Abhängigkeit Drogenhilfe Ulm/Alb-Donau: Nasenspray soll bei Überdosis Leben retten

Ein Nasenspray soll Suchtkranken bei einer Überdosis das Leben retten.
Ein Nasenspray soll Suchtkranken bei einer Überdosis das Leben retten. © Foto: dpa
Ulm / Rudi Kübler 20.01.2019
Die Drogenhilfe Ulm/Alb-Donau stattet Abhängige mit einem Nasenspray aus, das bei einer Überdosis die Wirkung der Opiate aufhebt.

Am Bahnhof haben sie den Stoff gekauft, zwei Männer und eine Frau. Das Heroin spritzen sie sich anschließend in der Wohnung der 27-Jährigen, die gerade einen Entzug hinter sich hat. Sie verdreht die Augen, kippt zur Seite. Die Männer reagieren panisch. Überdosis! Was tun? Den Notarzt rufen? Der rückt vielleicht mit der Polizei an, wenn am Telefon von Drogen die Rede ist. Und dann sind sie auch mit dran. Nichts tun und abhauen? Dann ...

Für solche Notfälle ist Naloxon gedacht, ein Medikament, das die Wirkung der Opiate aufhebt und damit Leben rettet. Notärzte haben das Mittel immer schon mit im Koffer, sie spritzen Naloxon und verhindern somit, dass es zur Atemlähmung, zum Atemstillstand und letztlich zum Tod kommt. Seit kurzem ist Naloxon auch als Nasenspray verfügbar und damit wesentlich einfacher in der Handhabung. „Weltweit wird das Medikament bereits in etwa 20 Ländern eingesetzt“, sagt Hans-Peter Hermann, Geschäftsführer der Drogenhilfe Ulm/Alb-Donau. Ende Februar/Anfang März will die Drogenhilfe Naloxon erstmals auch Heroinabhängigen aus der Region zur Verfügung stellen. Basierend auf den Erfahrungen, die Drogenhilfe-Einrichtungen in Tübingen und Mannheim seit vergangenem Herbst gesammelt haben, „und die sind sehr gut“.

Nasenspray kann Leben retten

Die Grundidee: Leuten, die selber Heroin spritzen oder die dabei sind, wenn andere konsumieren, das Medikament an die Hand zu geben. Um im Notfall mit einem Sprühstoß in die Nase ein Leben zu retten. „In der Szene herrschen Vorbehalte. Da wird nicht gleich der Notarzt angerufen“, weiß Marlit Hutter aus vielen Gesprächen. Die Sozialarbeiterin der Drogenhilfe kennt ihr Klientel, sie ist Ansprechpartnerin im Kontaktladen in der Wagnerstraße, eine niederschwellige Anlaufstelle für Junkies.

Dr. Franz-Josef Bentele befürwortet den Einsatz von Naloxon, „mit diesem Medikament kann man nichts verkehrt machen. Es trägt dazu bei, dass Sauerstoff wieder ins Hirn gelangt. Bei längerer Sauerstoffunterversorgung – und die beginnt schon nach drei Minuten – können Folgeschäden oder der Hirntod eintreten.“

Nasenspray ersetzt keinen Notarzt!

Der Mediziner, der die Ulmer Drogenschwerpunktpraxis betreibt, tritt allerdings etwas auf die Euphorie-Bremse, denn mit dem Sprühstoß allein sei der Bewusstlose nicht aus dem Schneider. Im Gegenteil: Naloxon steht ganz am Anfang. „Mit dem Spray gewinnt man Zeit. Weil der Wirkstoff aber nur 20 bis 30 Minuten anhält, muss unbedingt der Notarzt angerufen werden. Ohne Wenn und Aber.“ Wichtig sei auch, sagt Bentele, dass bis zum Eintreffen des Notarztes jemand bei dem Suchtkranken bleibe, der sich eine Überdosis gesetzt hat. Dass die Polizei im Gefolge des Notarzts anrückt, mag zwar eine Befürchtung sein, „sie ist aber unbegründet. Da gibt es keinen Automatismus“, sagt Bentele.

Genau aus diesem Grund setzt die Drogenhilfe auf Information. Die Suchtkranken sollen laut Hermann geschult werden: im Umgang mit dem Nasenspray und in Erster Hilfe. Und nicht zuletzt darin, auf jeden Fall nach dem Einsatz des Sprays den Notarzt zu alarmieren, bei dem Betroffenen zu bleiben und den Mediziner darüber zu informieren, was gespritzt wurde.

Hermann geht davon aus, dass in einem ersten Durchgang acht bis zehn Drogenabhängige den Kurs besuchen – wohl wissend, dass das Klientel als nicht besonders zuverlässig gilt. Der Geschäftsführer der Drogenhilfe setzt aber darauf, dass die Suchtkranken so viel Verantwortungsbewusstsein für Freunde in Not mitbringen. „Einen Drogennotfall haben immerhin drei Viertel von ihnen schon erlebt.“

Die Drogenhilfe geht jetzt in Vorleistung; sie finanziert das Nasenspray, das ungefähr 46 Euro kostet und nur über Privatrezept erhältlich ist. „Wir wollten jetzt nicht warten, bis die Finanzierung steht. Aber eigentlich ist das in unserem Haushalt nicht vorgesehen.“

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Zahlen und Fakten

Hilfesuchende Die Zahl der Klienten ist im Jahr 2017 etwas zurückgegangen – und zwar von 891 auf 845, 78 Prozent der Klientel ist männlich. In der Psychosozialen Beratungsstelle wurden 365, in der Substitutionsbegleitung 280 und in der Justizvollzugsanstalt 200 Klienten betreut. Die Zahl der Drogenabhängigen, die den Kontaktladen in der Wagnerstraße aufgesucht haben, ist nicht erfasst. Der Frauenanteil im Kontaktladen, wo Möglichkeit zum Duschen und Wäschewaschen besteht, ist mit 42 Prozent ungewöhnlich hoch.

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