Ulm Ein Beinahe-Ertrinkungsfall beim Babytauchen im Ulmer Westbad und die Folgen

Wohl eines der weltweit bekanntesten Fotos, das ein Baby beim Tauchen zeigt: Das Plattencover des im September 1991 erschienen Albums "Nevermind" der US-Grunge-Band Nirvana gilt als eines der wichtigsten Alben der Pop-Geschichte und wurde mehr als 30 Millionen mal verkauft. Babytauchen gab es zwar schon vorher, doch seit den 90er Jahren habe es einen richtigen Boom erlebt, sagt Dr. Manuel Schmid von der Uni-Kinderklinik, der jetzt in einer kindermedizinischen Fachzeitschrift einen kritischen Aufsatz über diese Praxis veröffentlicht hat. Foto: Universal Music Strategic Marketing
Wohl eines der weltweit bekanntesten Fotos, das ein Baby beim Tauchen zeigt: Das Plattencover des im September 1991 erschienen Albums "Nevermind" der US-Grunge-Band Nirvana gilt als eines der wichtigsten Alben der Pop-Geschichte und wurde mehr als 30 Millionen mal verkauft. Babytauchen gab es zwar schon vorher, doch seit den 90er Jahren habe es einen richtigen Boom erlebt, sagt Dr. Manuel Schmid von der Uni-Kinderklinik, der jetzt in einer kindermedizinischen Fachzeitschrift einen kritischen Aufsatz über diese Praxis veröffentlicht hat. Foto: Universal Music Strategic Marketing
CHRISTOPH MAYER 12.02.2013
Geringer Nutzen, hohes Risiko: Babytauchen kann gefährlich sein. Ärzte der Uni-Klinik haben dazu einen Aufsatz in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. Eine Befürworterin spricht von einer "Hetzkampagne".

Manchmal muss erst etwas passieren, damit ein wissenschaftlicher Diskurs in Gang kommt. In diesem Fall passierte "es" im September 2011 im städtischen Westbad. Beim Babyschwimmen, das die in mehreren süddeutschen Städten aktive Elterninitiative "Wasserbabys" dort wöchentlich anbot, kam es zu einem Beinahe-Ertrinkungsunfall, nachdem ein sechs Wochen alter Säugling absichtlich unter die Wasseroberfläche getaucht worden war - das Babytauchen war Bestandteil des Kurses. Das Kind musste wiederbelebt werden und kam "in einer lebensbedrohlichen Situation" in die Kinderklinik, erinnert sich Dr. Manuel Schmid, Oberarzt der  Sektion Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin der Uni-Klinik Ulm.

Zum Glück ging der Notfalleinsatz glimpflich aus. Das Kind wurde gerettet und hat nach Aussagen der Ärzte keine bleibenden Schäden davongetragen. Doch für Schmid war der Vorfall ein Anlass, sich mit dem Thema "Babytauchen" eingehender zu beschäftigen, zumal er bei Recherchen festgestellt hatte: "Babyschwimmkurse mit Untertauchen sind hierzulande weit verbreitet." In medizinischen Fachpublikationen indes hatte der Kinderarzt keinen Artikel über Babytauchen geschweige denn über Unfälle gefunden. Seine Vermutung: "Deshalb gibt es bislang auch keine Stellungnahmen der Fachgesellschaften zum Untertauchen."

Das könnte sich ändern. In der Januar-Ausgabe 2013 der Fachzeitschrift "Klinische Pädiatrie" ist der Fallbericht veröffentlicht worden, Schlussfolgerung der sechs beteiligten Ulmer Autoren, die alle Ärzte an der Kinderklinik sind: Babytauchen ist riskant, Eltern sollten darüber informiert werden.

Die Befürworter frühkindlicher Tauchkurse argumentieren damit, dass man so den Atemschutzreflex von Säuglingen sinnvoll einsetze, um Kinder frühzeitig ans Element Wasser zu gewöhnen. In der Tat verschließt sich bei Neugeborenen der Kehlkopf, und die Atmung wird blockiert, sobald die äußeren Atemwege im Wasser benetzt werden. Ab dem sechsten Lebensmonat geht der Reflex, der dazu dient, dass sich das Baby beim Trinken nicht verschluckt, langsam wieder verloren. Problematisch sei es, sich zu hundert Prozent auf diesen Atemschutzreflex zu verlassen, sagt Schmid. Wie für alle Reflexe gelte: "Sie funktionieren in der Regel, aber sie funktionieren eben nicht immer." Auch der frühkindliche Greifreflex könne an einem Tag stärker und tags drauf nur schwach ausgeprägt sein.

