Neu-Ulm / Lena Grundhuber  Uhr
Das Edwin-Scharff-Museum widmet sich in seiner neuen Ausstellung den „zarten Männern“ unter den modernen Plastiken.

Helga Gutbrods Liebling heißt Johannes. Sehr schmale Schultern hat er und weich gerundete, fast weibliche Schenkel. Seine Hände greifen ins Leere, als habe er vergessen, was er gerade tun wollte. Gedankenverloren horcht dieser Johannes in sich hinein. Kein Kämpfer, eher einer, dem man sacht über den Rücken streichen möchte; wahrscheinlich würde er leise sprechen.

„Ein unverletzter, aber verletzlicher Mensch, der gleichzeitig ungeheuer freundlich wirkt“, so beschreibt die Chefin des Edwin-Scharff-Museums die Bronze-Plastik. Gerhard Marcks hat sie im Jahr 1936 geschaffen, in einer Zeit also, die nichts mehr hasste als das Zögern, das Zweifeln, das Denken überhaupt. Auf eine stille Art ist der zarte Knabe also doch ein Widerstandskämpfer – und für Helga Gutbrod ist er ein Prototyp ihrer aktuellen Ausstellung, die das Georg-Kolbe-Museum Berlin entwickelt hat: „Zarte Männer in der Skulptur der Moderne“ vereint 60 Plastiken von Bildhauern aus drei Generationen, die zwischen 1847 und 1912 geboren wurden.

Gegenbild zum Ideal des harten Mannes

Während der militärselige Wilhelminismus herrschte, ja sogar während der Nazizeit schufen Künstler Männerbilder, die dem gesellschaftlich verherrlichten Ideal des harten Kerls diametral entgegenstanden, „ein überraschendes Phänomen, das bis dato nicht beachtet wurde“, wie Gutbrod sagt. Wer nicht vorkommt, das ist Hausgott Edwin Scharff, denn der hat sich in erster Linie mit dem weiblichen Körper befasst. Natürlich: Ganz von ungefähr kommen die schmalen, teils schmächtigen, teils athletischen, fast immer nackten Männer nicht. Sie mögen quer zu dominanten Geschlechterbildern laufen – aber sie passen eben nicht nur zur kulturell offeneren Weimarer Republik, sondern auch zum Jugendkult um 1900, zu Lebensreform und Freikörperkultur. Und zu einem immer individuelleren und selbstbewussteren Bürger- und Künstlertum: „In diesen Räumen steht kein einziges Auftragswerk“, sagt Gutbrod.

Das hat die Ausstellung zu bieten

Los geht der Rundgang im 19. Jahrhundert, als noch mit antiken Motiven und klassischen Schönheiten gearbeitet wird. Die zarten Knaben der „Deutschrömer“ Adolf von Hildebrand und Artur Volkmann heißen zum Beispiel Apollo oder Ganymed, letzterer wurde damals wohl auch als Darstellung homosexueller Liebe gelesen. Mit der historischen Verortung der nackten Idealkörper wähnte man sich aber vor allem auf der sicheren Seite in der Debatte um die Zensur von Aktdarstellungen, erklärt Gutbrod. Die Gestalten an sich sind fast überästhetisch: In einer konzentrierten Bewegung von den Zehen bis zum Nacken schlürft von Hildebrands „Trinkender Knabe“. Die „Hingabe an den besonderen Moment“ bestimmt auch Ernst Segers von Kopf bis Fuß gespannten „Dorn­auszieher“. Einen Raum weiter kann man an Sascha Schneiders perfekt symmetrischem „Gürtelbinder“ aus dem Jahr 1913 den Jugendstil ablesen.

Anmutig, elegant, stilisiert, ätherisch balancieren die zarten Menschen auf ihren Sockeln. Sie tragen keine Botschaft vor sich her, sondern horchen in sich hinein, die Arme – wie bei George Minne – schützend um sich selbst geschlungen. Nur Wilhelm von Gloedens Fotos sehr junger Knaben aus Taormina haben den befremdlich jugendverliebten Blick des Fin de Siècle an sich, über den es auch heute noch immer wieder Auseinandersetzungen gibt.

Einen großen Auftritt mit mehreren Werken hat Hermann Blumenthal, Meisterschüler Scharffs. Er schafft Männer, die sich eigenartig ungelenk halten und ihren Platz in der Welt erst noch zu suchen scheinen: Sein „Adam“ etwa kniet auf allen Vieren, als wisse er noch gar nicht, dass er aufrecht stehen kann. Mit ihrer stillen Hartnäckigkeit überdauern die zarten Männer auch die schlimmste Zeit. Noch 1936 schafft Blumenthal seinen traurigen Sebastian und Marcks besagten Johannes. „Vielleicht steckt gerade in der Schutzlosigkeit, in der Nacktheit der Mut“, sagt Gutbrod. Die zarten Männer schweigen dazu vornehm, wahrscheinlich sind sie in Gedanken ganz woanders.

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Aktzeichnen in der Ausstellung

„Zarte Männer in der Skulptur der Moderne“ eröffnet an diesem Freitag, 19 Uhr, und ist bis 3. November im Edwin-­Scharff-Museum in Neu-Ulm zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Begleitband zum Preis von 15 Euro erschienen.

Aktzeichnen in der Ausstellung kann man unter der Leitung von Christine Söffing an sechs Terminen jeweils mittwochs von 16.30 Uhr bis 19.30 Uhr: am 25. September sowie am 2., 9., 16., 23., und 30. Oktober.

Die Öffnungszeiten sind jeweils Di, Mi 13-17 Uhr, Do, Fr 13-18 Uhr, Sa, So 10-18 Uhr. www.edwinscharffmuseum.de

Das Sommerfest des Edwin-Scharff-Museums ist am nächsten Donnerstag, 19 Uhr.