Ein Kanonenrohr und andere Geschichten

UTE GALLBRONNER 02.07.2016

Im Rahmen unseres Heimat- und Sachunterrichts zum Thema „heimatliche Spuren“ holten wir uns einen echten Experten ins Klassenzimmer: Den Vorsitzenden des Schwäbischen Albvereins, Ortsgruppe Tomerdingen, Herbert Göttle. Er kam extra in seinem Urlaub für einige Stunden in unsere Klasse und ließ sich bereitwillig von uns befragen.

Und er wusste sehr viele Geschichten von früher, denn er ist ein „waschechter Tomerdinger“. Das heißt, er wurde 1966 im Haus seiner Eltern in Tomerdingen geboren! Er hatte sehr viele Schwarz-Weiß-Kopien von alten Fotos dabei. Aus einer Zeit, als unsere Omas und Opas Kinder waren. Die Bilder durften wir auf unseren Spaziergang durch den Ort mitnehmen und immer wieder ein Bild von damals mit dem „Original“ heute vergleichen.

Einige Häuser waren gut wiederzuerkennen, aber was uns besonders auffiel, war, dass die Straßen früher breite Kieswege waren, auf denen die Kinder gefahrlos spielen konnten. Nach einem Regen verwandelten sich diese „Straßen“ natürlich in Matschbahnen. Im Winter lag oft viel Schnee auf den Straßen. Da es bis in die 1950er Jahre noch keinen Schneepflug gab, hat man viele Pferde vor einen „Bahnschlitten“ gespannt. Die schwersten Männer des Dorfes mussten zur Beschwerung auf den Schlitten sitzen. Der vorderste Reiter gab dann an, wohin man zog.

Wie in vielen anderen Dörfern auch hatten die Häuser in Tomerdingen früher „Hausnamen“. Das galt schon lange bevor es Straßennamen und Hausnummern gab und hatte nichts mit dem Nachnamen der Bewohner zu tun. Da fiel unserer Annika gleich ein, dass ihr Opa noch heute im „Gides-Haus“ wohnt.

Was für uns moderne „kids“ auch kaum vorstellbar war: eine Zeit ohne Telefon (geschweige denn Handy) und ohne Fernseher! In früherer Zeit übernahm das Ausrufen der Neuigkeiten der Büttel: Ein Mann in beeindruckender Uniform, der mit einer Handglocke durch die Straßen und Gassen ging und wichtige Nachrichten verkündete.

Wir hätten gar nicht gedacht, wie viele Besonderheiten sich in unserem kleinen Ort verstecken: Die St.-Martinskirche ist über 1000 Jahre alt! An den Jahresringen eines Eichenbalkens in der Kirche konnte man nachweisen, dass diese Eiche im Jahr 967  gefällt worden war . Die Glocke aus dem 12. Jahrhundert gehört zu den drei ältesten Glocken von ganz Baden-Württemberg!

Und auch ein berühmter Mann kam aus Tomerdingen: Josef Wannenmacher, der 1722 in der heutigen Wannenmacherstraße geboren wurde. Das Haus gibt es nicht mehr. Josef Wannenmacher war ein begabter Kirchenmaler und bis in die Schweiz bekannt. In St. Gallen malte er die Deckenbilder der Stiftsbibliothek.

Graf Albrecht von Ravenstein, nach dem gleich zwei Straßen in Tomerdingen benannt sind, hat im Mittelalter über Tomerdingen geherrscht. Die Bauern mussten für ihn den 10. Teil ihrer Ernte in die Zehntscheuer bringen. Dieses große Gebäude steht heute noch mitten in Tomerdingen, ganz in der Nähe vom „Bernd“, bei dem viele von uns heute ihre Lebensmittel einkaufen.

Am allerbesten gefiel uns aber eine von Herrn Göttles Erzählungen aus den 1960er Jahren, als ein Panzer von Temmenhausen kommend in einer Rechtskurve in der Graf-Albrecht-Straße die Hauswand vom Haus mit der Nummer 60 mit seinem Kanonenrohr durchbohrte. Der Grund: Das Roht hatte sich aus der Verankerung gelöst!

Der Name

Tomerdingen war als Marktflecken durch die Jahrhunderte hindurch ein Mittelpunkt für die nähere Umgebung. Von einer alten Kulturlandschaft zeugen Funde aus der Jungsteinzeit. Darunter befinden sich eine keltische Viereckschanze, die Reste eines römischen Gutshofs sowie Hügelgräber aus der Hallstattzeit. Der Name Thormarthingen ist vermutlich auf einen alamannischen Anführer namens „Thomar“ und die Endung „ingen“ auf eine alte Gerichtsstätte zurück zu führen.