Jetzt sieht man sie wieder besonders gut – die mehrstöckige Ziegelstein-Bauruine mit den schwarzen Fensterlöchern sowie den heruntergekommenen Altbau daneben – wenn man auf der B 311 zwischen Ulm und Industriegebiet Donautal fährt. Kürzlich wurden die Bäume und Sträucher auf dem 6000 Quadratmeter großen Privatgrundstück gründlich entfernt. „Rechtzeitig bevor die Brut- und Vegetationszeit beginnt“, sagt Besitzer und Bauunternehmer Reinhold Maier, der die Bauruine vor zwölf Jahren bei einer Zwangsversteigerung erworben hatte. Bis 2015 wusste er nicht, was daraus werden soll. Im Mai vergangenen Jahres hat er dann bei der Stadt eine Baugenehmigung beantragt, will aber selbst nichts weiter dazu sagen.

Markus Csulits, Abteilungsleiter Städtebau und Baurecht, sagt mehr: „Dort entsteht ein Übernachtungsheim für Monteure.“ Dazu soll das „Bestandsgebäude“ umgebaut und ein Teil der Bauruine abgerissen werden. Die Stadt habe dem Vorhaben aber nur unter der Voraussetzung zugestimmt, dass die schmale unbeleuchtete Zufahrtsstraße ausgebaut wird. Für diese Erschließung liefen derzeit noch private Grundstücksverhandlungen, sagt Csulits.

Es habe zwischendurch Interessenten gegeben, die dort ein Flüchtlingsheim aufbauen wollten. Aber dafür liege es zu weit abseits. 2007 hatte Bauunternehmer Maier bereits anderweitig mit der Stadt verhandelt. Aber ohne Folgen, obwohl die Stadt Bereitschaft signalisiert hatte, weil die „Grunddienstbarkeit“, die eine soziale Nutzung festschreibt, erfüllt worden wäre. „Die Dienstbarkeitsregelung besteht noch“, betont Ulrich Soldner, Chef der Ulmer Liegenschaften.

Inwieweit trifft die geforderte soziale Nutzung auf ein Übernachtungsheim für Monteure zu? Csulits: Firmen des Industriegebiets Donautal suchten seit Jahren verzweifelt nach günstigen Unterkünften für ihre Saisonarbeiter, da man im Industriegebiet nicht wohnen darf. Und da Bulgaren, Rumänen und Polen nicht viel Geld ausgeben wollen fürs Wohnen, sei das Heim gewissermaßen eine soziale Einrichtung.

Die Geschichte des ehemaligen Bewährungsheimes ist lang: Ende 1996 wurde das Heim geschlossen, weil das Geld ausging. 36 Jahre lang waren in dieser Modelleinrichtung straffällig gewordene Jugendliche betreut und Problemfälle auf das „normale“ Leben in Freiheit vorbereitet worden. Danach wurde das Gebäude selbst zum Problemfall.

Im Besitz des Landesverbandes für Straffälligen- und Bewährungshilfe stand es lange leer, ehe ein neuer Käufer gefunden werden konnte. Ein Arzt aus Burlafingen wollte daneben ein Alten- und Pflegeheim bauen. Jedoch meldete er Insolvenz an, als der Rohbau stand, die heutige Bauruine. Auch das damit beauftragte Bauunternehmen aus Luizhausen ging pleite.

Wieder dauerte es Jahre, bis ein neuer Käufer für das Areal gefunden werden konnte. Doch auch der damals noch in Munderkingen ansässige Bauunternehmer Reinhold Maier, der heute in Unterweiler etabliert ist, hatte keine Idee. Er hatte das Grundstück und die Gebäude 2004 bei einer Zwangsversteigerung für 180.000 Euro ersteigert.

In den Folgejahren schlugen immer wieder Wohnsitzlose in dem maroden Haus ihr Nachtquartier auf. 2007 war es eine Gruppe Schwarzafrikaner, die sich dort illegal aufhielt, stand damals im Polizeibericht. Mal wollten Beobachter dort Männer aus dem Ostblock gesehen haben, die tagsüber auf Baustellen in der Region arbeiteten und im ehemaligen Bewährungsheim schliefen. 2011 gab es sogar eine Razzia: Die Polizei traf 41 Menschen – 20 Männer, 16 Frauen und 5 Kinder – in dem teilweise einsturzgefährdeten Gebäude an. Einige hatten so genannte Bettelkarten bei sich, was auf ein organisiertes Vorgehen der Gruppen hinwies. Alle wurden erkennungsdienstlich behandelt und bekamen Platzverbote ausgesprochen.

 

Ein Kommentar von Carolin Stüwe: Alles abreißen

Unendliche Geschichte des ehemaligen Bewährungsheimes im Donautal – so könnte man zu den immer wieder gescheiterten Bauvorhaben auf dem Areal an der B 311 sagen. Wie so oft fehlte es an Geld, etwa beim Vorschlag des Vereins für Bewährungs- und Straffälligenhilfe an das Land, das Haus als besondere Form des Jugendvollzugs zu nutzen. Kosten: 500.000 Euro. Jedoch setzte der in erster Amtsperiode agierende Justizminister Ulrich Goll lieber auf ein eigenes Projekt – für fünf Millionen Euro.

Der nächste Reinfall war der Plan eines Arztes aus Burlafingen, der auf dem Gelände ein Alten- und Pflegeheim bauen wollte und insolvent ging, als der Rohbau stand. Zum Glück, denn das Projekt wäre auf dem kaum erschlossenen und sehr abgelegenen Gelände ohnehin gescheitert. Die Abgeschiedenheit ist auch der Grund, warum die Stadt in letzter Zeit Interessenten, die dort eine Flüchtlingsunterkunft einrichten wollten, stets abgesagt hat. Es wäre ein Ghetto entstanden, das kontraproduktiv gewesen wäre hinsichtlich der stets angestrebten Integration von Flüchtlingen.

Nun also die Idee eines Übernachtungsheimes für Saisonarbeiter, für die sich der Bauunternehmer zwölf Jahre Zeit gelassen hat. Die Frage sei erlaubt, ob es dazu wirklich kommt. Lohnt es sich überhaupt, das heruntergekommene Haus umzubauen?

Am besten wäre es, dort alles abzureißen, platt zu machen – und einen schönen Wald wachsen zu lassen.
 

Was alles geplant war

Unvollendete Pläne
Der Verein für Bewährungs- und Straffälligenhilfe hatte dem Land den Vorschlag „Jugendvollzug“ unterbreitet und unterschriftsreife Verträge vorgelegt. Kosten: 500 000 Euro. Doch der damalige Finanzminister Gerhard Mayer-Vorfelder spielte nicht mit. Dann gab es Pläne für ein freies Künstlerzentrum, der Landesbläserverband und das Jugendherbergswerk wollten sich einmieten, der Fußballverband plante gar ein Leistungszentrum.