Wilhelmsburg Ein „heilig Prost!“ auf dem Berg

Erwachsene, Kinder und Künstler spielen zusammen beim „Polygonalsystem“ im Flankturm der Wilhelmsburg.
Erwachsene, Kinder und Künstler spielen zusammen beim „Polygonalsystem“ im Flankturm der Wilhelmsburg. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Claudia Reicherter 28.07.2018

Ich schwöre bei der Gesundheit meiner Magenschleimhaut. . .“ – mit Teil drei der Performance „Bund auf Zeit“ zeigt sich das Kollektiv „carly/lasker–berlin/scheer“ von der ADK Ludwigsburg kurz nach Schwörmontag so aktuell wie lokalhistorisch informiert. Statt Fairness des OB gegenüber den Bürgern  geht es den Künstlern allerdings darum, „täglich drei Möhren zu essen“, um „Kartoffel über Guarana“ und „ein heilig Prost!“. Das bringt die Zuschauer am Ende des dreimal am Eröffnungsabend von „Pop Up Space Wilhelmsburg“ aufgeführten Spiels zum Lachen. Davor bietet die 45-minütige interaktive Rauminstallation im Dunkeln und Schwarzlicht kaum Anlass zu Heiterkeit. Aufgrund des Besucherandrangs heißt es Hälserecken, später Mitmachen und -denken. Denn die Künstler beschäftigt die Geschichte der Burg. Episodenhaft streifen sie Soldatenalltag, Gefühle von Zwangsarbeitern und Leben in einer Diktatur.

Die Stadt will den bisherigen Funktionen als Schutz- und Wehranlage künftig eine weitere hinzufügen: die einer Kulturstätte.

Aufm Sofa unter einer Kastanie

So geht es im Burg-Hof und Turm am Eröffnungsabend dieser viermonatigen Zwischennutzung verspielt, fröhlich, ausgelassen zu: auf den aus Holzpaletten und Polstern von den Ulmer Gestaltungsagenturen „Widerstand und Söhne“ sowie „Bootschaft“ gezimmerten Gartenmöbeln unter einer Kastanie vor der Open-Air-Bühne mit Münchner Bläser-Welt-Musik; vor der ebenfalls aus Holz gezimmerten „Wilhelmsbar“; und im ersten Stock des westlichen Flankturms, den drei Künstler aus dem Landkreis Tuttlingen heute nochmal und erneut am 8./9.September mit ihrem „Polygonalsystem“ bespielen.

Das von Ines Fiegert gesponnene Fadennetz in diesem als „waschechtem Lost Space“ empfundenen Raum ist schön, Christoph und Jeremias Heppelers Klangexperiment interessant, das Publikum eingebunden. Jeder darf an den mit einem Laptop vernetzten Schnüren herumspielen. „Tomogramm“ im ebenso atmosphärischen, nicht renovierten Korridor von Münster-Scanner Joachim Fleischer wirkt da vergleichsweise zurückhaltend-meditativ; die Ausstellung zu „Kinder in der Festung“ informativ.

Etwa 700 Menschen finden am Donnerstagabend den Weg hoch zur Burg – zu Fuß, per Rad, Auto oder kostenlosem Bus von der Neuen Mitte. Das erste der sechs von Bund und Stadt geförderten und von einer Jury unter 75 eingereichten Vorschlägen ausgewählten Projekte des „Pop Up Space“ sehen sie schon von weitem, wie  Kulturbürgermeisterin Iris Mann begeistert anmerkt. Der Schriftzug „This is mine/all mine“, den das Münchner Künstlerduo Silvia Wienefoet und Ralph Walczyk an der südöstlichen Ecke der Außenfassade anbrachte, leuchtete ihr schon in der Prittwitzstraße entgegen: „eine Art verbale Besetzung“.

Diagonal, knallorange, übergroß: Wienefoet geht es um „die Entfremdung zum öffentlichen Raum“. Für den symbolischen Preis einer D-Mark überließ der Bund 1986 die 1842 bis 1849 als Teil der Bundesfestung erbaute Zitadelle mit ihrem 1,3 Hektar großen Innenhof der Stadt. „Aber wem gehört sie?“ Wienefoet und Walczyk meinen: „Uns allen“ – die Frage nach der Verantwortlichkeit schwingt da bewusst mit.

„Es liegt an uns allen, ob hier oben etwas passiert und was passiert“, mahnt Mann denn auch zur Eröffnung. Ulms ob der ihn umgebenden Bauzäune vielleicht nicht schönsten, aber höchsten und ungewöhnlichsten Biergarten in den kommenden vier Monaten tatsächlich in einer Art „Bund auf Zeit“ zu beleben, dazu seien alle eingeladen. So kommen zu den bislang 27 Burg-Terminen vielleicht noch mehr hinzu.

„Donnerstag auf der Burg“ und mehr

Einen großen Teil der Veranstaltungen zum „Pop Up Space Wil­helms­­burg“ steuert  der AK Kultur bei, koordiniert vom Verein Kunstwerk: Bis Ende September gibt es am „Donnerstag auf der Burg“ Konzerte, Theater, Live-­Hörspiel – je 20 Uhr, Eintritt frei. Die Wilhelmsbar ist bis November an allen Veranstaltungstagen ab 18 Uhr geöffnet, und stets fährt das kostenlose Busshuttle. Im August/September ziehen Künstler des Neuen Kunstvereins Saarbrücken auf die Burg und laden an vier Sonntagen zu Speis’ und Kunst. Im Oktober beziehen die „Wilhelmsbar“-Agenturen die Burg als Co-Working Space. Im November führt dort Alan Hilario seine Wilhelmsburg-Komposition auf. 

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