Lesung Dunkle Seite der schönen neuen Welt

Ulm / Elvira Lauscher 03.11.2018

„Die Hochhausspringerin“ ist das Romandebüt der gebürtigen Heidelbergerin Julia von Lucadou. Und ihre Dystopie hat für Aufsehen gesorgt. Jetzt stellte sie sie in der Buchhandlung Aegis vor. Die extreme Selbstoptimierung, der Leistungsgedanke unserer Gesellschaft und die Bedrohung durch Überwachung, das sind die Themen des Romans, der für sie „die kondensierte, zugespitzte Gegenwart“ sei, sagte die Autorin im Gespräch mit Rasmus Schöll. Ihre rationale, konstruierte Sprache macht in „Die Hochhausspringerin“ die Kälte der beschriebenen fiktiven Welt spürbar, in der Erfolg und Reichtum mit Überwachung und Rund-um-Kontrolle verknüpft sind.

Zwei Frauen sind die Hauptpersonen des Romans: Riva, die erfolgreiche Hochhausspringerin, die scheinbar grundlos ihr bisheriges Leben und alle Vergünstigungen aufgeben will, und die Psychologin Hitomi, die sie wieder auf den rechten Weg bringen soll, zurück in den bisherigen Funktionsalltag. Dafür wird sie von dem „Institut“, das Riva ausgebildet und vermarktet hat, mit allen erdenklichen Freiheiten ausgestattet. Rund um die Uhr darf diese sich dank versteckter Kameras in das Leben von Riva zoomen. Der Preis: Auch Hitomis Leben ist transparent, und ihr Erfolg hängt mit der Einsicht ihrer Patientin zusammen.

Perfekte Überwachung

Die Überwachung der Überwachung und der Leser, der durch die Ich-Stimme von Hitomi fast voyeuristisch alles mitbeobachtet, ist mit dabei. Wer nicht funktioniert, landet in Lucadous Romanwelt in den Peripherien außerhalb der perfekten Städte.

Dass die Menschen in dieser neuen Welt nur bedingt glücklich sind, macht die Autorin an ihren gut gezeichneten Figuren deutlich. In einer ihrer persönlichen Lieblingsszenen, die sie als letztes vorlas, erfährt Hitomi Trost von einer künstlichen Bot-Stimme, die nach ihrer Mutter klingt.

„Für mich ist Hitomi die Vertreterin der breiten Masse. Ich mag sie und habe Mitleid mit ihr, weil ihr von Kindheit an beigebracht wurde, dass ein gut funktionierender Mensch keine Gefühle hat.“ Aber natürlich hielten solche Menschen das System am Laufen. „Auch wir müssen lernen, dass wir uns nicht von wenigen Unternehmen die Macht wegnehmen lassen. Aber wenn ich keine Hoffnung hätte, hätte ich das Buch nicht geschrieben.“

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