Peter Neubrands Ulmer Mittelalterladen ist schwer zu finden. Unter dem wuchtigen orangen Schild des „Norma“ am Ehinger Tor geht es hinein in den Eingangsbereich des Supermarkts und eines Fitnessstudios. Ein kleines Holzschild mit der eingeschnitzten Schrift „Dreamland“ weist den weiteren Weg: am Fitnessstudio vorbei, die Treppe hinauf. Auf halber Strecke nach oben steigt dem Besucher dann der Geruch von Räucherstäbchen in die Nase. Leise kann man schon mittelalterliche Musik hören, bevor dann die ersten Kerzen neben einer runden, an einen Torbogen erinnernden, Eingangstür hängen.

Im Inneren der Räumlichkeiten fühlt man sich sofort in eine andere Epoche versetzt. Schwarze Samtstoffe zieren Tische, auf denen Schmuck in Gold und Silber liegt. Überall stehen brennende Kerzen und Büsten mit mittelalterlichen Gewändern. Auf den Sitzgelegenheiten liegen Felle, ein Schrumpfkopf hängt an der Wand.

An der Wand im Eingangsbereich, auf dem Weg zu den Lagerräumen, hängt ein Schrumpfkopf.
© Foto: Laura Liboschik

Dreamland Ulm: Ein Mix aus Lagerraum, Anprobe und Treffpunkt

Neubrand nennt die alte Arbeiterwohnung, die er in den Mittelalterladen „Dreamland“ verwandelt hat, seinen Lagerraum. Etwas untertrieben, denn er ist warm, gemütlich und authentisch geschmückt. Man merkt, dass der Ulmer dort gerne Zeit verbringt. Als Lagerraum bezeichnet er die Location deshalb, weil es sich bei seinem Laden nicht um ein klassisches Geschäft mit festen Öffnungszeiten handelt. Es gibt eine Webseite, auf der man sich angebotene Kleidungsstücke ansehen kann. Wenn einem etwas gefällt, kann man über Facebook einen Termin vereinbaren und zum Anprobieren kommen. Neubrand habe dieses Konzept gewählt, da „die Teile je nach Marke anders ausfallen. Man muss wissen, wie Korsagen geschnürt werden und wie die Gewänder sitzen sollen“. Das sei der Mehrwert bei „Dreamland“ gegenüber einem klassischen Online-Shop, so Neubrand.

Dreamland Ulm: Tag der offenen Tür am 23. November

Er veranstaltet zusätzlich Tage der offenen Tür (der nächste findet am 23. November statt), an denen Interessierte die Mittelalterkleidung anschauen und anprobieren können. Hier treffen sich dann Fans der Epoche, tauschen sich aus, verbringen Zeit miteinander. „Natürlich freue ich mich, wenn dann auch etwas gekauft wird, es ist aber definitiv kein Muss“, sagt Neubrand. Seine angebotenen Kleidungsstücke reichen vom Früh- bis zum Spätmittelalter, also von einfach bis prunkvoll. „Ich kenne mich nicht so genau aus, welches Stück in welche Zeit gehört. Es gibt aber auch Leute, die es erkennen, wenn ein Knopf eines Gewands nicht zu dessen zeitlicher Einordnung passt“, sagt Neubrand lachend. Er verrät außerdem: „Es ist wichtig, Leute in Mittelalterkleidung niemals als verkleidet zu bezeichnen – es heißt gewandet“.

Im „Dreamland“ gibt es Mittelalterkleidung für Damen, Herren und Kinder.
© Foto: Laura Liboschik

Das Spektakel um die Mittelaltermärkte

Wenn Neubrand nicht in seinem Laden ist, fährt er mit seinen Kleidungsstücken oftmals auf Mittelaltermärkte in ganz Deutschland. Dann packt er all seine gelagerten Gewänder, Kleider, Hemden und Blusen ein und verkauft sie an seinem „Dreamland“-Stand. Zwischen März und Oktober sei jedes Wochenende ein anderer Markt. Es handele sich bei den Mittelaltermärkten um richtige Events, mit breitem kulinarischem Angebot, Gauklern und Lagerfeuern. Es wird Met und Metbier getrunken, gefeiert und gelacht. Sogenannte Lagergruppen verbringen ganze Wochenenden dort, schlafen in Zelten und bespaßen das Publikum. Bezahlt werden sie dafür nicht – es ist ihr Hobby.

Um sich komplett mittelalterlich einzukleiden, müssten die Kunden schon ein paar Hundert Euro ausgeben, meint Neubrand. Der Händler verdiene mit seinem Laden und den Ständen also durchaus ein Zubrot, sagt er. Allerdings stünden auch für den 54-Jährigen der Spaß und der Kontakt mit verschiedenen Menschen der „Szene“ im Vordergrund. Deshalb betreibt er den Laden auch in seiner Freizeit und nicht hauptberuflich.

So ist Peter Neubrand zu seiner Leidenschaft gekommen

Zu seinem ungewöhnlichen Hobby, erzählt Neubrand, kam er erst vor ein paar Jahren durch seine Frau, die gerne Mittelaltermusik hört. „Was ist das denn für eine nervige Musik?“, habe er sich zuerst gedacht. Die Vielfältigkeit der Instrumente von Bands wie Saltatio Mortis, Corvus Corax oder Trollfaust habe ihn dann aber doch beeindruckt, erzählt Neubrand. Als er mit seiner Frau dann einige Abende in der Neu-Ulmer „Mittelalterschenke“, dem heutigen „Gewölbe“, verbrachte, habe es ihn gepackt. „Die Musik, die Atmosphäre und Kleidung sind einfach außergewöhnlich.“

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Als es mit seinem alten Job zu Ende ging und er die Zeit dazu hatte, kaufte Neubrand erste zeitgenössische Kleidungsstücke für einen mittleren vierstelligen Betrag. „Die habe ich in meinem Keller gelagert, in den Kombi gepackt und bin zu den Märkten und Leuten hingefahren“, erinnert er sich zurück. Seine Räumlichkeiten am Ehinger Tor möchte der Ulmer aber nicht mehr missen, denn dort kann er die Leute zusammenbringen. „So haben die Kunden ihren Spaß und wissen genau, was sie kaufen“.

Dieser Artikel ist in Kooperation mit cityStories Ulm entstanden.