Mal ehrlich: Jeder von uns möchte am liebsten auf der Couch liegen bleiben, in der Hoffnung, die anderen werden den Haushalt schon schmeißen. Die Ego-Schiene greift auch außerhalb des familiären Umfeldes. Beispiel gefällig? Jeder erwartet vom Staat ein gutes Bildungssystem. Freiwillig Steuern bezahlen würden dafür aber nur wenige. Man tut es, weil man es qua Gesetz muss.

Wenn jeder nach seinem Gusto lebte, läge die Gesellschaft im Chaos. Was treibt den Menschen an, sich trotzdem, wenigstens meistens, gemeinschaftsdienlich zu verhalten? Aus klassischer wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive sind es vor allem externe Anreize wie Belohnung oder Strafe, die als zentrale Steuerungsmechanismen für soziales Verhalten gelten.

Diese Ansätze greifen aber zu kurz. "Sie vergessen die individuelle Beschaffenheit von Menschen", sagt Dr. Stefan Pfattheicher. Wie sich ein Mensch verhalte, ob er sich für das "Ich" oder das "Wir" entscheide, sei eben immer auch vom Zusammenspiel von jeweiliger Situation und Person abhängig, erklärt der Sozialpsychologe, der an der Uni über soziale Dilemmasituationen forscht und dafür kürzlich mit einem Forschungsbonus ausgezeichnet wurde. Im Mittelpunkt seiner Studien stehen egoistisches und unkooperatives Verhalten.

Pfattheichers Probanden - in der Regel sind es Studenten - müssen dazu bestimmte Spiele oder Experimente absolvieren. In einem Experiment etwa wurde jeder der 120 Teilnehmer zunächst mithilfe eines Fragebogens auf seine soziale Ängstlichkeit getestet (Zum Beispiel: "Ich mache mir Sorgen, was andere über mich denken"). Dann bekam jeder drei Euro ausgezahlt, verbunden mit der Möglichkeit, einen Teil des Geldes an eine gemeinnützige Umweltorganisation zu spenden. Man konnte aber auch nichts spenden und das Geld behalten.

Zunächst erhielten die Teilnehmer eine Einführung ins Thema, sie wurden mit einem sachlichen Text über dringliche Umweltprobleme informiert. Bei der Hälfte der Probanden war am Seitenkopf über dem Infotext ein menschliches Augenpaar aufgedruckt, das den Leser gewissermaßen fixierte. Bei der Kontrollgruppe fehlte dieses Augenpaar. Die Augen waren nicht groß, "sondern subtil", erzählt der 31-Jährige. "Als wir die Teilnehmer nach der Lektüre befragt haben, ob ihnen am Text irgend etwas aufgefallen sei, hat keiner etwas bemerkt."

Dennoch gab es signifikante Unterschiede in Bezug auf die Spendenbereitschaft. Wer Augen auf seinem Text hatte, spendete deutlich mehr - sofern er zur Gruppe der sozial Ängstlichen gehörte. Das Zusammenspiel aus der Personenvariablen "Ängstlichkeit" und der Situationsvariablen "Augen" bestimmte das Spendenverhalten.

In ähnlichen Spiel-Studien ging Pfattheicher der Frage nach, wie Menschen sich in unsicheren Situationen verhalten. Auch dabei wurde zunächst in einem separaten Fragebogen die soziale Ader der Teilnehmer ermittelt, salopp könnte man sagen: Gutmenschen von Normalos unterschieden. Dann bekamen alle Probanden am Computer einen ihnen unbekannten Mitspieler verpasst, der sich im darauffolgenden Spiel fair oder unfair verhalten konnte. Überraschendes Ergebnis: Wenn die "Gutmenschen" sich unsicher fühlen, fingen sie an, selbst unsozialer zu werden.

Belohnung, wie von den Wirtschaftswissenschaften angenommen, ist nicht alles. Das fand Pfattheicher beim so genannten "Diktator-Spiel" heraus. Dort erhielt jeder Hauptspieler einen geringen Geldbetrag und konnte zunächst alleine entscheiden, ob er seinem Mitspieler etwas abgibt. Resultat: Etwa ein Drittel teilte gerecht, zwei Drittel speisten ihren Partner mit weniger ab. In einer zweiten Stufe ("Ultimatum-Spiel") konnte der Mitspieler dieser Aufteilung widersprechen. Tat er es, wusste er aber, dass beide Seiten leer ausgehen. Tatsächlich widersprach das Gros der Mitspieler, wenn der Erstspieler nicht die Hälfte gab. Pfattheicher: "Menschen haben offenbar einen grundlegenden Sinn für Fairness, nehmen aber auch persönliche Kosten in Kauf, um anderen zu schaden."

Info Wer einen Einblick in die psychologische Forschung Stefan Pfattheichers bekommen möchte, kann an einer aktuellen Onlinestudie unter goo.gl/cXgZHx teilnehmen.