Ulm Ein Ehepaar, das Neujahrskonzert und Strauss' "Rosenkavalier"

Die Kostümbildnerin und der Regisseur sind ein Ehepaar: Angela C. Schuett und Matthias Kaiser bereiten die Oper "Der Rosenkavalier" vor.
Die Kostümbildnerin und der Regisseur sind ein Ehepaar: Angela C. Schuett und Matthias Kaiser bereiten die Oper "Der Rosenkavalier" vor. © Foto: Lars Schwerdtfeger
JÜRGEN KANOLD 31.12.2013
Matthias Kaiser moderiert am 1. Januar im Theater Ulm das Neujahrskonzert, inszeniert derzeit aber auch eine Abschieds-Oper: den "Rosenkavalier". Die Kostüme gestaltet seine Ehefrau Angela C. Schuett.

"Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding./ Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar Nichts./ Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie."

Zum Jahreswechsel wirds auch dem Opernliebhaber melancholisch zumute, aber dann spült er solche Anwandlungen gewissermaßen mit musikalischem Champagner runter, mit der "Fledermaus" von Johann Strauß: "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist." Wem aber alle Vergänglichkeit so richtig bitter schmeckt, das ist die Feldmarschallin in der Oper "Der Rosenkavalier" von Richard Strauss.

Diese Frau, die sich noch einmal mit ihrem Liebhaber Octavian gütlich getan hat, begreift, dass ihre Jugend vorbei ist: "Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie" - die Zeit! Die Feldmarschallin hat jedoch die Größe, das junge Glück von Octavian und der Bürgerstochter Sophie einzufädeln, die verheiratet werden sollte mit dem derben Landadeligen Baron Ochs auf Lerchenau.

Der 1911 uraufgeführte "Rosenkavalier" beschwört in der anbrechenden Moderne eine fiktive gute alte Zeit: ein Österreich der Kaiserin Maria Theresia, das Rokoko in der Mitte des 18. Jahrhunderts. "Es ist ein Stück über Abschiede", sagt Matthias Kaiser, Operndirektor am Theater Ulm, dessen Neuinszenierung des "Rosenkavaliers" am 23. Januar Premiere feiert. Der größte Abschied der jüngeren europäischen Geschichte aber sei 1914 gewesen, als sich die Menschheit dem Ersten Weltkrieg entgegenstürzte. Kaiser verortet die Handlung deshalb in den letzten Juli-Tagen 1914, als das Habsburgerreich die Mobilmachung ausrief - also ungefähr in der Uraufführungszeit der Oper. Das "Pseudo-Rokoko" sei seine Sache nicht, sagt Kaiser und erklärt seinen Regie-Ansatz: "Der Rosenkavalier" basiere auf uraltem Komödienstoff - "wie schützt man ein junges Mädchen vor den Übergriffen eines Lustgreises?" Andererseits: "Es wird sich verabschiedet in dieser Oper - man weiß, dass die Zukunft ganz Anderes bringen wird. Man lässt Menschen zurück. Das klingt nicht nach Komödie."

Das hört sich auch nicht nach einer Rokoko-Kostüm-Orgie an. Aber für solche Fragen ist die Frau des Regisseurs zuständig: Angela C. Schuett. "Wir sind kein Künstler-Ehepaar, wir sind wir", korrigiert die Kostümbildnerin aber jede Etikettierung. "Wenn wir beruflich zu tun haben, schauen wir in den Kalender, machen einen Termin aus, und dann wird gearbeitet." Wobei sie dann viel härter und kritischer miteinander umgingen als privat: "Wir sind beide mit Salzwasser getauft", sagt sie.

Kaiser stammt aus einer Bremer Musikerfamilie, Schuett aus Hamburg, wo der Vater in der technischen Leitung der Staatsoper arbeitete. Kaiser studierte in Hamburg Musiktheater-Regie, und als die Kunststudentin Schuett dort als Kostümbildnerin für ihre Abschlussarbeit "Die Geschichte vom Soldaten" ausstattete, spielte Kaiser den Teufel und verbrachte drei Stunden in der Maske, weil ihm ein Ganzkörper-Tattoo aufgemalt wurde . . .

Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding: Seit 35 Jahren sind die beiden zusammen, seit 28 Jahren verheiratet (mit einem 21-jährigen Sohn) - "eher ungewöhnlich in unserer Branche", sagen die beiden, die sich beim Bogenschießen entspannen. Nicht immer arbeiteten sie am selben Theater. Bis heute ist Angela C. Schuett Freiberuflerin, während Matthias Kaiser nach langer Zeit als Chefdramaturg und Operndirektor in Saarbrücken 2006 nach Ulm kam. Sein Vertrag als Operndirektor läuft bis 2016, dann wird er 60 Jahre alt - er ist gespannt, wie es weitergeht. Ein typisch unstetes Theaterleben. Sie sagen: Natürlich gehe die Zeit schneller vorbei, wenn man älter werde. Aber sie ziehen Energie aus dem Beruf, der ihnen nicht Last, sondern Lust sei.

Und was machen Theatermenschen an Silvester? Theater. Matthias Kaiser gibt seiner Moderation des Neujahrskonzerts den letzten Schliff, Angela C. Schuett laminiert die Rede-Kärtchen.

Neuinszenierung