Neu-Ulm Drei Umbauvarianten für den Allgäuer Ring werden weiterverfolgt

Albert Obert zweifelt am Erfolg der Maßnahmen.
Albert Obert zweifelt am Erfolg der Maßnahmen. © Foto: Oliver Schulz Foto: Oliver Schulz
BERND RINDLE 18.06.2016
Von 15 untersuchten Umbauvarianten des Allgäuer Rings sind drei übrig geblieben. Damit soll nun endlich gelingen, was in Neu-Ulm seit Jahrzehnten erklärter Wille ist: die Entschärfung des größten Unfallschwerpunktes der Stadt.

Im Neu-Ulmer Stadtrat durfte man jetzt über alles reden, nur nicht übers Geld. Die planerische Phantasie sollte nicht durch lähmende Kostendebatten eingeschränkt werden, denn es galt mit freiem Geist den großen Wurf vorzubereiten, den man sich schon so lange für den Verkehrsknoten zwischen Memminger- und Ringstraße erhofft in der Stadt.  Abgesehen davon, dass es in diesem Planungsstadium noch keine kalkulatorischen Anhaltspunkte gibt. „Wir sind noch nicht so weit, das einschätzen zu können“, machte Oberbürgermeister Gerold Noerenberg vorsorglich deutlich. „Ich werde heute keine Zahl sagen.“

Eine sagte er dann doch: „Schlappe elf Millionen.“ Soviel hatte der „Hovenring“ gekostet, ein kühner freischwebend anmutender Fahrradkreisel, der an Stahlseilen an einem 70 Meter hohen Pylon über der Fahrbahn in Eindhoven hängt und über lange Rampen erschlossen wird. Eine der Möglichkeiten, den Verkehr am Ring zu befrieden, damit sich Autofahrer und Radler nicht mehr ins Gehege kommen, aber keiner, der ernsthaft in Betracht kommt angesichts der Kosten und des Platzbedarfs. Bei einer sechsprozentigen Steigung wären allein die Rampen 100 Meter lang. Für hiesige Verhältnisse etwas zu opulent, meinte auch Professor Hartmut Topp: „So viel Radfahrer wird es auch in 20 Jahren in Neu-Ulm nicht geben.“

Der Verkehrsplaner vom Institut für Mobilität & Verkehr  der Technischen Uni Kaiserslautern hat die vorliegenden Varianten untersucht und drei für eine mögliche Weiterentwicklung empfohlen. Planungsvorschläge, die auch die Stadtverwaltung als „grundsätzlich geeignet“ bezeichnet. Topp hat als Kernprobleme des Rings die zweispurigen und vor allem schrägen „tangentialen“ Einfahrten in den Kreisverkehr erkannt, die den Autofahrern eine nahezu ungebremste Zufahrt ermögliche. Ganz im Gegensatz zu den mittlerweile üblichen senkrechten Einfahrten im 90-Grad-Winkel, die zum Abbremsen zwängen.

Variante 1 Gemessen an der ausgelobten Prämisse „Sicherheit für alle“ kommt für den Gutachter als Variante 1 „die räumliche Trennung“ von Auto- und Fußgänger-/Radverkehr in Betracht. Im Klartext eine Unterführung für Radler und Fußgänger  unterhalb der um 1,5 Meter angehobenen Fahrbahn in alle Richtungen. Eine angemessene Beleuchtung soll für soziale Sicherheit sorgen. „Diese Variante ist sehr sicher, kostet aber richtig Geld.“

Variante 2 Kaum billiger dürfte der zweite Vorschlag sein, der die Aufhebung des Kreisverkehrs beinhaltet und stattdessen eine ampelgesteuerte Kreuzung wie im Starkfeld vorsieht, was nichts anderes als einen Komplettumbau des Allgäuer Rings erfordert. Auch diese Variante sei „leistungsfähig und sicher, aber vom Komfort her mittelmäßig und kostet ähnlich viel Geld“, so Topp.

Variante 3 Die dritte Variante sieht vor, den Kreisverkehr so zu belassen, aber die Einfahrten dahingehend zu verändern, dass sie im rechten Winkel auf den Ring treffen, was die Autofahrer dazu zwingen soll, die Geschwindigkeit zu verringern. Zusätzlich sollen die zweispurigen Zufahrten durch „Fahrbahnteiler“ voneinander räumlich getrennt werden, damit einerseits kein Spurwechsel mehr möglich ist und Fußgänger und Radfahrer andererseits immer nur eine Fahrbahn bis zur nächsten Verkehrsinsel überqueren müssen, anstatt wie bisher eine Doppelspur. Davon verspricht man sich auch eine bessere Sichtbarkeit.

Auch wenn die Vorschläge im Stadtrat keine überbordende Begeisterung hervorriefen, war doch der allgemeine Lösungswille erkennbar. Obwohl für Mechthild Destruelle (Grüne) „der ganz große Wurf noch nicht dabei“ war, Christina Richtmann (FWG) eine Rad- und Fußgänger-Überführungslösung gerne weiterverfolgt hätte und Stadtbaumeister Markus Krämer wegen sozialer Sicherheitsmängel keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber der Unterführungslösung machte, billigte das Gremium die Vorlage mehrheitlich und beauftragte die Verwaltung die Konzeptuntersuchung zu vertiefen und zur besseren Visualisierung für 30.000 Euro fotorealistische Vorlagen erstellen zu lassen.

Was Bürgermeister Albert Oberts Zweifel am Erfolg der angestrebten  Verkehrssicherheitsmaßnahmen nicht ausräumen konnte: „Wir wollen das Problem vom Tisch haben und endlich lösen, aber ich behaupte, das wird uns nicht gelingen.“ Zumindest nicht, solange es Menschen gebe, die sich nicht an Verkehrsregeln hielten: „Und Menschen sind, wie sie sind.“

 

Kommentar von Bernd Rindle: Planerischer Geistesblitz gefragt

Für den Unfallschwerpunkt Allgäuer Ring soll nun eine von drei Varianten die Lösung bringen: eine altbackene, eine herkömmliche und eine, von der noch keiner weiß, ob und wie sie funktioniert. An der Notwendigkeit, den kritischen Kreisel zu entschärfen, gibt’s keinen Zweifel, wohl aber an den Wegen, die dazu führen sollen. Verwaltung und Stadtrat tun trotz allem Handlungsbedarf gut daran, sich ausreichend Zeit für die Entwicklung eines griffigen Konzepts zu nehmen.

Zumal es einfachere Aufgaben gibt, als eine innerstädtische Verkehrsachse, die mit dem Planungshorizont der Nachkriegszeit konzipiert wurde, den Sicherheitsanforderungen der Gegenwart anzupassen und dabei auch noch allen Mobilitätsbedürfnissen gerecht zu werden. Wohlgemerkt bei einer täglichen Frequenz von 35.000 Autos – mit steigender Tendenz, seit Eröffnung der Glacis-Galerie.

Der Spagat der freien Fahrt bei gleichzeitiger Befriedung der Verkehrslage unter Einhaltung der finanziellen Vernunft bedarf schon eines planerischen Geistesblitzes. Unterführungen, die als Angsträume gelten und nicht von ungefähr überall zurückgebaut werden, gehören ebenso wenig dazu wie futuristisch verklärte Radler-Umlaufbahnen im Orbit über der Straße.

Bei allem berechtigten Bemühen um Verkehrssicherheit hat Albert Obert mit einem schon recht: Man kann die Menschen nicht von der Eigenverantwortung befreien. Der Verkehrskasper wusste das schon immer: „Augen auf im Straßenverkehr!