen. Das heißt, er wird künftig alle Länder mit ihren Eigenheiten und ihrer Geschichte vorstellen (siehe dazu auch untenstehendes Interview).

„Auch wenn wir ein europäisches Museum sind, wollen wir uns mehr in die Stadt Ulm orientieren“, verspricht Glass. Das sei auch ein Beitrag zum Verständnis von Ulm als internationaler Stadt zu werten. „Wir sehen uns da als ein Element davon“, sagt Glass, denn Migration sei das verbindende Thema.

Ein ganz eigener Kraftakt wird die Digitalisierung des Museums werden – nicht zuletzt, weil die „Erlebnisgeneration wegstirbt“, wie Glass sagt. Damit wird nicht nur auf das Medienverhalten junger Menschen reagiert, sondern auch auf die Besucherstruktur insgesamt. 10 000 bis 12 000 Besucher kommen Jahr für Jahr nach Ulm in die Räume an der Schillerstraße. Etwa 60 Prozent von ihnen haben einen biografischen Bezug zum Museumsthema – etwa weil Eltern oder Großeltern Donauschwaben sind oder waren. Das heißt, dass die Besucher von teilweise sehr weit herkommen und ein sehr spezielles Wissen mitbringen. Glass: „Wir haben praktisch ganz überwiegend Zielpublikum.“

Für dieses soll nicht nur der Fundus, der in großen Magazinen deponiert ist, zugänglich gemacht werden. Für weit entfernt lebende Gäste soll es auch einen virtuellen Rundgang durch die Ausstellungsräume geben.

Schließlich wird das alles nicht ohne bauliche Veränderungen in dem Reduitgebäude einher gehen. Neben einer Modernisierung der Tagungs- und Seminarräume wird auch der Eingangs- und Kassenbereich neu gestaltet. „Das soll alles sehr viel offener und freundlicher werden und zugleich mehr Orientierung bieten“, erhofft sich der Direktor von den anstehenden Maßnahmen. Im Idealfall will er das DZM zu einer In-Location entwickeln.

Architektur und Grafik werden von dem Berliner Büro „It’s about exhibitions“ geplant, die Medienproduktion übernimmt die in Ulm ansässige Firma 2av.