Sängerin Ein großer Tag in der Friedrichsau

Ein Ständchen unter Superstars in Ulm: Joan Baez singt für Frank Zappa hinter der Bühne ein Lied.
Ein Ständchen unter Superstars in Ulm: Joan Baez singt für Frank Zappa hinter der Bühne ein Lied. © Foto: Hans Kumpf
Helmut Pusch 05.01.2018

Sie ist unzweifelhaft eine große Figur des 20. Jahrhunderts – als Sängerin, als Bürgerrechtlerin, als Aktivistin. Als eine, die immer dort vor Ort war, wo ihre Anwesenheit helfen konnte oder zumindest die Aufmerksamkeit der Presse fokussierte – im von der US-Luftwaffe bombardierten Hanoi oder eben auf Festivals: Joan Baez. „Porträt einer Unbeugsamen“ hat Jens Rosteck seine Biografie der politischen Sängerin genannt, die sich selbst eher als Politikerin begreift, die eben auch singt.

Jens Rosteck ist ein erfahrener Biograf, hat schon die Leben von Bob Dylan, Edith Piaf, Jacques Brel in literarische Form gebracht – und jetzt jenes von Joan Baez. In seiner Biografie greift er auch einen Sommernachmittag auf, der schon in „We Shall Overcome“, so heißen die 1988 erschienenen Memoiren von Joan Baez, ein mehrseitiges Kapitel füllte: das Summertime-Open-Air-Festival am 26. August 1978 in der Ulmer Friedrichs­au.

Damals hatte die Sängerin, die schon seit 20 Jahren auf der Bühne stand, eine höchst delikate Aufgabe zu lösen. Sie sollte alleine als „Special Guest Star“, wie sie das Plakat angekündigt hatte, mit ihrer Stimme und ihrer Gitarre eine dreiviertel Stunde lang vor 60 000 Menschen singen.

Das Problem: Das Festival war keine Folk-Veranstaltung, sondern eine reinrassige und hochkarätige Rock-Show. Vor ihr hatte Rock-Zampano Frank Zappa mit seinen Mothers of Invention gerade eben das noch völlig unbekannte Material seines kommenden Albums „Sheik Yerbouti“ vorgestellt, das vom anfangs konsternierten Publikum schließlich frenetisch gefeiert wurde; es ließ  Zappa und seine Mütter erst nach drei Zugaben von der Bühne gehen.

Nach Baez kamen nur noch die Headliner des Abends: Genesis mit der damals großartigsten Light-Show; erst wenige Wochen zuvor hatten sie sich mit ihrem Album „Then They Were Three“ als Trio vorgestellt. Auf diese neue Besetzung mit dem singenden Drummer Phil Collins war das Publikum höchst gespannt.

Zudem hatten die 60 000 Zuhörer unter chaotischen Bedingungen auf dem völlig überfüllten Festivalgelände schon seit Stunden ausgeharrt. Ideale Bedingungen waren es gewiss nicht. Das wussten auch Joan Baez und Festival-Veranstalter Fritz Rau, der längst einer ihrer engsten Freunde war. Er hatte die Idee gehabt, Joan Baez auftreten zu lassen – als „Experiment“.

Wetten hinter der Bühne

Rau glaubte daran, dass Baez ankommen würde, schloss hinter der Bühne Wetten ab, dass sie nicht ausgebuht werden würde. Alle anderen wetteten dagegen. Auch Joan Baez glaubte nicht daran, dass ihr das Publikum zuhören würde, sie hatte schon Probleme damit, im Lärm, den Bürgerschreck Zappa und seine Band machten, hinter der Bühne ihre Gitarre zu stimmen.

Als sie die Bühne betritt, kommt Unruhe auf, viele kehren ihr den Rücken zu, andere wandern ab. Die damals 37-Jährige beginnt „mit einem Lied, das keiner kennt und auch keiner zur Kenntnis nimmt“, schreibt Rosteck. „Baez, für ihren Freund Rau nicht umsonst die ,personifizierte Zivilcourage’, macht weiter. Applaudiert wird kaum, aber auch nicht gepfiffen.“ Bei „Joe Hill“ horchen einige auf, bei „Sag mir, wo die Blumen sind“ werden die letzten Zwischenrufer vom Publikum mit Zischen zur Ruhe gebracht.

Bei „Swing Low Sweet Chariot“ kippt die Stimmung, werden schon Sprechchöre laut, die „We Shall Overcome“ einfordern. Baez hat das Kunststück geschafft, 60 000 Menschen nur mit „ihren sechs Saiten und zwei Stimmbändern“ zu faszinieren. Aus den geplanten 45 Minuten werden fast 90, Baez gibt sieben Zugaben.

Dieser Auftritt bleibt nicht ohne Folgen. Eines Tages wird er Joan Baez zu ihrem Song „Chil­dren Of The Eighties“ inspirieren, schreibt Rosteck. Kein Zweifel: Dieser 26. August 1978 war ein großer Tag für die zierliche Frau – und für die Zuhörer in der Friedrichsau.

Neue CD und Abschieds-Tournee

CD Rund zehn Jahre nach ihrem letzten Studioalbum erscheint am 2. März das neue Album von Joan Baez: „Whistle Down The Wind“ mit Coverversionen diverser Künstler. Zudem kommt Joan Baez auf Abschiedstour, gastiert am 31. Juli im Ludwigsburger Residenzschloss und am 1. August in Schwetziger Schlossgarten.

Biografie Jens Rosteck: „Joan Baez: Porträt einer Unbeugsamen“ ist im Osburg Verlag erschienen. 350 Seiten, 24 Euro.