Konsum Dorfladen mit sozialer Funktion

HANS-ULI MAYER 17.06.2016
Am Sonntag wird groß gefeiert: Vor zehn Jahren hat Irmengard Zeeb das Dorflädele in Mähringen eröffent – ein Laden mit sozialer Funktion.

„Eine Schachtel Zigaretten, bitte.“ Oskar legt das Geld auf den Tresen und zögert noch zu gehen. „Du willst mich noch drücken, oder?“, sagt Irmengard Zeeb und umarmt den 21-Jährigen. Drei Wochen war die Chefin des Mähringer Dorflädele zur Kur – und wurde von ihren Stammkunden vermisst. Die Zigaretten waren nur der Vorwand, eigentlich wollte Oskar „Grüß Gott“ sagen und erzählen, dass er sich ein Motorrad gekauft hat. „Es geht hier nicht nur um das Einkaufen. Der Laden hat auch eine soziale Funktion“, sagt die 59-Jährige.

Beispielsweise parkt jeden zweiten Dienstag im Monat  der Bücherbus direkt vor dem  Laden an der Ecke Kiesentalstraße/Alte Straße. Vor dem Bus springen Kinder herum, die von ihren Eltern nach dem Leseeinsatz zur Belohnung ein Eis im Lädele bekommen. An den anderen Tagen sperrt Zeeb die kurze Stichstraße mit Pflanzen- und Blumenkübeln ab, stellt Tisch und Stühle vor ihr Geschäft und schenkt frisch gebrühten Kaffee aus. Sie stellt so etwas wie das Zentrum des Teilorts dar, in etwa geografisch, vor allem aber sozial.

Eröffnet hat sie zehn Jahre und zwei Tage zuvor am 17. Juni 2006. Vorausgegangen waren lange Diskussionen und Beratungen, in denen die Mähringer klar zum Ausdruck brachten, wie wichtig ihnen eine Einkaufsmöglichkeit am Ort ist. Die Ortschaftsräte hatten sich deshalb mit finanzieller Unterstützung des Ulmer OB zu einer Gesellschaft des bürgerlichen Rechts (GbR) zusammengeschlossen, um das Projekt aufs Gleis zu setzen. Schließlich fanden sie in dem ehemaligen Mehlladen der Günkele-Mühle zwischen Dorfwirtschaft und alter Molke den idealen Standort für den Laden.

Und wenig später stand auch Irmengard Zeeb als Pächterin fest, die in einer Vorstellungsrunde vor dem halben Ort mit ihrem Konzept überzeugen konnte. „Ich bin da geschickt hingelaufen“, macht sie auf Understatement: „Vielleicht hatte ich auch den Vorteil, früher in Mähringen gewohnt zu haben.“ Jetzt bietet sie auf 27 Quadratmetern alles, was man so braucht. Nebenan kommt in einer alten Garage noch einmal so viel Platz dazu, wo sie Obst und Gemüse anbietet und auch einen kleinen Getränkemarkt betreibt – am Sonntag wird Jubiläum gefeiert.

Ideal geschnitten ist der Laden gewiss nicht. Die 27 Quadratmeter verteilen sich auf einen engen Schlauch, 9 auf 3 Meter, was viel Geschick verlangt, die Produkte vernünftig anzuordnen. „Bei mir kriegen sie alles“, sagt Zeeb selbstbewusst – vor allem auch noch Dinge für 7 Cent, wie einzelne Brausestäbchen. Freilich ist das Sortiment über die Jahre gewachsen. Immer gleich geblieben ist dagegen der hohe Anspruch an Qualität.

Drei Bäcker beliefern sie, darunter Bio-Qualität. Für die Brezeln bekommt sie frische Teiglinge, die sie täglich aufbäckt. Frischeprodukte kommen von der Hofmelkerei Mäckle, Salat und Gemüse beispielsweise von Gärtner Maier aus Söflingen, Erdbeeren aus Weidach oder Honig aus Mähringen. Andere Dinge wie Kaffee sind fair gehandelt. Zeeb: „Mit ist wichtig, dass wir uns an der Saison und an den Produkten aus der Region orientieren.“

Freilich ist nicht alles Bio, was sie verkauft – aber viel. Vor allen Dingen auch bei Fleisch und Wurst will sie keine Kompromisse eingehen. Das Angebot ist begrenzt, weshalb das Wenige gut sein soll, lautet ihr Credo. Dabei hat sie immer die ganze Kundschaft im Blick, wie sie sagt. Es gibt natürlich auch Drogerieprodukte für den täglichen Bedarf, es gibt Zeitschriften, Konserven, einen Paketservice von Hermes, Postkarten und Blumensamen und sogar die Möglichkeit, Bücher auszusuchen und zu bestellen, was allerdings nur wenig angenommen wird. Zeeb: „Es ist vieles gewachsen über die Jahre. Ich versuche mich auf die Kunden einzustellen.“ Dazu gehört auch, auf Aktuelles vorbereitet zu sein. Zwischen Zeitschriften und Postkarten des Ulmer Fotografen Gerhard Kolb gibt es extra EM-Schminke, in den deutschen Farben.

Die Kundschaft allerdings verändert sich, beziehungsweise kommt nicht mehr in der Häufigkeit wie noch vor zehn Jahren. Einige der älteren Mähringer, die damals noch vehement für einen solchen Laden gekämpft haben, sind inzwischen verstorben. Die jungen Bewohner kaufen anders ein. Dabei gibt es aber auch ganz treue Seelen.

Einer ihrer Stammkunden ist weggezogen und hat sich mit einem Brief verabschiedet, in dem er sinngemäß schreibt, dass die tägliche Butterbrezel, die er sich morgens auf dem Weg in die Arbeit im Dorflädele gekauft habe, immer ein besonderer Genuss gewesen sei. Es habe sich immer gelohnt, schreibt der nach Tübingen verzogene Jurist, „für ein freundliches Lächeln eine Brezel zu kaufen“, sagt Zeeb.

Jubiläumsfest zum Zehnjährigen

Feier Am 17. Juni 2006 hat Irmengard Zeeb zum ersten Mal die Tür zu ihrem Mähringer Dorflädele für die Kunden aufgesperrt. Am Sonntag, zehn Jahre und zwei Tage später, findet am 19. Juni 2016 auf dem Hof des benachbarten Gasthauses Krone ein Jubiläumsfest statt. Von 14.30 Uhr an bewirtet die Mannschaft der Krone, dazu tritt der Gesangverein Mähringen auf, Uli Dumschaf spielt auf der Gitarre und schließlich sorgt DJ Harald in den Abend hinein für Stimmung.