Der Stoff war türkis mit Schiffen drauf. Wir sollten einen Rucksack daraus nähen, in der 5. Klasse war das. Fertig geworden ist das Projekt nie, als Note bekam ich eine Vier. Die Handarbeitslehrerin wollte wohl meinen guten Willen belohnen ... Trotzdem stehe ich jetzt in der Ensinger Straße 1, vor dem Schulungsraum von Nähmaschinen Hörmann. Die Chefin Maria Wahl hat mich eingeladen, als ich zum Thema „Do it yourself“ bei ihr anfragte. Nähen sei gerade wieder total angesagt, wegen Corona, wegen Nachhaltigkeit und weil es einfach Spaß mache. Mit einem strahlenden Lächeln begrüßt sie mich. Der Raum ist geräumig, in der Mitte stehen mehrere große Tische, auf denen grüne Schneidematten liegen. Ringsum Regale mit bunten Stoffballen, Tausenden Rollen Stickgarn und anderen Dingen, die ich nicht benennen kann, die aber alle so aussehen, als würde man sie dringend brauchen, wenn man nähen will.

Eine Nähmaschine zur Hochzeit

Zwei Damen sitzen im Raum: Elvira und Bea. Elvira, lange, blonde Haare, ist Stammkundin bei den Wahls: „Ich habe eine hauswirtschaftliche Ausbildung gemacht, da gehörte das Nähen irgendwie dazu. Meine erste eigene Nähmaschine habe ich von meinen Eltern zur Hochzeit geschenkt bekommen.“ Vor einigen Jahren hat sie ihr Hobby wiederentdeckt. „Mittlerweile nähe ich täglich – wenn ich mal nicht an der Maschine sitze, bekomme ich schlechte Laune.“ Bea, kurze schwarze Haare, arbeitet hier, war aber auch schon vorher Stammkundin: „Ich liebe es zu nähen, habe zuhause mein eigenes Nähzimmer.“ Wie praktisch, dass sie hier ja quasi an der Quelle ihres Hobbys sitzt. Alle drei tragen übrigens selbstgenähte Klamotten: Bea eine schwarze Bluse aus einem Stoff mit grober Struktur – und als Eyecatcher große, schwarze Knöpfe. Elvira ein Kleid im Animalprint-Style mit Rüschen. Maria ein blaues T-Shirt mit aufgestickter Pusteblume. Generell tragen die drei fast nur Selbstgenähtes: „Nur Jeans und Unterwäsche kaufe ich im Laden“, lacht Elvira.

Die Einführung gibt es gratis dazu

Während der Pandemie haben sich viele eine Nähmaschine zugelegt – weil sie mehr Zeit hatten, selbst kreativ werden wollten und keinen Bock mehr hatten auf die immer gleichen Klamotten von H&M, Zara und Co. Teenies sind darunter, die erste Ausflüge in die Modebranche unternehmen, junge Mütter, die für ihre Kinder nähen. „Viele werden jetzt denken, ich muss das sagen, weil ich die Dinger ja verkaufe: Aber wer sich ein Billigteil im Discounter oder aus dem Internet zulegt, wird nicht viel Freude damit haben“, sagt Maria. Denn erstens gehen diese Maschinen schneller kaputt – und zweitens nähen sie eben auch schlechter. Und, das Entscheidende: „Sie bekommen das Ding und wissen gar nicht, was man damit alles anfangen kann.“ Maria Wahl und ihr Team geben dagegen Einführungskurse: „Da haben wir selber aus unserer jahrelangen Erfahrung einen dicken Ordner angelegt, den wir mit nach Hause geben: Wie man was macht, welche Probleme man selber lösen kann.“ Und wer nicht weiter weiß, kann jederzeit kurz anrufen oder vorbeikommen. Das ist besonders praktisch, wie ich an diesem Tag lerne, weil die Nähmaschine von heute mehr als ein Motor ist, der eine Nadel durch ein Stück Stoff rammt. Die moderne Nähmaschine ist ein Hochleistungsgerät mit integriertem PC und näht quasi von selbst. Wovon ich wirklich fasziniert bin, ist das, was mir die Damen jetzt zeigen: Sie sticken einen Namen und ein Motiv in ein Handtuch. Da ich mir Farbe, Motiv und Name aussuchen darf, wird es ein FRIZZ-Handtuch mit einem blau-silbernen Anker. Elvira tippt an der Nähmaschine herum, auf dem Display erscheint „FRIZZ“. Dann ein paar weitere Tipper, der Anker ist da – nur noch die Größe anpassen und schon geht es los. Elvira legt den Faden ein, senkt den Nähfuß und die Maschine rattert. Ein paar Minuten später halte ich das neue FRIZZ-Handtuch in den Händen. Ein echtes Unikat!

Nähen ist wie Autofahren: Das bekommt man schnell ins Gefühl

Abseits vom automatischen Besticken frage ich mich aber, wie die Näherinnen das alles so akkurat hinbekommen. Wenn ich da an meinen Rucksack zurückdenke … Wie schwierig sind gerade Nähte? Elvira winkt ab: „Ach, das ist wie mit dem Autofahren. Das bekommt man recht schnell ins Gefühl.“ Manchmal sitzt sie stundenlang an der Maschine. „Da vergeht die Zeit wie im Flug, da schaue ich dann auch nicht auf die Uhr.“ Worauf Elvira ein bisschen stolz ist, ist die Mitgliedschaft in einem exklusiven Club: „Wir bekommen da vorab schon die neuesten Schnitte von Designern zugeschickt und testen die, ob die auch klappen und ob die Maße richtig sitzen.“ So hat Elvira immer die trendigsten Klamotten. Ob ich vielleicht auch mal wieder …? Irgendwie habe ich in dieser Atmosphäre, umgeben von Stoffen und ratternden Nähmaschinen, schon ein bisschen Lust bekommen. Doch bei mir wird es wohl an der Zeit scheitern … denn wie sagt Maria Wahl schmunzelnd: „Der Tag müsste für uns eigentlich 48 Stunden haben!“
[Frizz]