Theaterleiter Theaterleiter: Ein bisschen Striese

Helmut Pusch 12.01.2018
32 Jahre lang war er der Chef der Theaterei Herrlingen, stand auf der Bühne, führte Regie und schrieb Stücke. Jetzt sagt Wolfgang Schukraft Servus.

Den „Raub der Sabinerinnen“ hätte er gerne mal gespielt. Und natürlich hätte Wolfgang Schu­kraft in diesem Schwank von Franz und Paul von Schönthan dann den Schmierentheaterdirektor Emanuel Striese gegeben, diesen Vollbluttheatermann, der mit allen Kniffs um das Überleben seiner Bühne kämpft. „Ein bisschen Striese war immer“, sagt Schukraft und meint damit die Verhältnisse hinter der Bühne. Schukrafts Frau Suse saß anfangs an der Kasse und kümmerte sich um die Technik, wie später auch die vier Kinder. Doch damit haben sich die Parallelen mit Striese schon: Denn Schmiere gab’s in Herrlingen nie.

Die Theaterei startete am 18. Januar 1986: Schukraft rezitierte und spielte Kafkas Erzählung „Bericht an eine Akademie“. Der Mensch gewordene Affe Rotpeter war die erste und die letzte ­Rolle, die der Theaterei-Prinzipal – „,Intendant’ wäre für eine so kleine Bühne übertrieben und ,Theaterleiter’ klingt auch viel zu protzig“ – in Herrlingen spielte.

Zum 30-Jährigen seiner Bühne hatte Schukraft den Kafka nochmals aufgelegt. Eigentlich waren drei Aufführungen geplant. Am Ende wurden es aber nur zwei komplette, denn am dritten Abend, just am 30. Jahrestag, hatte Schukraft einen Blackout. „Ich schaffte es bis zur Pause und dann fehlten mir 30 Minuten. Wir mussten die Leute nach Hause schicken.“ sagt Schukraft, der gestern seinen 68. Geburtstag feierte. Die Folge des Filmrisses: „Danach bin ich nicht mehr auf die Bühne gegangen. Und es war klar: Ich brauche einen Nachfolger.“

Den hat er mit der aus Ulm stammenden Regisseurin Edith Erhardt, die auch schon in der Theaterei Erbach inszeniert hatte, gefunden. Theaterei Erbach? Ja, die gab es auch mal: von 1995 bis 2005 hatte die Theaterei eine Dependance auf Schloss Erbach.

Doch diese zweite Bühne trieb Schukraft eher unfreiwillig um. Das „Rössle“ hatte Mitte der 90er zum Verkauf gestanden. Der Theaterei-Prinzipal fürchtete die Kündigung und sah sich nach einer Alternative um, unterschrieb fürs umgebaute Kellergewölbe des Schlosses Erbach einen Zehnjahresmietvertrag und musste den auch erfüllen.

„Zwei Spielpläne zu machen, war schon ganz schön stressig“, erinnert sich Schukraft. Und als der Vertrag in Ebach abgelaufen war, konzentrierte er sich wieder ganz aufs Stammhaus in Herrlingen, kaufte dann aber 2010 das Theatereizelt in Blaustein dazu. „Da spielen wir aber nicht parallel zum festen Haus, sondern alternierend.“

Schukraft kann nach 32 Jahren als Theaterleiter auf 165 Inszenierungen zurückblicken, 15 der Stücke stammen aus seiner eigenen Feder. Als Autor hatte Schukraft einst auch begonnen. Das heißt, eigentlich hatte der Sohn eines Berufssoldaten die sichere Laufbahn eines Verwaltungsbeamten angestrebt, arbeitete im Rathaus von Aidlingen. Dort las er eine Anzeige, in der der Süddeutsche Rundfunk (SDR) Autorentalente für die Fernsehunterhaltung suchte. Schukraft meldete sich und wurde unter dutzenden Bewerbern mit einem anderen heute bekannten Kulturmann ausgewählt. „Der andere war Werner Schretzmeier“, erzählt  Schukraft. Der leitet heute das Stuttgarter Theaterhaus.

Im SDR traf der junge Unterhaltungsautor auf einen Theatermann: Theo Dentler. Der sollte beim Fernsehen neue Mitspiel-For­men fürs Publikum entwickeln. Was er auf jeden Fall aus Stuttgart mitnahm, war Wolfgang Schukraft, der beim Westentaschenchef erste Bühnenerfahrungen sammelte.

Erste Erfahrungen? „Ich war fast zwölf Jahre lang Ensemblemitglied des Westentaschentheaters“, sagt Schukraft. Zuerst in Laupheim, wohin Dentler mit seiner Truppe nach seiner Blaubeurer Zeit gezogen war. „Ich habe damals auch das spätere Domizil in der Herrenkellergasse gefunden“, erzählt Schukraft, der Wert darauf legt, dass er sich im Guten von Dentler getrennt habe.

Überhaupt: Wolfgang Schukraft verehrt Theo Dentler noch heute. „Aber zwölf Jahre waren einfach genug.“ Nach einem kurzen Intermezzo bei Dentlers Sohn Markus in Kiel kehrten die Schukrafts wieder nach Ulm zurück.

Und wieder war es der Zufall, der zur Theaterei führte. „Eine ehemalige Schülerin von Suse erzählte uns, dass sie eine Gaststätte betreiben wolle, und ich hab‘ spontan gesagt, wenn das Lokal einen Saal hat, mache ich da Theater.“ Die Ex-Schülerin war Sabine Mall, und das „Rössle“ in Herrlingen hatte einen Saal. Der Rest ist große regionale Kleintheatergeschichte.

Zum Abschied eine Gala im Zelt

Vergangenheit Wolfgang Schukraft hat die Theaterei 1986 gegründet und 32 Jahre lang geleitet. In dieser Zeit spielte das Ensemble in mehr als 4000 Aufführungen 165 Produktionen, die über 400 000 Besucher sahen – in Herrlingen, in Erbach und im Theatereizelt  in Blaustein.

Gala Schukraft macht sich nicht so einfach vom Acker, sondern richtet am Donnerstag, 18. Januar, 20 Uhr, eine Abschiedsgala mit Weggefährten im Theatereizelt aus. Mit dabei sind neben dem Prinzipal die Schauspielerkollegen Celia Endlicher, Marion Weidenfeld, Bernhard Bonvicini, Walter Frei, Anke Siefken und Sven Djurovic. Die Musik kommt von Johnny Warrrior, Marcus McLaren (Klavier) und dem Trio Trias mit Tobias Wahren, Petr Hemmer und Markus Munzer-Dorn. Die Gala ist zwar ausverkauft, an der Abendkasse gibt es aber eventuell noch Restkarten.