Ulm Dr. Walter Wuttke: Aufrecht, konsequent, unbequem

Ulm / RUDI KÜBLER 13.02.2016
Es geschah im Urlaub. Sommer 1989, Kleinwalsertal. Als Walter Wuttke wieder zu sich kam, lag er in der Klinik in Oberstdorf. Und alles war weg. Aber wirklich alles. Ein schwerer Schlaganfall hatte den 48-Jährigen lahmgelegt.

Gehen konnte er nicht, stark beeinträchtigt waren auch die Gehirnregionen, die das Sprechen, Verstehen, Schreiben und Lesen steuern. Ausgerechnet er, der brilliante Redner, der kritische Geist, litt an Aphasie, war zur Sprachlosigkeit verdammt. Ausgerechnet er, der, wie der Ulmer Psychiater und Psychotherapeut Friedemann Pfäfflin einmal schrieb, "das zur Sprache gebracht hatte, was einem die Sprache verschlagen kann": die Medizin im Nationalsozialismus.

Gehen wir zurück in die 70er und 80er Jahre - die Zeit also, da die Ärzteschaft noch immer durchdrungen war von honorigen Kollegen, die die Rasse- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten nicht nur gutgeheißen, sondern getragen und gefördert haben. Mediziner, die sich nach 1945 weder erinnern konnten noch wollten: an Experimente mit KZ-Häftlingen oder an die Ermordung behinderter Menschen. Und Wuttke? Er zeigte genau diese Verstrickungen auf.

"Zu den wenigen Wissenschaftlern, die auf die spezifische Verbrechensgeschichte der Medizin frühzeitig und immer wieder hingewiesen haben, zählt der Medizinhistoriker Walter Wuttke. . . Die Beschäftigung war gerade an den Universitäten und in der Ärzteschaft weitgehend tabuisiert, er stieß auf eine Mauer des Schweigens und nicht selten auf aggressive Schuld- und Erinnerungsabwehr. Walter Wuttke wurde zum akademischen Außenseiter, den man zwar zur Kenntnis nahm, zugleich aber zu ignorieren und zu diffamieren suchte."
(Prof. Christoph Kopke, Historiker)

Heute lacht Walter Wuttke über diese Zeit, die ihm viel Feind' eingebracht hat. "Ich war der meistgehasste Mensch. Der einzige, der aufsässig war. Darauf bin ich auch stolz." Ruhiger ist er über all die Jahre hinweg nicht geworden. Er winkt ab, schaut sein Gegenüber an nach dem Motto: Ruhig kann ich später noch werden. So lange er kann, will er sich einmischen, will er mitmischen und aufmischen. Morgen feiert der Ulmer Medizinhistoriker seinen 75. Geburtstag.

Wo anfangen? Natürlich bei der Geburt. Sagt Walter Wuttke. Blickt verschmitzt. 14. Februar 1941, Finsterwalde. Vater Oberzollinspektor, Mutter Kindergärtnerin, sechs Geschwister. Abitur in Bremen, zunächst Studium der Theaterwissenschaften in Köln. "Ich bin ja eigentlich Theater-Narr." Jahre später sollte er zusammen mit Jörg Bohse zwei Theaterstücke schreiben: "Der rote Faden. Eine politische Revue zur Tradition der Sozialistenverfolgung" und "Der Prozess gegen Karl von Moor". Beide Stücke wurden Ende der 70er Jahre am Landestheater Tübingen aufgeführt, der Moor'sche Prozess unter anderem mit dem Altphilologen und Literaturhistoriker Walter Jens, Pastor Heinrich Albertz sowie dem Schriftsteller Peter O. Chotjewitz. Die Truppe ging sogar auf Tournee.

Die Theaterwissenschaften, sie warf Wuttke alsbald hin ("es war einfach zu langweilig"), um ganz anderes zu studieren: Latein und Germanistik, zuerst in Bonn, dann in Tübingen, wo er 1969 über Otto Sperling promovierte, einen Arzt und Botaniker des 17. Jahrhunderts. Das war Medizingeschichte, wie sie die Vertreter des Fachs verstanden - wie sie auch Wuttke anfangs verstand. Unverdächtig jeglichen kritischen Geistes. Er befasste sich in Vorlesungen und Seminaren mit "Antiker Physiologie", veröffentlichte Aufsätze zu Themen wie "Zur Erfindung des Fieberthermometers". Seine Vorlesung "Physiologie und Sprache der Erotik" wurde wegen großer Nachfrage eingestellt, ein wunderbares Thema, sagt er, "aber das hat niemanden interessiert".

Peu à peu kreiste er in den kommenden Jahren seinen eigentlichen Forschungsgegenstand ein. Den Anfang markierte 1973 das Seminar mit dem Titel "Das Paracelsus-Bild im DrittenReich", es folgten Seminare über "Nationalsozialistische Medizin" sowie Veröffentlichungen über "die Vernichtungslehre in der NS-Medizin". Wuttke hatte sein Thema gefunden - und sich überaus beliebt gemacht bei der Ärzteschaft im Allgemeinen und bei den Medizinern im Besonderen, die von 1933 bis 1945 Karriere gemacht hatten. Trotz heftigen Gegenwinds forschte er unbeirrt weiter, desavouierte Mediziner als Handlanger des Regimes. "Viele Kollegen hielten die Schnauze, ich wollte mir nicht das Wort verbieten lassen."

