Eigenes Gsälz statt faire Marmelade

Auch Goldbarren können fair gehandelt sein.
Auch Goldbarren können fair gehandelt sein. © Foto: Fotolia
CHIRIN KOLB 18.06.2016

Ein Fair-Trade-Siegel ist eine feine Sache. Es genießt höchstes  Ansehen, verspricht ein angemessenes Salär für Produzenten aus armen Ländern und steht für das Gute schlechthin. Ein Fair-Trade-Siegel schmückt fair gehandelten Kaffee und andere Produkte. Und es ziert Städte. Wenn sie ein paar Kriterien einhalten, können sie sich für die Auszeichnung „Fair-Trade-Stadt“ bewerben. In einen solchen Genuss will auch Neu-Ulm kommen.

Die Stadträte befürworteten einstimmig einen entsprechenden Vorstoß ihrer CSU-Kollegen Katrin Albsteiger, Thomas Ott und Johannes Stingl. Allerdings nicht ohne kritische Anmerkungen. Ein Fair-Trade-Siegel ist ja schön und gut, meinte zum Beispiel Rudolf Erne (SPD). Es werde mittlerweile aber geradezu inflationär vergeben, „die Auszeichnungs-Olympiade ist eröffnet“.

Erne hat nämlich gegoogelt und zählte auf, auf was er gestoßen ist: Öko-Goldbarren mit Fair-Trade-Siegel aus Peru, Maracuja-Konfitüre aus Laos und Mango-Marmelade aus Swasiland. Was bringt das, wollte Erne wissen. „Ich brauche keinen Honig aus Chile, ich kaufe beim Imker. Ich brauche kein Physalis-Gelee aus Südamerika, ich mache mein Gsälz selber.“

Und überhaupt: Wo bleibe das Fair-Trade-Prinzip, wenn es um lokale Produkte geht? Die Milchbauern zum Beispiel kriegen nur einen Hungerlohn. Von fairem Handel, findet Erne, könne keine Rede sein.

Widerspruch erntete er nicht von seinen Kollegen im Ausschuss für Stadtentwicklung. Bis auf das: „Bananen kann man hier eben nicht anbauen, und Kakao wächst hier auch nicht“, sagte Rainer Juchheim (Grüne). Er war ohnehin einer der ersten, der den Neu-Ulmer Stadtrat auf den fairen Geschmack bringen wollte – auch wenn das zunächst gründlich schief gegangen war.

Die Grünen um Juchheim und Christina Richtmann (FWG) hatten ihre Kollegen 2010 von fair gehandeltem Kaffee überzeugen wollen. Das Gebräu, das sie ausschenkten, schmeckte nach einhelliger Meinung aber überhaupt nicht. Die Folge: Fairer Kaffee interessierte die Stadträte nicht die Bohne.

Juchheim gab so schnell nicht auf. Schwer bepackt kam er zur nächsten Sitzung: mit zehn Paketen einer anderen Sorte.

Ob er den Stadträten schmeckt oder nicht, ist nun egal. Sie müssen ihn trinken. Denn eine Bedingung der Auszeichnung „Fair-Trade-Stadt“ lautet: Im Rathaus muss fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt werden.