Braucht es einen Jura-Professor, um zu verstehen, warum Doping verboten ist? Dieser Gedanke konnte einem beim Veranstaltungstitel kommen: "Doping und Betrug im Sport - Ethik, Sportrecht und Strafrecht." Doch den 20 Gästen wurde rasch klar, dass es Wolfgang Schild im Vortrag um mehr geht. "Sportlicher Wettkampf ist eine Parallelwelt", stellte der Professor fest. "Jeder Sportler muss sich an den Geist des Wettkampfes halten - und das heißt akzeptieren, dass der Wettkampf ein Spiel ist." Im Idealfall bedeutet dies, dass Sportler sich an Regeln halten, obwohl der Regelübertritt ihnen einen Vorteil verschaffen könnte: Man kann es auch "Fairplay" nennen.

Der dopende Sportler setzt sich darüber hinweg. "Wer dopt, verändert nicht nur die Art des Spiels, er verändert den Sinn", sagt der gebürtige Wiener. "Er verletzt nicht nur eine Regel, sondern wendet sich gegen den Geist des Spiels." Logisch betrachtet könne man nicht einmal mehr sagen, dass er ein Betrüger sei, denn er beteilige sich schlichtweg nicht mehr am Spiel.

Es mache folglich auch keinen Sinn, dass der Bundestag vor einem knappen halben Jahr das Anti-Doping-Gesetz beschlossen hatte, um Dopingsünder strafrechtlich zu sanktionieren. Das Gesetz solle die Sportverbände dabei unterstützen, die grassierenden Dopingaffären in den Griff zu bekommen. Doch das bedeute auch, dass sich der Staat nun in ein schützenswertes Kulturgut einmische, über das er gar nicht verfügen dürfte, weil es sich eben um ein Spiel handelt. Außerdem bleibe das Anti-Doping-Gesetz in zentralen Punkten vage. Da heißt es etwa, dass es sich an diejenigen Sportler richte, "die Einnahmen in erheblichem Umfang erzielen." Schild: "Von wie viel Geld reden wir? Ich kenne kein Gesetz, das so schlecht ausgearbeitet ist!"

Was das Anti-Doping-Gesetz unter Doping versteht, richtet sich nach dem Code der Welt Anti-Doping Agentur (WADA) - einem Korsett an Verboten sowie Bestimmungen über unzulässige Substanzen. Schild: "Damit ist im Sport ab jetzt eine Verbotsliste maßgeblich und nicht mehr Fairness."

Dies sei am besten bei den neuerlichen Machenschaften rund um das Medikament "Meldonium" zu beobachten. Der herz- und kreislaufwirksame Arzneistoff steht erst seit Januar auf der WADA-Dopingliste. Insbesondere osteuropäische Top-Sportler wie die russische Tennisspielerin Maria Scharapowa wurden seitdem positiv auf Meldonium getestet. Den daraufhin Suspendierten öffnete die WADA aber eine Hintertür: Offenbar konnten die Dopingtests nicht beweisen, dass die verbotene Substanz nicht vielleicht auch vor dem 1. Januar eingenommen wurde - und sich damit noch im legalen Rahmen bewegte. "Hatten diese Sportler damals alle einen Herzinfarkt?", fragt der 69-Jährige bissig. "Spitzensportler berufen sich nur noch auf einen Behörden-Apparat. Damit geht jeder Bezug zur Sportethik verloren." Schild fordert wieder mehr Haltung - von den Sportlern und den Verbänden, die zu großen Teilen korrumpiert seien.