Gesundheitsberufe Diskussion: Wie kann Pflege attraktiver werden?

Sozialminister Manfred Lucha in der Gesundheitsakademie Wiblingen. „Pflege ist mitunter ein Knochenjob.“
Sozialminister Manfred Lucha in der Gesundheitsakademie Wiblingen. „Pflege ist mitunter ein Knochenjob.“ © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Christoph Mayer 16.08.2018

Pflege- und zunehmend auch technische Gesundheitsfachberufe haben in Deutschland ein Problem: Es mangelt ihnen an Bewerbern. Aktuell fehlen republikweit rund 110 000 Fachkräfte, für 2030 gehen Prognosen im schlimmsten Fall von einer Lücke von 440 000 Personen aus. Auch Prof. Karl-Heinz Tomaschko, Leiter der Akademie für Gesundheitsberufe in Wiblingen, kann davon ein Lied singen. Obwohl die zum Uniklinikum Ulm gehörende Ausbildungseinrichtung ihr Angebot kontinuierlich erweitert, sinken die Bewerberzahlen – von rund 1800 im Jahr 2016 auf 1400 in 2017.

Run auf akademische Berufe

Das hat keine hausgemachten Ursachen, andernorts sieht es deutlich schlimmer aus. Zum einen ist das der demographischen Entwicklung geschuldet, die Zahl der Berufsanfänger hat sich im Vergleich zu den Babyboomer-Jahren mehr als halbiert. Zum anderen macht Tomaschko dafür den „academic drift“ verantwortlich – jenen Umstand also, dass immer mehr Schulabgänger in akademische Berufe drängen. Anders als im Ausland sind Gesundheitsberufe in Deutschland überwiegend keine Studien- sondern reine Ausbildungsberufe mit entsprechend geringerer Vergütung und vielfach auch geringerer Entscheidungshoheit. Das muss sich ändern, sagte der Akademiechef gestern anlässlich des Besuchs des baden-württembergischen Sozialministers Manfred Lucha (Grüne) in seinem Haus. „Wir brauchen mehr Akademisierung, damit überhaupt noch junge Menschen in Gesundheitsberufe gehen wollen.“

Die im Klosterhof gelegene Einrichtung geht dabei mit gutem Beispiel voran. Seit 2013 bietet sie in Kooperation mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg drei Bachelorstudiengänge im Wiblinger Kloster an, ein vierter ist geplant. Die Bewerber erhalten zusätzlich zu ihrem Berufsabschluss einen akademischen Grad, „alles unter einem Dach“, wie Tomaschko betonte.

Dennoch bat der Akademiedirektor den Minister um mehr politische Unterstützung: Zum einen möge er sich dafür einsetzten, dass die Duale Hochschule in Ulm zusätzliche Studiengänge anbietet. Platz sei da, denn künftig wird die Gesundheitsakademie auch die Räume des ehemaligen Wiblinger Pflegeheims nutzen. Zum anderen erbat Tomaschko Schützenhilfe in Sachen Vergütung. Mittelfristig müsse es für alle an der Wiblinger Akademie angebotenen Ausbildungsberufe eine Bezahlung geben. Denn während angehende Krankenschwestern und -pfleger, OP-Assistenten und Hebammenschülerinnen ein monatliches Gehalt von 1200 Euro bekommen, gehen angehende Medizinisch-Technische Assistenten, Diätassistenten und Logopäden einstweilen leer aus.

Auch wenn Lucha („Eine Intensivkrankenschwester muss mindestens so viel verdienen wie ein Maschinenbauer bei Bosch“) Tomaschko „in allen Punkten“ recht gab, warnte er vor zu großen Hoffnungen. „Ich tu’, was ich kann“, sagte der Minister. Bei der angestrebten Ausbildungsvergütung für alle Gesundheitsberufe müsse man „sehr dicke Bretter bohren“.

Für Prof. Udo Kaisers hat die Pflege ein weiteres Problem. „Sie hat ein negatives Image, weil sich die öffentliche Diskussion vor allem auf die negativen Aspekte konzentriert“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Klinikums. Dabei sei der Beruf attraktiv und biete „ein hohes Maß an Befriedigung“.

Das weiß auch Lucha, der selbst gelernter Krankenpfleger ist. An seine Zeit im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Weißenau in den 80er Jahren erinnert er sich noch lebhaft. „Obwohl ich jung und Leistungssportler war, bin ich nach der Schicht oft auf allen Vieren aus der Klinik gekrochen. Das ist mitunter schon ein Knochenjob.“

Neun Berufe und drei Studiengänge

Akademie Am Gesundheitscampus Wiblingen können Nachwuchskräfte in neun verschiedenen Berufen eine Ausbildung absolvieren – von der Kinderkrankenpflege bis zur Logopädie. In Süddeutschland ist die Akademie die einzige Anbieterin für die Ausbildung zur Medizinisch-technischen Assistenz für Funktionsdiagnostik. Zusätzlich übernimmt sie mit ihren drei Dualen Studiengängen, darunter die Angewandten Hebammenwissenschaften, bundesweit eine Vorreiterrolle.

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