Ulm Dr. Michael Vogelpohl ist Arzt und hat ein Konzertexamen als Pianist

Keine medizinische Untersuchung: Dr. Michael Vogelpohl sitzt am offenen Konzertflügel und spielt Chopin. Mit Gefäßerkrankungen kennt sich der Angiologe aus - und als Pianist mit dem Innenleben eines Steinways.
Keine medizinische Untersuchung: Dr. Michael Vogelpohl sitzt am offenen Konzertflügel und spielt Chopin. Mit Gefäßerkrankungen kennt sich der Angiologe aus - und als Pianist mit dem Innenleben eines Steinways. © Foto: Jürgen Kanold
Ulm / JÜRGEN KANOLD 01.03.2014
Er arbeitet als Internist am Bundeswehrkrankenhaus, widmet sich aber auch einem besonderen Klangkörper - dem Steinway-Flügel. Dr. Michael Vogelpohl ist ein Arzt mit einem Konzertexamen als Pianist.

Arterien und Venen sind sein Fachgebiet als Arzt. Und mit den Saiten, die durch das Klavier, einen ganz anderen Körper, pulsieren, kennt sich Dr. Michael Vogelpohl auch sehr gut aus: Er ist Angiologe und Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin am Ulmer Bundeswehrkrankenhaus - und Pianist. Am Sonntag im Stadthaus diagnostiziert er keine Gefäßkrankheiten, sondern spielt eine Klavier-Matinee.

Ärzte und Musik, das ist ein großes Thema, es gibt sogar ein World Doctors Orchestra. Aber wie ist der aus Verden (Aller) stammende Vogelpohl den Doppel-Weg gegangen? Er studierte zunächst am Bremer Konservatorium, wohin er eigentlich nur gekommen war als Klavierbegleiter eines Geigers. Doch der Professor interessierte sich dann mehr für den Pianisten. Mitte der 1970er Jahre machte er an der Musikhochschule Hannover das Konzertexamen, mit dem 1. Klavierkonzert d-Moll von Brahms.

Trotzdem wählte Vogelpohl den Arztberuf und begann ein Medizinstudium. Die Eltern, eine "gesetzte Beamtenfamilie", waren froh, dass der Sohn "bekehrt wurde", erzählt er schmunzelnd. Sein "sicherheitsbedürftiges Umfeld" habe diese Entscheidung beeinflusst, aber auch der Einblick in den Konkurrenzkampf des Musikbetriebs: "Es gibt keine Mittelklasse, nur unten oder ganz oben."

Natürlich habe er als Mediziner "fleißig weiter Musik gemacht". Vogelpohl studierte bei der Bundeswehr, er diente danach als Sanitätsoffizier in Kiel und war fünf Jahre auf Sylt stationiert. Er gab gelegentlich Konzerte - weshalb er in Marine-Kreisen ungläubig gefragt worden sei: "Haben Sie einen Bruder, der Klavier spielt?"

Vogelpohl kam in den späten 80er Jahren nach Ulm. Aber auch als Internist bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr ("ich war immer der Bordpianist") galt: "Wo ist ein Klavier?" In der Wüste Somalias gab es keines, in Kambodscha fand er einen Yamaha-Flügel - allerdings nicht an Land, sondern auf einem chinesischen Handelsschiff auf dem Mekong. In der Kathedrale von Sarajewo spielte er das erste öffentliche Konzert nach dem Bosnienkrieg - ein TV-Ereignis damals. Und wenn er im Ausland einem Militärpfarrer begegnete, wurde "Vopo", so sein Spitzname, immer schnell als Organist für den Feldgottesdienst rekrutiert.

Das Orgelspiel ist Vogelpohls andere große Leidenschaft seit Jugendtagen am Verdener Dom: Er sammelt geradezu Orgeln - spielend. Im Kölner Dom, im Passauer Dom oder im Leipziger Gewandhaus hat er schon die Register gezogen. Dass er Mediziner ist, habe ihm manche Türe geöffnet.

So richtig öffentlich als Pianist ist Vogelpohl in Ulm erstmals in den 90er Jahren aufgetreten, in einem Konzert im neuen Congress Centrum für die Aktion 100 000. Viele weitere Auftritte folgten, auch als Solist in Konzerten des Orchestervereins oder als Liedbegleiter. Sein Vorteil: "Ich habe den Bonus, nicht der Vollprofi zu sein, ich muss nicht hundertprozentig perfekt spielen", sagt er lachend. Ein falscher Akkord ist nicht lebensentscheidend, eine falsche Diagnose kann es sein. Doch als Arzt könne man nicht so danebengreifen wie als Pianist, meint Vogelpohl: "Eine Lungenentzündung kann man klar bewerten."

Wenn wir schon bei der Medizin sind: "Natürlich hat die Musik einen großen Einfluss auf unseren Organismus, auf unser Wohlbefinden", sagt er. Glücksgefühle entwickelt der 60-jährige Flottillenarzt selbst, wenn er zu Hause an der Erwin-Rommel-Steige in Herrlingen an seinem neuen Flügel von Steinway & Sons in die Tasten greift, einem D-274. Tatsächlich 2,74 Meter lang ist das Prachtexemplar. Vogelpohls Steinway stand im Münchner Herkulessaal, wo ihn berühmte Pianisten traktierten. Es ist üblich, dass Instrumente an solchen Top-Schauplätzen der Klassik nach einigen Jahren ausgewechselt und - generalüberholt - weiterverkauft werden. Jetzt steht er da wie neu, der D-274: "Ein Lebenstraum", sagt Michael Vogelpohl und staunt als feinfühlig-romantischer Pianist ("ich dresche nicht auf die Tasten") über die Klangfarbenpalette.

Auch Konzertflügel haben im Übrigen einen empfindlichen Organismus: Zimmertemperatur, Luftfeuchtigkeit, alles muss stimmen, ein Riss im Resonanzboden würde den Tod bedeuten. Jetzt wirds fast wieder medizinisch: Ein "Live Safer System" dient der Gesundheit des Vogelpohl-Steinways. Ein Hygrostat kontrolliert, ob die Holzteile des Flügels zu feucht oder zu trocken sind und setzt automatisch den Ent- oder Befeuchter in Gang; eine LED-Anzeige signalisiert, ob der Wassertank nachgefüllt werden muss.

Es ist ein bisschen so wie im Krankenhaus. Nur dass Michael Vogelpohl auf seinem wunderbar gesunden Flügel lebhaft Chopin spielt.

Klavier-Matinee
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