"Walter Wuttke habe ich als einen unglaublich geradlinigen Menschen kennengelernt. Als das Gegenteil eines Opportunisten. Immer an seiner "Sache", der schonungslosen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, den Tätern und den Opfern, interessiert. Das hat ihm sicher viele berufliche Wege verstellt, aber er ist sich stets treu geblieben. Ich bin froh, dass ich ihn über viele Jahre hinweg als Wegbegleiter hatte und habe."
(Lothar Heusohn, vh Ulm)

Es kam, wie es kommen musste: Die Tübinger Medizinhistoriker kickten ihn raus, ihn, den Nestbeschmutzer, der vor großen Namen nicht halt gemacht hatte. Als er im November 1978 anlässlich eines Kongresses die Nazi-Vergangenheit des Gynäkologen und Medizinhistorikers Paul Diepgen beleuchtete, "herrschte absolutes Schweigen im Walde". Er zeigte auf, wie die Karriere des SS-Mitglieds und NS-Ärzte-Funktionärs Karl Haedenkamp verlaufen war: Bereits 1933 auf Linie, hatte der spätere Auslandsreferent des Reichsärzteführers von der "Ausmerzung erbkranker Belastung" gesprochen und die Ausschaltung jüdischer und linker Kollegen begrüßt. Nach 1945 machte Haedenkamp als Ärztefunktionär weiter, als sei nichts geschehen - ein Beispiel für die Kontinuität innerhalb der Standesvertretung der Mediziner.

Wuttke schaffte es mit seiner Veröffentlichung, dass die Kölner Haedenkamp-Straße, in der die Bundesärztekammer früher ihren Sitz hatte, in Herbert-Lewin-Straße umbenannt wurde. Zu Ehren des jüdischen Mediziners Herbert Lewin, der das KZ überlebt hatte, dem aber nach 1945 weiterhin antisemitische Ressentiments übelster Art entgegenschlugen.

Die größe Aufmerksamkeit erregte Wuttke aber mit der Ausstellung "Volk und Gesundheit - Heilen und Vernichten im Nationalsozialismus", die er als Projektleiter mitkonzipiert hatte. Zuerst in Tübingen von 17.000 Interessierten besucht, sorgte sie anschließend in 70 Städten im In- und Ausland für Furore. "Die Ausstellung war eine Bombe", so Wuttkes Urteil heute. Er war es auch, der erstmals den Gegensatz "Heilen und Vernichten" in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt hat, eine Formulierung, die auf einprägsame Art und Weise beschreibt, wie sich Mediziner in den Dienst der NS-Ideologie stellten und willig am staatlich verordneten Massenmord beteiligten.

Wer aber wollte einen wie Wuttke einstellen? Einen, der kein Blatt vor den Mund und schon gar keine Rücksicht nahm - weder auf die anderen noch auf sich? Keiner! Der Medizinhistoriker musste an diesem Projekt, an jenem Projekt arbeiten, um sich finanziell über Wasser zu halten. Unter anderem konzipierte er von 1982 bis 1984 die erste Dauerausstellung des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg (DZOK).

Walter Wuttke war der Erste, der eine kritische - das heißt auch die Täter benennende - Geschichtsschreibung zum Nationalsozialismus in der Region Ulm entscheidend angestoßen hat. Ein frühes Beispiel dafür sind seine über zwei Jahre gehenden Forschungen zur Geschichte des Ulmer "KZ Oberer Kuhberg". Daraus wurde eine am 19. Mai 1985 eröffnete erste Dauer-Ausstellung im Fort Oberer Kuhberg. Er hat mit diesen Arbeiten die nach ihm folgende Arbeit und das Profil des Ulmer Dokumentationszentrums entscheidend geprägt.
(Dr. Silvester Lechner, ehemaliger Leiter des DZOK)

Wuttke machte es den anderen nicht leicht, sich selbst aber auch nicht. Er eckte an - aber nicht um des Aneckens willen. Es ging ihm stets darum, aufzudecken und aufzuklären. Konsequent und unnachgiebig. "Ich wollte keinen anderen Weg", sagt er heute. Gegen den Strom zu schwimmen, kostete ihn letztlich die Karriere. Auch die Gesundheit? Darüber macht er sich keine Gedanken. "Mich zu bedauern, dazu habe ich keine Zeit." Da klingt der alte Wuttke durch, freilich: Seine Wortgewalt ist dahin, die Komplexität der Gedanken, die ihn früher auszeichnete, ist einer einfachen Sprache gewichen. Bisweilen fehlen ihm die Worte, "ich weiß, dass ich manchmal nicht richtig formulieren kann". Aber: Wuttke hat sich wieder zurückgekämpft ins Leben, mit enormem Willen und der Hilfe seiner Frau Erika Tanner, die ihn bei seiner Arbeit unterstützt. "Ich war nie verzweifelt, sondern immer optimistisch."

Und: Er kehrte ins wissenschaftliche Leben zurück. Außenseiter, der er selber ist, befasste er sich mit Außenseitern - mit Opfergruppen, die einfach vergessen wurden, wie er sagt. Mit behinderten Menschen beispielsweise. Er forschte zur Geschichte des Oberen Riedhofs in der NS-Zeit, nannte in seinem Buch "O, diese Menschen" Opfer und Täter. Er recherchierte zur "Zigeunersiedlung" am Roten Berg und spürte der Biografie des Sinti-Jungen Willi Eckstein nach, der von Ulm nach Auschwitz deportiert und elfjährig in der Gaskammer starb.

So lange er noch die Kraft hat, will Walter Wuttke forschen, "das ist mein Leben".

"Es ist das klare, scharfe und kompromisslose - und mitunter auch sture - Denken, das ich an Walter Wuttke bis heute so sehr schätze. Walter Wuttke verkörpert für mich das Bild eines leidenschaftlichen, demokratischen und aufgeklärten Wissenschaftlers, der mit Kopf und Herz an einer Humanisierung der Gesellschaft arbeitet. Und dabei ist er bis heute unbeugsam und unbequem geblieben - und ein Segen für Ulm. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!"
(Prof. Ulrich Klemm, Verleger)

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