Zudem erkennen die Autoren im Babytauchen keinen echten Nutzen. Schmid: "Warum soll ein Kind, das weder laufen noch schwimmen noch absichtlich die Luft anhalten kann, unter Wasser tauchen?". Auch gebe es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass früher Kontakt mit Wasser vor Ertrinken im Kindesalter schütze, sagt Schmid und verweist auf eine Studie der US-amerikanischen Gesellschaft für Kinderheilkunde. Die hatte zahlreiche Ertrinkungsunfälle von Kindern untersucht, Ergebnis: Es fand sich kein Hinweis, dass Babyschwimmen/-tauchen vor Ertrinken bewahrt.

Deshalb empfehle die amerikanische kinderärztliche Fachgesellschaft selbst das Babyschwimmen nicht mehr. Zum Untertauchen habe sie sich erst gar nicht geäußert. "Die meisten Kinderärzte dürften das Vorgehen, ein Kind auf einen unsicheren Reflex einer gefährlichen Situation auszusetzen, für so absurd halten, dass es nicht einmal Gegenstand des wissenschaftlichen Diskurses ist", glaubt Schmid.

Die Mediziner wissen, dass das Für und Wider des Babytauchens in Internetforen rege diskutiert wird. Es gehe ihm nicht darum, ein Verbot zu erwirken, betont denn auch Schmid. "Eltern sollten sich allerdings der Risiken bewusst sein, und dann eine eigenverantwortliche Entscheidung treffen." Und um keine falschen Schlüsse aufkommen zu lassen: Gegen Babyschwimmkurse ohne Untertauchen sei aus medizinischer Sicht nichts einzuwenden.

Cornelia Enning reagiert gereizt - um nicht zu sagen reflexartig - auf die Kritik der Kinderärzte. Die Hebamme aus Mühlacker hat Babyschwimmkurse mit Untertauchen seit Ende der 90er Jahre in Süddeutschland etabliert und die Ulmer Elterninitiative der "Wasserbabys" mitgegründet. "Ich biete solche Kurse seit 35 Jahren an - nie ist etwas passiert", sagt sie. Der Vorfall vom September 2011 sei ein singuläres Ereignis. Das Kind habe einen Infekt gehabt.

In der Initiative der Ärzte sieht Enning denn auch nichts anderes als eine "Hetzkampagne", ihre Empfehlung: "Die sollten sich fortbilden." Mehr habe sie dazu nicht zu sagen. Auf ihrer Homepage wirbt Enning mit einer "Hebammenweisheit", die besage: "Neun Monate kommt die Schwangerschaft, neun Monate geht sie." Auf den Säugling bezogen: "Neun Monate hat sich das Kind im Wasser entwickelt. Seine Sinne sind auch nach der Geburt noch ans Wasser angepasst."

In Ulm hat der Vorfall gleichwohl zu Konsequenzen geführt. Die offenen Treffen der Initiative "Wasserbabys" finden seit Herbst 2011 nicht mehr statt, wie auf der Homepage des Vereins ohne Angabe von Gründen zu lesen ist. Nachdem die Ulmer Kinderklinik die Stadtverwaltung über den Tauch-Unfall informiert hatte, untersagte die dem Elternkurs Tauchübungen mit Kleinkindern, teilt eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung auf Anfrage mit. "Einen reinen Schwimmkurs hätte die Gruppe natürlich weiter abhalten können, aber das wollte sie nicht."

Für Cornelia Enning steht dagegen fest: "Die Stadt wollte uns rausekeln, um mittwochs das Frauenschwimmen einführen zu können. Den Vorfall beim Babyschwimmen hat man bloß als Vorwand genommen." Schließlich gebe es in Mühlacker, Nürnberg oder Freiburg nach wie vor derartige Kurse. "Dort machen uns die Kommunen keine Probleme."