Neu-Ulm Edwin-Scharff-Museum widmet sich deutschen Künstlerinnen

Neu-Ulm / LENA GRUNDHUBER 11.09.2015
Malen konnten sie alle - doch so selbstbestimmt studieren konnten Frauen um 1900 nur in Paris: Das Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm widmet sich deutschen Künstlerinnen, die dort ihre Freiheit suchten.

Entweder haben sie Steckerlbeine oder einen dicken Hintern, den Kragen bis zur langen Nase hochgezogen oder unmögliche Hüte auf dem Kopf: "Und da sagt man, dass Malerinnen nicht gut aussehen!" hat Martha Bernstein unter ihre Karikatur geschrieben. Was für ein Galgenhumor, denn wenn eine wusste, was das "moderne Malerinnenleben" bedeutete, war es wohl die Künstlerin aus Halle an der Saale. 1874 geboren, beginnt sie bereits mit 16 Jahren Kunst zu studieren, vier Jahre nur ist sie verheiratet, ihren Lebensunterhalt verdient sie selbst. Eine ernsthafte Frau mit einem interessanten Gesicht - auf ihrem Selbstporträt sieht man, wie so ein "Malweib" Anfang des 20. Jahrhunderts wirklich aussah: beeindruckend.

Das sind sie alle, die zehn Künstlerinnen, die das Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Museum in seiner schönen Ausstellung "Die Malweiber von Paris" vorstellt. Darunter sind unbekannte Namen wie Martha Bernstein, aber auch berühmte Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker mit ihrer Freundin Clara Rilke-Westhoff. "Alle haben den gleichen Platz gekriegt, keine steht auf dem Sockel", sagt Museumsleiterin Helga Gutbrod, der die aufwendige Schau mit rund 90 Leihgaben eine Herzensangelegenheit ist; kuratiert hat sie die Pariser Kunsthistorikerin Kathrin Umbach.

Alle diese Frauen hätten "unglaublich hohe Qualität", sagt Gutbrod zurecht. Und Mut müssen sie auch gehabt haben. Nicht allein fassten sie den Entschluss, im erzkonservativen deutschen Kaiserreich Künstlerin zu werden. Nein, sie kehrten ihm - manche nur kurz, manche 20 Jahre lang - den Rücken, um dort zu studieren, wo um 1900 die Freiheit zuhause war, in Paris. Im deutschen Reich durften Frauen bis 1914 regulär nicht an Kunstakademien studieren, sie mussten auf überteuerte private Schulen ausweichen, an denen oft nur zweitklassiger Unterricht geboten war. Selbst in den "Damenklassen" der Akademien war Aktzeichnen ausgeschlossen - das könne das zarte weibliche Gemüt doch zu empfindlich stören.

In Paris war die Ausbildung besser. Dort durften Frauen an Privatakademien gemeinsam mit Männern im Atelier stehen und am lebenden Menschen lernen. Und außerdem war Paris - Paris. Die Stadt, in der Matisse über den Montparnasse lief, in der eine Malerin wie Ida Gerhardi sich allein im Nachtleben rumtreiben konnte, um zu zeichnen: "Die Kokotten kannten sie und gaben ihr immer ihre Sachen, während sie tanzten, zur Aufbewahrung", erinnerte sich die in Deutschland bereits arrivierte Künstlerin Käthe Kollwitz, die natürlich auch zwei Mal in der damaligen Metropole für Kunst und Leben war. Dort befasste sie sich mit den Nabis und siehe, da schimmert nun sogar Farbe auf den dunklen, kraftvollen Grafiken. Für Kollwitz war Paris wohl ein unterhaltsamer Studienaufenthalt. Für Maria Slavona, eigentlich Marie Schorer, war es das Versprechen eines vollkommen anderen Lebens. Zusammen mit ihrer Freundin Rosa Pfäffinger lebte sie die freie Liebe, jede bekam ein Kind vom selben Mann. Wie hervorragend sie als Malerin war, beweist ihr frühes Selbstbildnis, wie anstrengend ihr Leben zwischen Kind, Kunst und Bohème ein späteres ein paar Bilder weiter.

"Malweib" sein, das bedeutete für jede der Wahl-Pariserinnen etwas anderes. Da gab es Sabine Lepsius, die als Porträtistin den Lebensunterhalt für ihre Familie inklusive Salon verdiente. Aber es gab auch Mathilde Vollmoeller-Purrmann, die um keinen Preis solche "Lepsiusen", wie die Kinder der vielbeschäftigten Kollegin großziehen wollte und das Ölmalen lieber aufgab. Obwohl sie es doch war, die Rilke die Augen für Cézanne geöffnet hatte, eines ihrer Stillleben erzählt davon.

Marg Moll, wie Mathilde an der Académie des Großmeisters Matisse, entwickelte einen eigenen Kniff, sich ihre Eigenständigkeit neben Maler-Ehemann Oskar zu erhalten. Sie wurde Bildhauerin, arbeitete trotz der Kinder konsequent weiter. Die mussten eben draußen bleiben, wenn Mutter an ihren Bronzen arbeitete. Ein "Malweib" war Marg Moll ja ohnehin nicht mehr.

Umfangreiches Begleitprogramm

Eröffnung in Neu-Ulm

Die Ausstellung "Die Malweiber von Paris. Deutsche Künstlerinnen im Aufbruch" eröffnet heute, 19 Uhr, im Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Museum und ist dann bis zum 24. Januar zu sehen. Öffnungszeiten sind jeweils Di und Mi 13-17 Uhr, Do-Sa, 13-18 Uhr und So 10-18 Uhr. Mehr Infos zum umfangreichen Rahmenprogramm gibt es im Internet unter www.edwinscharffmuseum.de

 

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