Gericht Ein eher mittelmäßiger Kommissar

Ulm / ruk 29.08.2018

Polizisten, Kriminalhauptkommissare und Kriminaldirektoren geben sich im Halbstundenrhythmus die Klinke in die Hand – und das nun schon seit vier Prozesstagen. Aber: Wenn’s der Wahrheitsfindung dient ... Auch gestern war der Kreis der Zeugen illuster: Unter anderem war  der Chef des Polizeipräsidiums Ulm, Christian Nill, geladen, um den Fall eines Kommissars näher zu beleuchten, der seit Mitte Juli vor Gericht steht. Dem 50-jährigen Beamten wird Strafvereitelung im Amt zur Last gelegt; er soll in 28 Fällen Ermittlungsakten verschwinden haben lassen und Geldbußen sowie Sicherheitsleistungen in die eigene Tasche gesteckt haben.

Je nun, wer gedacht hatte, der Polizeipräsident würde sich im Zeugenstand eher in Zurückhaltung üben, sah sich getäuscht. Nill lief förmlich über, sprach davon, dass die Zusammenarbeit mit dem Kommissar sich zunächst gut angelassen habe. Damals, Mitte der 90er Jahre. Dieser erste Eindruck habe sich aber schnell geändert, „es gab wiederholt Unregelmäßigkeiten bei der Sachbearbeitung und bei der Arbeitszeiterfassung“.

In einem Fall habe der Beamte versucht, für seine Versäumnisse der Staatsanwaltschaft den Schwarzen Peter zuzuschieben. Die Behörde habe einen von ihm beantragten Durchsuchungsbeschluss verschlampt, so die Einlassung des Kommissars. Diesen Beschluss gab es zwar, er wurde aber erst nachträglich von ihm gefertigt, nachdem er selber unter Druck geraten war. Interne Prüfer ließen den Betrug aber auffliegen. Das darauf erfolgte Disziplinarverfahren sei mit einem Verweis abgeschlossen worden.

Kein Vertrauen mehr

Von dem Kommissar bearbeitete Akten seien verloren gegangen, „man weiß bis heute nicht, wo sie abgeblieben sind“, sagte der Polizeipräsident. Wenn Geld aus Gemeinschaftskassen verschwunden sei, „war er immer in der Nähe. Es war immer das selber Muster. Ich habe kein Vertrauen zu ihm“, brachte Nill das persönliche Verhältnis zu dem Angeklagten auf den Punkt. So viel zur Vergangenheit. Und zum jetzigen Verfahren: „Je tiefer wir im Computer des Kommissars vorgedrungen sind, desto mehr Verstöße haben wir entdeckt.“

Zuvor hatte ein direkter Vorgesetzter nicht die schlechtesten, aber auch nicht die besten Noten ausgestellt. „Die zwei Beurteilungen lagen im mittleren Bereich“, sagte der Leiter des Reviers West. Ein Umstand habe ihn freilich umgetrieben, „ich musste ihm Gehaltspfändungsbescheide übergeben“. Er habe seinem Kollegen angeboten, mit ihm zur Schuldnerberatung zu gehen. „Hilfe wollte er aber keine.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel