Auszeichnung Ein Herz für Mäuse - Tierschutzpreis für Ulmer Wissenschaftlerin

Forschung ohne Tierversuche: Dr. Sandra Heller im Labor am Ulmer Uni-Klinikum.
Forschung ohne Tierversuche: Dr. Sandra Heller im Labor am Ulmer Uni-Klinikum. © Foto: Privat
Ulm / Christoph Mayer 28.11.2017
Sandra Heller  erforscht die Wirksamkeit neuer Medikamente gegen Diabetes – und kommt ohne Tierversuche aus. Dafür erhält sie einen der weltweit höchst dotierten Tierschutzpreise.

Sandra Heller ist Realistin. Sie weiß, dass medizinische Forschung auf absehbare Zeit nicht ohne Tierversuche auskommen wird. „Man darf das nicht grundsätzlich verdammen.“ Aber sie ist eben auch überzeugt, dass dort, wo Alternativen möglich sind, noch reichlich Luft nach oben ist. Mit Tierversuchen hat die Biologin selbst zur Genüge Erfahrungen gemacht. Nach ihrer Promotion an der Universität Leipzig im Jahr 2014 verschlug es die gebürtige Wildenhainerin zunächst für einen zweieinhalbjährigen universitären Forschungsaufenthalt nach New Orleans. Dort beschäftigte sie sich mit entzündlichen Darmerkrankungen – was nicht ohne Versuche an lebenden und toten Mäusen ging.

Ziemlich gestresst

„Das hat mich ziemlich gestresst“, sagt die 31-Jährige, die seit vielen Jahren Vegetarierin ist. „Es ging ganz schön ans Gemüt.“ Schon wegen der schieren Anzahl der zu tötenden Mäuse. Bis zu 60 Tiere mussten für eine Versuchsreihe erst mit CO2 vergast, dann deren Organe entnommen werden. Und selbst wenn Mäuse bei anderen Versuchen einstweilen am Leben blieben, weil sie lediglich bestimmte Substanzen gespritzt bekamen, sei das Leid der Tiere doch unübersehbar gewesen. „Man spürt es, wenn man sieht, wie die Tiere sich winden und mit allen Vieren gegen solche Eingriffe wehren.“

Seit ihrem Wechsel an die Universität Ulm im März dieses Jahres beschäftigt sich die Nachwuchswissenschaftlerin im Bereich der Stammzellforschung mit der Erforschung neuer Medikamente gegen Diabetes. Schon im Bewerbungsgespräch habe sie damals klar gemacht, dabei gänzlich auf Tierversuche verzichten zu wollen. Für ihren Chef, Prof. Alexander Kleger, kein Grund, die junge Frau nicht  einzustellen. In ihrer gewissermaßen auf sie zugeschnittenen Projektgruppe ist tierversuchsfreie Forschung möglich.

Bisher habe man neue Diabetes-Medikamente nur an Mäusen testen können, weil diese Insulin produzierende Zellen in ihrer Bauchspeicheldrüse haben, erklärt Heller. Ihre Arbeitsgruppe hat sich nun darauf spezialisiert, solche Insulin produzierenden Zellen selbst herzustellen. Gewonnen werden sie aus embryonalen Stammzelllinien oder aus Stammzellen von Patienten. „Diese so genannten Mikrokolonien sollen in einem nächsten Schritt auf spezielle Chips aufgebracht werden, an denen unsere Versuchsreihen dann ablaufen.“ Das Positive daran: Die Chip-Technologie sei nicht auf einen bestimmten Zelltyp beschränkt. „In Zukunft werden wir mit Hilfe dieser Plattform auch andere Gewebetypen und Erkrankungen testen können“, glaubt die Biologin.

Die internationale Expertenjury des Lush-Preises (siehe Infokasten) war von der Bewerbung der Ulmer Post-Doktorandin jedenfalls überzeugt.  Die seit sechs Jahren vergebene Auszeichnung mit einem Gesamtfördervolumen von jährlich umgerechnet rund­­ 390.000 Euro gilt als weltweit höchstdotierter Preis gegen Tierversuche.

Das Preisgeld wird stets in mehreren Kategorien vergeben und ist dementsprechend gestückelt.  Sandra Heller erhielt den Preis als „beste Nachwuchsforscherin“ und reiste dazu vor wenigen Tagen nach London. „Der Preis geht natürlich nicht nur an mich, sondern an die gesamte Forschungsgruppe.“ ­

Preisgeld zweckgebunden

Das Preisgeld von 12 000 Euro ist zweckgebunden und wird in die weitere Arbeit fließen. „Der nächste Schritt ist, die Insulin produzierenden Zellen auf den Chip zu bringen.“ Auf dem Weg zur Entwicklung neuer Medikamente werden Tierversuche in den nächsten zehn Jahren deutlich abnehmen, ist die Wissenschaftlerin überzeugt.  „Neue Methoden wie etwa Tests an menschlichen Zellen werden immer wichtiger.“

Kosmetikfirma und Forschungsgruppe

Gemeinschaftsprojekt Der Lush Prize ist ein Gemeinschaftsprojekt der britischen Kosmetikfirma Lush und der wissenschaftlichen Gruppe Ethical Consumer. Ziel ist, den Wandel hin zu tierversuchsfreien Forschungsmethoden voranzutreiben. Ethical Consumer ist eine in Manchester ansässige Forschungsgenossenschaft, die vornehmlich Kampagnenarbeit betreibt.

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