Ein Amerikaner in Turin

MAGDI ABOUL-KHEIR 07.08.2012
Zehn Tage waren die Ulmer Spatzen in Turin beim Chorfestival Europa Cantat. Für Begeisterung sorgten nicht nur die sehenswerte Stadt und tolle Konzerte, sondern auch ein charmanter 22-jähriger Komponist.

Zunächst waren die Ulmer Spatzen wenig begeistert von "Seabird and I". Das Stück des Amerikaners Leo Hurley, das sie beim Chorfestival Europa Cantat in Turin uraufführen sollten, schildert, wie ein Mensch fantasiert, sich durchs Fliegen zu befreien - und letztlich doch auf dem Boden bleibt. Die jungen Sängerinnen standen der zwischen Moderne und romantischem Touch schwingenden Komposition erst distanziert gegenüber, berichtet Chorleiter Hans de Gilde, "aber dann waren sie begeistert". Nicht zuletzt, als sie den erst 22-jährigen Komponisten in Turin kennenlernten: "Der sieht auch noch gut aus, das hat den Mädchen gefallen", lacht de Gilde.

Die Sympathie scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen. "Der ist von uns so begeistert, der er noch was für uns schreibt", sagt de Gilde. So hat er bei dem New Yorker ein "flottes Zugabelied" geordert.

Zugaben können die Spatzen gebrauchen, denn auch in Turin kam ihre Sangeskunst wieder bestens an. Zehn Tage waren die 53 Sängerinnen und Sänger mit fünf Begleitpersonen in Norditalien. "Wunderbar", fand Hans de Gilde Turin, "da fahr ich wieder mal hin!" Zumal diesmal nur wenig Zeit für Besichtigungen blieb, das Programm von Europa Cantat war recht dicht.

Nach Turin eingeladen worden waren die Ulmer, weil sie vor drei Jahren bei Europa Cantat in Utrecht das italienische Team überzeugt hatten - sie durften nun sogar beim Eröffnungskonzert vor gut 4000 Menschen auf der Piazza San Carlo singen, als einer von sieben Chören. "Hebe deine Augen auf" und "We beseech thee", intonierten die Spatzen. "Eine Ehre", betont de Gilde.

Tagsüber nahmen die Ulmer am Workshop "Singing Ladies" teil. Unter Leitung des schwedischen Musikpädagogen Bo Johansson wurde mit Chören aus Taiwan, Italien und Dänemark neues Repertoire eingeübt: ein klingendes Treffen der Kulturen. "Das hat mal besser, mal nicht so gut geklappt", sagt de Gilde. Einstudiert wurde Musik von Holst, Poulenc, Morley, aber auch von wenig bekannten skandinavischen Komponisten wie Mäntyjärvi und Kostianen. Das Gelernte wurde schließlich bei einem Konzert im Teatro Carignano präsentiert.

Die Ulmer Spatzen - mit dabei waren der Jugendchor und die Ältesten aus dem Kinderchor, die von Herbst an zum Jugendchor stoßen - gaben noch zwei weitere Konzerte. Bei "Choir to Choir" in der Kirche Tempio Valdese boten sie ein weltliches Programm von Mozart über Brahms bis "Tears in Heaven" - und die Uraufführung von Leo Hurleys "Seabird and I".

In der 1000 Jahre alten Kirche San Michele in SantAntonino di Susa, 40 Kilometer von Turin entfernt, sangen die Spatzen ein geistliches Programm: Bach, Mendelssohn, Rutter, Pärt. Das Konzert sollte um 21 Uhr beginnen, "aber da waren erst zwei Leute in der Kirche", wunderte sich de Gilde, "die Leute kamen später, das scheint dort ganz normal zu sein". So begann das Konzert um 21.30 Uhr, und die Spatzen waren - nach einem litauischen Ensemble - erst um halb elf dran. Egal, "es war großartig, die Leute haben nicht aufgehört zu klatschen".

Großartig sei auch die Organisation in Turin mit 300 freiwilligen Helfern und stets frisch gekochtem Essen gewesen, lobt de Gilde - wobei auch das Spatzen-Team mit Heike Cossu und Barbara Comes alles minutiös vorgeplant hatte. Abends gingen die Ulmer oft zum offenen Singen oder zu anderen Konzerten. Wie gesagt, ein straffes Programm. "Das ist kein Urlaub", sagt de Gilde ernst, "es ist Austausch, von Anderen lernen, sich Neues anhören." Auch mit anderen Dirigenten kam er ins Gespräch, und so werden in den nächsten Jahren Chöre aus Taiwan und Spanien ihr musikalisches Stelldichein in Ulm geben.

Die Spatzen wiederum hoffen, wieder zum nächsten Europa Cantat eingeladen zu werden: Das findet 2015 im ungarischen Pécs statt. Im kommenden Jahr, an Pfingsten, steht aber erstmal ein USA-Trip an. Als Reiseführer für New York hat sich schon ein gewisser Leo Hurley angeboten. De Gilde grinst: "Die Mädchen sind alle ausgeflippt!"

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